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Kinder trauern anders

Aus der Printausgabe - UK 43 / 2021

Sabine Damaschke | 27. Oktober 2021

Das Gevelsberger Hospiz Emmaus gibt Kindern Raum für Gefühle und Fragen zum Thema Sterben und Tod

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Die Trauer- und Sterbebegleitung für Kinder sieht anders aus als die für Erwachsene. Das ambulante Hospiz Emmaus in Gevelsberg ist einer der wenigen Hospizdienste in der Diakonie RWL, die Angebote für alle Altersgruppen haben.

Wie sieht der Himmel aus, in dem ihre Großmutter jetzt wohnt? Yasin und Selim sind ganz in ihrem Element, wenn sie in der Kindertrauergruppe des Hospiz Emmaus in Gevelsberg malen, wie sie sich das Jenseits vorstellen. Der achtjährige Selim zeichnet viel blauen Himmel mit Wolken und Meer. Der elfjährige Yasin malt Felder, ein paar Häuser und einen Wasserfall dazu. „Ich glaube, der Himmel meiner Oma ist wie das türkische Dorf, in dem sie aufgewachsen ist“, erzählt er.

Was die beiden Brüder gezeichnet haben, ist auch Thema der Gesprächsrunde, die zur Kindertrauergruppe dazugehört und die auf bunten Kissen in einem Kreis stattfindet. In der Mitte sind Kerzen, bunte Steine, Stofftiere und eine kleine „Schatzkiste“ aufgestellt. „Ich versuche, nicht immer an meine Oma zu denken, aber sie auch nicht zu vergessen“, fasst Selim zusammen, was er in der Kindertrauergruppe gelernt hat. „Als ich zuerst hier hinkam, war ich oft ganz traurig und wütend.“

Mit 73 Jahren ist die Oma, die sich intensiv um ihn und seinen größeren Bruder gekümmert hat, an Corona gestorben. „Ich war auch sauer“, ergänzt Yasin. „Besuchen durften wir sie in der Klinik ja nicht, aber ich bin jeden Tag mit einem Freund hingelaufen und habe vor ihrem Fenster gebetet, damit sie wieder gesund wird. Hat aber nichts genützt.“

Lernen, mit Trauer und Wut umzugehen

Beide vermissen die Oma sehr, die vor einigen Monaten in ihrem Heimatdorf in der Türkei begraben wurde. Aber sie wissen jetzt besser, wie sie mit ihrer Trauer und Wut umgehen können. „Wir malen und basteln etwas, das uns an sie erinnert und sprechen darüber, wenn wir traurig sind“, sagt Yasin. „Aber wir spielen auch Uno und toben“, betont Selim und rollt auf dem Hüpfball durch das große Zimmer, in dem die Kindertrauergruppe einmal in der Woche stattfindet.

Seit 2016 bietet das Ökumenische Hospiz Emmaus in Gevelsberg Trauergruppen für Kinder und Jugendliche an. Auch in der Begleitung von Familien mit Kindern, die lebensverkürzende Krankheiten haben, engagiert sich der ambulante Hospizdienst. Viele Jahre stand die Sterbe- und Trauerbegleitung von Erwachsenen im Fokus des 1995 gegründeten Hospizes, das ein Mitglied der Diakonie RWL ist.

„Von den Sterbefällen in den Familien sind auch Kinder und Jugendliche betroffen, die eine eigene, altersangemessene Begleitung brauchen, die ihnen gerecht wird“, erzählt Koordinatorin Michaela Pesenacker. „Wir konnten sie früher nur an die Angebote anderer, weit entfernterer Kinderhospizdienste verweisen.“

Nun gibt es alles unter einem Dach. Insgesamt 59 Ehrenamtliche engagieren sich im Hospiz Emmaus, 22 von ihnen arbeiten im Kinder- und Jugendbereich. Sie gestalten die Kinder- und Jugendtrauergruppen, machen aber auch Einzeltrauerbegleitungen und betreuen derzeit fünf Familien mit schwerkranken Kindern im Tandem. Während der Corona-Pandemie konnten keine Gruppen stattfinden, und die Einzelbegleitungen mussten nach draußen verlegt werden.

Einzelbegleitungen in der Pandemie

Auch Yasin und Selim wurden nach dem Tod der Oma zunächst einmal pro Woche von zwei Hospizmitarbeitenden besucht, die mit ihnen etwas unternommen haben. Beim Fußballspielen oder Eisschlecken gingen die geschulten Ehrenamtlichen auf all das ein, was die beiden Brüder in den Wochen nach dem Tod der Oma beschäftigte. Erst nach den Sommerferien durften wieder Gruppen stattfinden, so dass die beiden Jungs dann an einer Kindertrauergruppe teilnehmen konnten.

„Besonders für die Kinder und Jugendlichen war es schwierig, dass nur Einzelbegleitungen stattfinden durften, denn es stärkt sie, wenn sie mit Gleichaltrigen zusammen sein können, die Ähnliches erlebt haben“, sagt Birgit Prottung. Sie leitet mit Andrea Schilling die Kindertrauergruppe, ist aber auch in der Begleitung der erkrankten Kinder aktiv. Als sie zwölf Jahre alt war, sei ihr Vater gestorben, erzählt sie. „Ich hatte viele Fragen, aber die konnte ich damals nicht stellen, weil jeder in meiner Familie mit der eigenen Trauer so beschäftigt war. Hier geben wir den Kindern den Raum, den sie brauchen, um all das, was sie an Gefühlen und Fragen haben, loszuwerden.“

Auf ihr ehrenamtliches Engagement wird die Hospizhelferin immer wieder angesprochen. „Viele fragen, warum ich mir ausgerechnet diese Altersgruppe ausgesucht habe“, erzählt sie. „Mit Kindern über Sterben und Tod zu reden, finden die meisten Menschen schwierig. Ich erlebe das anders. Kinder und Jugendliche sind offen, ehrlich und neugierig. Sie freuen sich am Leben, auch wenn sie Angehörige verloren haben oder wissen, dass sie selbst bald sterben werden.“

Eine unbefangene Einstellung, mit der sich Erwachsene oft schwertun. Doch, so betont Michaela Pesenacker, genau das möchte das Hospiz Emmaus in seiner vielfältigen Arbeit vermitteln. „Wir wollen zeigen, dass Tod und Trauer zum Leben gehören, dass das Thema nicht nur dunkel und schwer ist, sondern es neben Tränen auch Freude und Hoffnung gibt“, betont die Koordinatorin.

Neben den Tränen gibt es Freude und Hoffnung

Das ganze Hospiz erzählt davon. Die Räume sind hell und bunt. Kraniche aus Papier erinnern an die Verstorbenen, die die Mitarbeitenden begleitet haben. Ein Regenbogen ziert die Wand im Eingangsbereich und umschließt die bunten Fingerabdrücke der Kinder, die hier die Gruppen besucht haben.

Auch Yasin hat seinen hinterlassen. Die bunten Farben schmücken auch einen Stein, den er in der Kindertrauergruppe für seine Oma gestaltet hat. Als er in den Herbstferien mit seiner Familie in der Türkei war, hat er den Stein auf ihr Grab gelegt.

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