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Grafik: TSEW

Hilfe statt Schaulust

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 43 / 2021

Karin Ilgenfritz | 25. Oktober 2021

Immer wieder klagen Rettungskräfte, dass Schaulustige ihnen die Arbeit erschweren. Manchmal müssen Menschen deshalb sterben. Über den schwierigen Spagat zwischen Neugier und Hilfe.

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Grafik: TSEW

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Stau auf der Autobahn, eine Stunde Zeitverzögerung. Der Grund: Auf der gegenüberliegenden Fahrbahn ist ein Unfall. Der Stau auf der hiesigen Seite entsteht schlicht deshalb, weil Autofahrer wissen wollten, was da drüben passiert – und gaffen.

Gaffen ist ein Problem. Für die Verunglückten, die Polizei und für die Rettungskräfte. Helferinnen und Helfer klagen, dass inzwischen bei fast jedem Unfall Schaulustige ihre Arbeit behindern. Im schlimmsten Fall stirbt deshalb ein Mensch. Eine Sanitäterin der Johanniter Unfallhilfe berichtet, dass im Schnitt auf jeden Unfalleinsatz 26 Schaulustige kommen. Dagegen will der Rettungsdienst angehen.

In den Gaffern, die oft auch fotografieren und filmen und die Bilder dann ins Internet stellen, steckt das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Wenn sie solch drastische Aufnahmen in den sozialen Medien verbreiten, bekommen sie diese Aufmerksamkeit. Todsicher.

Dazu kommt der Herdentrieb: Wenn sich bereits mehrere Menschen um eine verletzte Person versammelt haben und gucken, kommen schnell weitere dazu. Denn je mehr Menschen etwas tun, desto normaler und weniger verwerflich kommt es dem Einzelnen vor. Schon steht da ein Pulk. Und verhindert die Hilfe für die Verletzten.

Heißt das: Am besten gar nicht hinsehen? Nein. So rigide nun auch wieder nicht.
Denn: Hinschauen ist ein natürlicher Impuls. Neugier ist in wohl jedem Menschen verankert. Und sie ist wichtig – sie treibt die Menschen an, ist eine Vor­aussetzung für das Lernen. In diesem Fall: für das stellvertretende Lernen. Wenn zum Beispiel ein Kind sieht, dass sich jemand an einer Brennnessel weh tut, wird es vermeiden, selbst eine Brennnessel anzupacken.

Wenn jemand im Auto sitzt und vor ihm ein Unfall passiert, ist das Hinschauen eine Instinktreaktion. Der Mensch handelt automatisch: hinschauen, bremsen; der Impuls, sich zu schützen. Entscheidend ist, wie es weitergeht. Der Mensch kann sein Handy greifen und den Rettungsdienst rufen. Je nach Situation und Möglichkeit (Landstraße? Autobahn?) aussteigen und prüfen, ob er für den Verunglückten etwas tun kann. Wer nicht hinschaut, kann eben auch keine Hilfe sein.

Zum Gaffer oder zur Gafferin wird man, wenn man nicht fragt, ob man helfen kann. Sondern das Handy zückt, filmt oder fotografiert und auf ein paar Aufnahmen hofft, die möglichst drastisch aussehen.

Aber wie hilft man richtig? Viele Menschen haben Angst, sie könnten etwas falsch machen. Das ist fatal. Denn die ersten Minuten können über Leben und Tod entscheiden. Am wichtigsten ist die Herzdruckmassage. Dabei können Rippen verletzt werden, aber das ist das kleinere Übel. Rettungskräfte rufen immer wieder dazu auf, erste Hilfe zu leisten. Sie bieten regelmäßig Schulungen und Kurse dazu an.

Schaulustige kann man versuchen anzusprechen. Gibt ihnen eine Aufgabe. Oder sagt, dass man hier nicht helfen könne und besser weggehe, um die Rettungsarbeit nicht zu behindern. Aber Obacht: Man muss dabei nicht den Helden spielen. Die Polizei warnt davor, dass bei Gaffern schnell Aggressionen hochkochen können.

Was man immer tun kann: Ein Stoßgebet zum Himmel schicken. Und um Kraft, Trost und Segen bitten.

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