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Levi Gottlib ist Rabbiner der jüdischen Chabad-Bewegung in Niedersachsen. Die orthodoxe Gemeinschaft hat ihren Sitz im neuen jüdischen Gemeinde- und Begegnungszentrum im ehemaligen Bismarck-Bahnhof in der Südstadt von Hannover. (Foto: epd / Jens Schulze)
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Gleise und Gebete

Aus der Printausgabe - UK 42 / 2021

Michael Grau | 17. Oktober 2021

Levi Gottlib ist Rabbiner in einem zur Synagoge umgebauten Bahnhof

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Levi Gottlib ist Rabbiner der jüdischen Chabad-Bewegung in Niedersachsen. Die orthodoxe Gemeinschaft hat ihren Sitz im neuen jüdischen Gemeinde- und Begegnungszentrum im ehemaligen Bismarck-Bahnhof in der Südstadt von Hannover. (Foto: epd / Jens Schulze)

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Das gibt es bundesweit nur einmal: Die jüdische Chabad-Bewegung nutzt in Hannover einen früheren Bahnhof als Synagoge und Bildungszentrum. Levi Gottlib hat hier gerade als Rabbiner angefangen.

Ein früherer Bahnhof ist sein Arbeitsplatz. Damit hätte Levi Gottlib (24) aus Hannover vor einem Jahr noch nicht gerechnet, als er in Israel ausgebildet wurde. Doch der neue Rabbiner der jüdischen Chabad-Bewegung in Niedersachsen nimmt es mit Humor. „Aus der Zugstation ist eine Gottesstation geworden“, schmunzelt er und übersetzt spielerisch vom Englischen ins Deutsche und wieder zurück.

Deutsch hat er sich während der vergangenen Monate angeeignet. In dieser Zeit entstand auch die Synagoge, in der er künftig tätig sein wird: Die Chabad-Bewegung, die jüdische Traditionen in aller Welt stärken will, ließ dafür den 1911 errichteten früheren Bismarck-Bahnhof in Hannovers Süden umbauen – ein einzigartiges Projekt in Deutschland. Das Bahnhofsgebäude heißt jetzt „Haus Benjamin“ – in Erinnerung an Gottlibs Vorgänger, den im vergangenen Jahr gestorbenen Rabbiner Benjamin Wolff (1976-2020).

Er will ein offenes Ohr für alle haben

Ab und zu donnert oben auf dem Bahndamm ein Zug vorbei, doch Levi Gottlib stört das nicht. In dem denkmalgeschützten Gebäude ist immer etwas los. Mal kommen Handwerker vorbei, um dem neuen Bildungszentrum den letzten Schliff zu geben. Mal fragen Reisende nach dem Weg zum S-Bahn-Haltepunkt gleich nebenan. Und mal kommen jüdische Gemeindeglieder für ein rasches Gebet herein. Levi Gottlib, mit randloser Brille und Vollbart, will ein offenes Ohr für alle haben, deshalb ist er täglich im „Haus Benjamin“ präsent, einer von vier Synagogen in Hannover.

Gottlib trägt die klassische festliche Kleidung der orthodoxen Chabad-Gemeinschaft: weißes Hemd, schwarzer Anzug, auf dem Kopf ein schwarzer Hut. „Nicht wegen einer religiösen Regel, sondern aus Tradition“, erläutert der Rabbiner. Eigentlich genüge die Kippa als religiöse Kopfbedeckung. Aber viele fromme Juden hätten das Bedürfnis, gut gekleidet zu sein. Levi Gottlib ist zwar in Israel geboren, aber in der Ukraine aufgewachsen. Auch sein Vater ist Rabbiner und arbeitet dort als Abgesandter der tief religiösen Chabad-Bewegung. Gottlib spricht deshalb neben Deutsch, Englisch und Hebräisch auch fließend Russisch.

Sein Name stammt aus dem Jiddischen. „Er ist unter Juden weit verbreitet.“ Schon als Junge habe er die Tora studiert, erzählt er – die fünf Bücher Mose mit den grundlegenden Geschichten und Gesetzen, die in den Synagogen als hebräische Schriftrollen im Tora-Schrein aufbewahrt werden. Später ließ er sich an einer Talmud-Hochschule zum Rabbiner ausbilden. „Wir wollen Licht in diese Welt bringen“, beschreibt er die Mission der Chabad-Bewegung: „Jeder muss alles, was er kann, an andere Menschen geben, um die Welt besser zu machen.“

Dass Levi Gottlib nach Hannover gekommen ist und jetzt im alten Bismarck-Bahnhof tätig ist, liegt auch an seiner Ehefrau Mussia. Sie ist die Tochter von Shterna Wolff (43), der Leiterin von Chabad Niedersachsen. Die Bewegung habe lange nach einer Immobilie für die immer größer werdende Gemeinschaft gesucht, erzählt Wolff. „Es war unser Traum, ein eigenes Zentrum zu haben, und es war ein Wunder, dass wir diesen Ort gefunden haben.“ Der vor mehr als 40 Jahren stillgelegte Bahnhof ist aus ihrer Sicht wie geschaffen für ein Bildungszentrum mit Synagoge. „Dieser Ort ist genau nach Jerusalem ausgerichtet.“

Viel musste an dem Gebäude nicht verändert werden, erzählt Wolff. Nur die große zentrale Treppe, die einst hoch zu den Gleisen führte, wurde abgebaut. Stattdessen führt jetzt eine kleine Treppe seitlich hoch zur Empore, wo nach jüdischer Tradition die Frauen sitzen. Im Zentrum der ehemaligen Schalterhalle steht jetzt die „Bimah“, die große Lesekanzel für das Rezitieren der hebräischen Tora. Der Schrein mit den Tora-Rollen, das Herzstück jeder Synagoge, hat seinen Platz in einem gemauerten Rundbogen direkt unterhalb der Gleisanlage gefunden. Weil der frühere Bahnhof zwischenzeitlich als Restaurant genutzt wurde, steht eine geräumige Küche zur Verfügung, in der nun koscher gekocht wird.

Bei ihren Freunden in Israel ernte sie oft verwunderte Blicke, wenn sie erzähle, dass sie in Deutschland lebe, sagt Wolff. Deutschland – das sei doch das Land des Holocaust. Wolff und Gottlib haben sich dennoch bewusst entschieden, hier zu leben. „Wir wollen zeigen, dass das Judentum hier noch mal wächst“, sagt Wolff: „Wir sind gekommen, um zu bleiben.“

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