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Foto: EKD/LUKAS

Frieden kommt leise daher

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 42 / 2021

Anke von Legat | 18. Oktober 2021

Gewalt produziert gewaltige Bilder. Versöhnung dagegen passiert durch unspektakuläre, beharrliche Bemühungen – im Großen wie im Kleinen

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Foto: EKD/LUKAS

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Ein buntes Bild für den Frieden: Bei einem interreligiösen Friedenstreffen der Gemeinschaft Sant‘Egidio kamen in Rom Religionsführer und Politiker aus aller Welt zusammen. Männer und einige wenige Frauen in den Gewändern ihrer jeweiligen Glaubensgemeinschaft stellten sich für ein Foto auf um zu zeigen: Gutes, friedliches Leben auf dieser Erde ist möglich – auch da, wo scheinbar zunächst Gegensätze dominieren. Und die Religionen stehen für diese weltweite Gemeinschaft.

Große Bilder bekommen ja sonst meistens die anderen. Die, die auf Feindschaft setzen statt auf Gemeinschaft. Die ihre militärische Macht beweisen wollen und darum auf Paraden den Krieg wie ein Theaterstück inszenieren. Oder die, die Krieg führen, Bomben werfen, zerstören, töten – und dabei auch immer wieder die Religionen für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Diese Mächtigen sind es, die die Medien beherrschen mit ihrer Botschaft von Verachtung und Hass. Die Friedensstifter dagegen haben es nicht so leicht, Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie haben eben selten dramatische, mitreißende Bilder anzubieten. Ihre Botschaft ist keine, die man rhythmisch her­ausbrüllen kann.

Friedensstifter gehen eher leise, aber beharrlich ihrer Überzeugung nach, dass Zusammenleben ohne Gewalt möglich ist. Und viele von ihnen sind dabei vom Glauben inspiriert und erleben ihre verschiedenen Religionen als verbindende, nicht als trennende Kraft – weil sie die Menschen als von Gott geliebte Geschöpfe sehen, die zur Gemeinschaft, nicht zur Feindschaft bestimmt sind.

Zwar gibt es in den Heiligen Schriften der großen Religionen auch Aufrufe zur Gewalt und Erzählungen von der Vernichtung anderer Völker mit anderem Glauben. Die historische Forschung zeigt jedoch, dass es sich dabei in aller Regel um Konflikte handelt, die mit der Religion zunächst wenig zu tun haben: Meistens geht es um die Verteilung knapper Ressourcen wie fruchtbarem Land oder Wasser; um Machtkämpfe oder um die Abgrenzung der eigenen Gruppe gegenüber solchen, die als fremd und bedrohlich empfunden werden. Dann griff der gleiche Mechanismus, der heute noch funktioniert: Die eigene Gruppe wird eingeschworen auf das, was verbindet – die familiären Beziehungen, die Ehre, der Glauben. So wird der Gott der gesamten Schöpfung reduziert zum Garanten der eigenen Interessen. Ein klarer Missbrauch der religiösen Botschaft.

Dem gegenüber stehen eindrückliche Aufrufe zur Versöhnung und zum Frieden, weil Gott es so will. Und Gott sei Dank gibt es in allen Religionen Menschen, die diese Botschaft ernst nehmen und sich dafür einsetzen, dass sie verkündet und gelebt wird. So wie die Gemeinschaft Sant‘Egidio, die seit über 50 Jahren daran arbeitet, dass große und kleine, internationale und nationale Konflikte gelöst werden. Ihr Motto lautet: Man darf den Frieden nicht den Fachleuten überlassen. Jede, jeder kann in seinem Umfeld für ein friedliches Zusammenleben wirken. Das mag nicht besonders spektakulär sein und keine starken Bilder hervorbringen. Wirksam jedoch ist es alle Mal.

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