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Den Wind fangen – warum nicht? Kindern scheint es durchaus möglich, das Flüchtige, Vergängliche zu greifen und festzuhalten. Später im Leben lernt man: Alles ist flüchtig und nichtig. Kein Moment lässt sich festhalten, auch wenn wir es noch so sehr wünschen. Umso wertvoller sind die Zeiten, in denen wir Freude spüren, Glück, Liebe, Kraft, Hoffnung. Der Predigttext ruft dazu auf, diese Momente dankbar aus Gottes Hand zu nehmen und sie zu genießen. (Foto: milosz_g)

Ein Hauch von Leben

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 42 / 2021

Dr. Karsten Dittmann | 15. Oktober 2021

Über den Predigttext zum 20. Sonntag nach Trinitatis: Kohelet 8,1-8

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Den Wind fangen – warum nicht? Kindern scheint es durchaus möglich, das Flüchtige, Vergängliche zu greifen und festzuhalten. Später im Leben lernt man: Alles ist flüchtig und nichtig. Kein Moment lässt sich festhalten, auch wenn wir es noch so sehr wünschen. Umso wertvoller sind die Zeiten, in denen wir Freude spüren, Glück, Liebe, Kraft, Hoffnung. Der Predigttext ruft dazu auf, diese Momente dankbar aus Gottes Hand zu nehmen und sie zu genießen. (Foto: milosz_g)
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Dr. Karsten Dittmann (54) ist Pfarrer in der Evangelischen Friedens-Kirchengemeinde Münster.

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Predigttext
1 Bedenke in den Tagen deiner Jugend, wer dich geschaffen hat, bevor die schlechten Tage kommen und die Jahre herannahen, von denen du sagen wirst: „Ich habe keinen Gefallen an ihnen“, 2 bevor sich die Sonne und das Licht verfinstern wie der Mond und die Sterne, und die Wolken nach der Regenzeit wiederkehren – 3 an dem Tag, da die Wachen des Hauses erzittern, die starken Männer sich krümmen, die Müllerinnen nachlassen, weil sie wenig geworden sind, und es denen finster wird, die durch die Fenster sehen, 4 wenn die Türen zur Straße geschlossen werden, so dass das Knirschen der Mühle schwindet, hoch wie das Zwitschern der Vögel klingt, und alle Lieder bald verstummen. 5 Diese Furcht vor der Anhöhe! Dieser Schrecken auf dem Weg! Dann blüht der Mandelbaum, die Heuschrecke schleppt sich ab, und die Kaper platzt auf. Fürwahr, die Menschen gehen nach Hause für immer, und die Trauernden gehen auf der Straße umher – 6 bevor die silberne Schnur zerreißt, die goldene Schale zerbricht, der Krug an der Quelle zerschellt, das Schöpfrad zerbrochen in den Brunnen fällt, 7 der Staub zur Erde zurückkehrt, so wie er gewesen, und der Atem, den Gott gegeben hat, zu Gott zurückkehrt. 8 Alles vergeht und verweht, sprach der Versammler Kohelet: hawäl hawalim. Alles ist hawäl: Nichts bleibt.
Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache

W ozu sind wir hier? – Der neue Englischlehrer sammelt seine Schüler um sich, um ihnen das Geheimnis zu verraten. Leise spricht er als Antwort Zeilen des amerikanischen Dichters Walt Whitman: „Dass du da bist, dass Leben da ist und Individualität; dass das kraftvolle Schauspiel weitergeht und du einen Vers beiträgst.“ Der Lehrervortrag ist eine Szene aus dem Film „Der Club der toten Dichter“. Am Ende sieht der Lehrer einen Schüler an und fragt: „Was wird dein Vers sein?“ Die Frage gilt eigentlich uns Zuschauenden: Welchen Vers tragen wir zum Spiel des Lebens bei?

„Alles ist hawäl“, dichtet ein unbekannter Poet, „alles ist Hauch.“ Kohelet nennt er sich. Er versammelt Menschen um sich und schlüpft bei seinem Vortrag in verschiedene Rollen. Als König, als Weiser, als Lebemann schaut er das Leben an und fragt: Wozu sind wir hier? Geht es um Macht? Um den Genuss von Luxus und Geld? Oder darum, zu verstehen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“?

Alles ist Hauch, nichts bleibt

Der Dichter spielt alles durch. Immer wieder endet er beim gleichen Vers: Alles ist hawäl. Alles ist Hauch. Nichts bleibt. Das Schauspiel des Lebens ist bloß ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Kohelet, der Poet und Lehrer, erkennt: Unsere Bemühungen, das Leben zu begreifen, sind Versuche, den Wind mit der Hand zu fangen.

Als Höhepunkt singt Kohelet ein Herbstlied. Einige der Zuhörenden erkennen in den poetischen Bildern ihr eigenes Altern: Die Hände werden zittrig, die Beine krumm. Die wenigen Zähne im Mund zermahlen mühsam das Essen. Das Augenlicht schwindet. Das Gehör wird dumpf; alles klingt wie durch eine geschlossene Tür. Die Stimme wird dünner. Dazu kommt die Angst – vor allem die Angst zu fallen.

Zwischen Herbst und Frühling

Zugleich blüht rings herum das neue Leben auf und junge Menschen genießen ihren Frühling. Doch auch ihr Leben wird einmal enden. Der Atem, ausgehaucht, kehrt zurück zu Gott. Wir zerfallen zu Erdenstaub.

„Wie deprimierend“, denken einige. Andere hingegen hören den Poeten als Prediger der Lebensfreude. Wenn Jüdinnen und Juden im Herbst das Laubhüttenfest feiern, lesen sie das Buch Kohelet.

Das Erntefest erinnert daran, wie unstet alles ist. Weil alles hawäl, alles Hauch ist, gibt es nur eins: die flüchtigen Früchte des Augenblicks zu genießen. „Macht euch keine Sorgen um Morgen“, predigt Jesus einmal, als viele Menschen sich um ihn versammeln: „Seht die Vögel am Himmel und die Blumen auf den Feldern. Gott sorgt für sie und weiß auch, was ihr braucht.“ Gerade angesichts der Vergänglichkeit gilt es, sich bewusst zu machen: Gott hat dir das Leben gegeben. Es ist wertvoll wie ein silberner Faden, der leicht reißt. Es ist schön wie ein goldenes Schälchen, das schnell zerbricht. Darum genieße jeden frohen, glücklichen Moment! Oder wie der römische Dichter Horaz notiert: „Carpe diem!“ Pflücke den Tag. Lass das Morgen für sich selbst sorgen. Heute sing das Lied der Freude am Leben.

Genau dafür sind wir hier, obwohl alles hawäl ist, ein Hauch, von dem nichts bleibt. Mach dir bewusst: Dein Schöpfer hat dich in die Welt gesetzt, einfach damit du da bist, als ein einzigartiges Individuum. Wenn du von der Bühne abtrittst, sorg dafür, dass das Spiel kraftvoll weitergehen kann. Vielleicht trägst du nur einen kurzen Vers zum Spiel des Lebens bei. Aber es wird dein Vers sein. Genieß den Moment.

Gebet

Staunend steh ich vor dem Rätsel des Lebens. Nicht alles ist gut in dieser Welt.
Aber dann sehe das Blau der Kornblume. Ich rieche frisches Brot.
Die Vögel zwitschern und ich genieße jeden Atemzug. Meine Sorgen treten zurück, denn du sorgst für mich, Gott. Ich bin da, hier und jetzt. Danke.

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