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Grafik: TSEW

Zeit für Aufbrüche

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 41 / 2021

Gerd-Matthias Hoeffchen | 11. Oktober 2021

Vor 50 Jahren schien sich die Welt plötzlich ein bisschen schneller zu drehen. Überall passierte atemberaubend Neues. Was ist davon geblieben?

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Grafik: TSEW

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Was? 50 Jahre soll das schon her sein? Beim Blick in diese UK mag man sich die Augen reiben. Das Musical "Jesus Christ Superstar" sorgte für Aufruhr. Bauern gründeten den Verband "Bioland". Und Ex-Beatle John Lennon schrieb sein Lied "Imagine", noch heute die Hymne für jene, die die Welt verbessern wollen.
Und das soll schon ein halbes Jahrhundert her sein?

1971. Es war die Zeit der Aufbrüche. Menschen stellten Rangfolgen und Machtverhältnisse in Frage; in Familie, Schule, Beruf und Gesellschaft. Die Musik schlug Kapriolen. Weltkrieg und Nazi-Vergangenheit konnten endlich offen diskutiert werden. Die Bedrohung durch Kalten Krieg und Atomwaffen trieb Menschen auf die Straße.

Auch in der Kirche zeigten sich die Zeichen der neuen Zeit. So manche Erstarrung und Verkrustung platzte auf. Die Jugendarbeit schoss an vielen Orten hervor. Beatmessen und Rockgottesdienste brachten Dutzende, oft Tausende in die Gotteshäuser. Vor dem Altar schwangen bärtige Pastoren die Klampfe. Frauen wurden im Pfarramt endlich nach und nach den Männern gleichgestellt. Politisches Nachtgebet, Gebetsgemeinschaft mit dem Herrn Jesus, Ostermärsche für Frieden und gegen Atomraketen: Alles schien möglich.

Es war eine Zeit, die vor positiver Energie geradezu vibrierte. Die Zukunft lag offen und einladend vor einem. Sie war der Weg in eine bessere Welt.
Und heute?

Von Aufbrüchen ist gerade wenig zu spüren. Selbst die Klimabewegung, vielleicht der einzig nennenswerte Ruck, der in den vergangenen Jahren durch die Gesellschaft ging, droht unter den Bedingungen der Pandemie steckenzubleiben.

Ernüchterung, Kraftlosigkeit und Enttäuschung, sie legen sich wie Mehltau auf die Gemüter. Manchmal kann man schon froh sein, wenn nur Stillstand zu beklagen ist. Und nicht Rückschläge, wie sie an vielen Orten immer häufiger auftauchen: Missachtung von Menschenrechten. Rückbau bei der Chancengleichheit von Mann und Frau. Ein neuer Kalter Krieg und viele echte. Das Erstarken von Populismus und Radikalismus in fast jeder ideologischen Form, auch - und das ist besonders bitter - in der Form des Antisemitismus.

Und der Pazifismus, also die bedingungslose Ächtung aller kriegerischen Gewalt, von der John Lennon sang und für die nicht nur die Kirchen auf die Straße gegangen sind? Kommt praktisch gar nicht mehr vor.

Sind das die Zustände, von denen wir damals geträumt haben?

Was also bleibt?

Drei Dinge.

Erstens. Die Aufbrüche damals waren wertvoll, und sie haben viel erreicht. Ohne sie wäre wohl alles noch viel trauriger. Auch wenn es sich oft nicht so anfühlt: Das muss man sich immer wieder mal vor Augen führen, bewusst machen. Denn das gibt Kraft.

Zweitens. Wir müssen wieder lernen, neue Aufbrüche willkommen zu heißen - und sie nicht mit dem gleichen Misstrauen und Widerwillen runterputzen wie es damals unsere Eltern und Großeltern taten. Als vor nicht allzu langer Zeit Greta Thunberg mit ihrer Klima-Bewegung "Fridays for Future" endlich eine echte Jugendrevolte auszulösen schien, was taten da viele? Sie mokierten sich über die ahnungslose Jugend.

Drittens: Lasst uns nicht ständig an den guten, alten Zeiten festhalten. Auch nicht an den 70ern. Wir leben im Hier und Jetzt. Aufbrüche kann man letztlich nicht planen oder auf dem Reißbrett herbeiführen. Aber: Dafür beten, sich engagieren, darauf hoffen; davon predigen, singen und schreiben - das können wir schon.

Aufbrüche entstehen aus positiver Energie. Glaube, Liebe, Hoffnung. Das ist ein guter Weg, solche positive Energie zu sammeln.

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