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Wieder gesund geworden! Was für ein Gefühl. Endlich wieder ein paar Schritte aus dem Haus gehen, und sei es nur bis zum Gartentisch. Endlich wieder die kleinen Dinge im Leben genießen: den Kaffee, die Herbstblumen. Ein kleines persönliches Wunder, und wirklich ein Grund zur Dankbarkeit! Im Predigttext geht es um Dankbarkeit und Vertrauen angesichts der Zerbrechlichkeit des Lebens. Ein Aufruf, noch einmal genau hinzuschauen auf das, was im Leben zählt. (Foto: Artanika)

Lass mich leben!

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 41 / 2021

Holger Nolte-Guenther | 8. Oktober 2021

Über den Predigttext zum 19. Sonntag nach Trinitatis: Jesaja 38,9-20

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Wieder gesund geworden! Was für ein Gefühl. Endlich wieder ein paar Schritte aus dem Haus gehen, und sei es nur bis zum Gartentisch. Endlich wieder die kleinen Dinge im Leben genießen: den Kaffee, die Herbstblumen. Ein kleines persönliches Wunder, und wirklich ein Grund zur Dankbarkeit! Im Predigttext geht es um Dankbarkeit und Vertrauen angesichts der Zerbrechlichkeit des Lebens. Ein Aufruf, noch einmal genau hinzuschauen auf das, was im Leben zählt. (Foto: Artanika)
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Holger Nolte-Guenther (58) ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Emmer-Nethe.

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Predigttext
9 Hiskia, der König von Juda, erholte sich von seiner Krankheit. Dann verfasste er dieses Gebet:
10 Als ich krank war, sagte ich: Mitten im Leben muss ich gehen.
Ich stehe an der Schwelle des Todes, der Rest meiner Jahre wird mir genommen.
11 Dann kann ich den Herrn nicht mehr sehen, den Herrn im Land der Lebendigen. Dann kann ich keinen Menschen mehr erblicken, weil ich nicht mehr auf der Welt bin.
12 Meine Bleibe auf der Erde wird abgebrochen, sie wird weggetragen wie ein Hirtenzelt. Ich habe mein Leben zu Ende gewebt,
wie ein Weber, der am Schluss den Stoff einrollt. Der wird dann vom Webstuhl abgeschnitten. Tag und Nacht lässt du, Gott, mich mein Ende spüren.
13 Bis zum Morgen versuche ich vergeblich, zur Ruhe zu kommen. Doch wie ein Löwe zertrümmerst du mir die Knochen. Ja, Tag und Nacht lässt du mich mein Ende spüren.
14 Ich piepse vor Angst wie eine Schwalbe und gurre wie eine furchtsame Taube. Voll Sehnsucht richte ich meine Augen nach oben: Herr, ich bin in Not – tritt für mich ein!
15 Was soll ich sonst sagen? Er hat doch nur getan, was er mir angedroht hat. Ich bin so verbittert, dass ich keinen Schlaf mehr finde.
16 Herr, das ist es, wovon man lebt, und worin auch ich die Kraft zum Leben finde: Du kannst mich gesund machen. Deshalb lass mich leben!
17 Jetzt weiß ich: Mein bitteres Leid hat mir Frieden gebracht. In deiner Liebe hast du mein Leben vor Tod und Grab bewahrt. Denn all meine Sünden hast du genommen und weit hinter dich geworfen.
18 Im Totenreich ertönt kein Dank, im Tod kein Lob für dich. Wer ins Grab hinabgestiegen ist, hofft nicht mehr auf deine Treue. 19 Doch wer am Leben ist, der kann dir danken, so wie ich es heute tue. Väter erzählen ihren Kindern von deiner Treue.
20 Der Herr hat mich gerettet. Deshalb wollen wir in seinem Tempel singen und musizieren, solange wir leben.
(Basisbibel)

Hiskia singt. Er singt voller Freude, die durch ein ganz tiefes Tal gegangen ist. Denn Gott hat ihn gesund gemacht.

Knapp war es, dann wäre es mit ihm aus gewesen. An einem letzten Webfaden hing sein Leben. An der Schwelle des Todes stand er. Keinen Pfifferling hat noch jemand auf ihn gegeben. Unfassbare körperliche Schmerzen hat er erfahren. Einsamkeit, Angst, Sehnsucht nach Leben erfüllten Hiskia auf seinem Krankenlager. Und er hat mit Gott gerungen: Der so mächtige König von Israel weiß sich in seinem Kampf gegen den Tod in Gottes Hand. All die Not kommt von Gott. Das ist ihm klar. Aber Hiskia hofft auf Rettung. „Herr, ich bin in Not – tritt für mich ein!“

Hiskia traut Gott zu, ihn zu retten. Denn Gott kann vergeben. Gott kann alles, auch die Schuld von ihm nehmen, die Hiskia vom seinem Schöpfer trennt. Ja, er ist sich ganz gewiss: „Du kannst mich gesund machen – deshalb lass mich leben.“

Hiskia erlebt sein ganz „persönliches Wunder“. Seine ganz persönliche Rettung gegen allen Augenschein. Wie weit kann ich mich an ihm und seiner Glaubenstreue orientieren?

Sicherlich: Mich berührt das Schicksal des Königs: Wie ehrlich und schonungslos er seine Krankheit beschreibt. Wie tief sein Wunsch nach Leben ist. Wie er ja geradezu mit Gott verhandelt: Wenn ich sterbe, kann ich dich nicht mehr loben, und dich preisen: „Denn im Totenreich ertönt kein Dank…“ Hiskia ist mir nahe in seinem Leiden, in seinem Wunsch nach Gemeinschaft mit anderen Menschen. Ja, er kommt mir auch nahe in seinem Festhalten an Gottes Gott-Sein. Nie scheint er Gottes Allmacht in Frage zu stellen. Und für ihn ist das ganz klar: Es bleibt Gottes freie Entscheidung, ihn zurück ins Leben zu rufen.

Ich denke daran, wie ich manchmal gebeten werde: Beten Sie bitte für mich. Denken Sie an meinen Mann, mein Kind vor Gott. Ein Stück „persönliches Wunder“ zu erhoffen, ist eigentlich der „Normalfall“ des Lebens.

Hiskia macht diese Erfahrung, gerettet zu werden gegen allen Augenschein. Und singt mit Freude und Dankbarkeit und voller Demut zugleich.

Manchmal machen Menschen diese Erfahrung eines „persönlichen Wunders“ aber nicht. Ihr Gebet und ihre Hoffnungen erfüllen sich nicht. Ihre Krankheit wendet sich nicht zum Guten. Zumindest in menschlichen Augen. Dann ist es nicht leicht, am Vertrauen auf Gott festzuhalten. Dann nagen Zweifel an der Seele. Und anstatt des Lobes ist der Mund voll Bitterkeit.

Jesus, der am Kreuz gestorbene Gottessohn und Menschensohn, hat sein „persönliches Wunder“ in den Augen der Menschen auch nicht erlebt. Und doch ist er aus der Hand seines Vaters durch den Tod in ein neues Leben geführt worden. In der Verbindung mit Christus ist eine Hoffnung uns vor Augen gemalt, die kein Tod je zerstören kann. Möge diese Hoffnung und dieses Vertrauen unsere Herzen erfüllen, auch wenn „persönliche Wunder“ ausbleiben.

Gebet

Du, guter Gott des Lebens, sei bei ihnen, den Mutlosen, den Kraftlosen, den Verzweifelten. Sei du auch bei denen, die Hände halten, Tränen trocknen und Lippen befeuchten.
Sei du bei allen, die für das Leben eintreten, gerade, wenn es bedroht ist.
Sei du, Gott des Lebens, an unserer Seite mit Deiner Liebe. Amen.

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