hg
Bild vergrößern
Das Szenenfoto von der Deutschland-Premiere der Neuinszenierung 2001 zeigt Jesus, gespielt von William Byrne. (Foto: epd/Bertold Fernkorn)

Gotteslästerung oder Meilenstein

Musical

Aus der Printausgabe - UK 41 / 2021

Alexander Lang (epd) | 12. Oktober 2021

Vor 50 Jahren hatte „Jesus Christ Superstar“ in New York Premiere

Bild vergrößern
Das Szenenfoto von der Deutschland-Premiere der Neuinszenierung 2001 zeigt Jesus, gespielt von William Byrne. (Foto: epd/Bertold Fernkorn)
Bild vergrößern
Für den Schauspieler und Sänger Reiner Schöne (Foto) war es die Rolle seines Lebens. "Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke", sagt der 79-Jährige, der in Berlin lebt. (Foto: Archiv Messe und Congress Centrum)

Anzeige

Das New Yorker Publikum war begeistert, konservative Christen entsetzt: Vor 50 Jahren wurde die Rockoper „Jesus Christ Superstar“ das erste Mal aufgeführt. Sie erzählt die biblische Geschichte der letzten Tage von Jesus auf freie Art nach.

New York/Münster. Für den Schauspieler und Sänger Reiner Schöne war es die Rolle seines Lebens. „Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke“, sagt der 79-Jährige, der in Berlin lebt. Nur vier Monate nach der Welturaufführung der Rockoper „Jesus Christ Superstar“ am New Yorker Broadway stand er in der deutschen Erstinszenierung in der Rolle des Jesus in der Münsterlandhalle im nordrheinwestfälischen Münster auf der Bühne.

Das Stück erzählt in freier Anlehnung an das Johannes-Evangelium von den letzten sieben Tage im Leben Jesu Christi bis zu seinem Kreuzestod. Am 12. Oktober 1971, vor 50 Jahren, brachte das junge britische Autorenduo Andrew Lloyd Webber und Tim Rice ihre von rockigen Klängen untermalte Passionsgeschichte erstmals auf die Bühne des „Mark Hellinger Theatre“.

Das New Yorker Premierenpublikum spendete stehende Ovationen, die Theaterkritiker aber zerrissen das Stück. Das Werk sei „der Gosse näher als einem Gospel“, schimpfte das „New York Magazine“. Konservative Christen kritisierten es als gotteslästerlich: Die Göttlichkeit von Jesus Christus werde hinterfragt und der Verräter Judas als sympathische Figur dargestellt. Geschmacklos erschien ihnen auch, dass Jesus Christus in der Aufführung mit bunter Hippie-Ästhetik wie ein Rockstar inszeniert wurde – und dass er mit der Prostituierten Maria Magdalena ein Liebesverhältnis hat.

Die Deutschland-Premiere am 18. Februar 1972 in Münster war ein Ereignis. Sogar der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann saß im Publikum. Danach aber brandete – wie zuvor in den USA – auch in Deutschland eine Welle der Kritik an dem Stück in den Medien auf, erinnert sich Schauspieler Schöne.

Das Stück hat nichts an Aktualität verloren

Dem Erfolg der Rockoper, die schließlich auch von „Radio Vatikan“ gespielt wurde, tat die Kritik keinen Abbruch. Am Broadway wurde sie 720 Mal aufgeführt. Für Andrew Lloyd Webber war „Jesus Christ Superstar“ der künstlerische Durchbruch. Bis heute gilt der Komponist als Superstar des Musicals mit Millionenerfolgen wie „Cats“, „Evita“, „Starlight Express“ und „Das Phantom der Oper“.

Dem Publikum war die Musik durch die bereits 1970 veröffentlichte und in den Vereinigten Staaten sehr erfolgreiche Schallplattenaufnahme bekannt: Der stimmgewaltige Sänger Ian Gillan von der britischen Hardrock-Gruppe „Deep Purple“ übernahm auf dem Konzept­album den Part von Jesus.

Die Rockoper bot Ohrwürmer wie „Superstar“ – mit der Refrainzeile „Denkst du, du bist der, für den sie dich halten?“ und Balladen wie Maria Magdalenas Arie „I Don’t Know How To Love Him“. Sie passte gut zur um 1970 neu erwachenden Religiosität unter amerikanischen Jugendlichen. 1973 wurde „Jesus Christ Superstar“ verfilmt und spätestens dadurch weltweit bekannt.

„,Jesus Christ Superstar‘ ist ein Meilenstein, das Werk wird auch in 100 Jahren noch seine Berechtigung haben“, findet Schauspieler Schöne, der den Jesus in rund 20 Aufführungen spielte. Das Stück sei zeitlos, weil es menschliche Ängste und Gefühle aufzeige.

Auch für Cae Gauntt brachte „Jesus Christ Superstar“ einen Karriere­schub: Von 1981 bis 1983 spielte die US-Amerikanerin, die in Graben-Neudorf bei Karlsruhe lebt, die Maria Magdalena in rund 380 Aufführungen in deutscher und englischer Sprache am „Theater an der Wien“ in Österreich. Für sie selbst sei die Rockoper als junge Frau auch ein Befreiungsschlag gewesen, sagt die heute 65-jährige Texanerin: Plötzlich sei sie anderen Menschen, Kulturen und religiösen Überzeugungen gegenüber viel offener entgegengetreten.

Faszinierend ist für den Mannheimer Sänger Sascha Krebs die extreme Zerrissenheit von Jesus Christus in der Rockoper. „Seine Ängste sind menschlich und real“, sagt der 45-Jährige, der in den vergangenen 20 Jahren mehrfach die Jesus-Rolle übernommen hat. „Brandaktuell“ sei der biblische Stoff, der zeige, wie sich Zorn und Hass auf zunächst ersehnte Heilsbringer oder auf die Mitmenschen entladen könnte.

Starke Melodien und dramatische Spannung

Die Heidelberger Professorin für populäre Kirchenmusik Tine Wiechmann findet es schade, dass „Jesus Christ Superstar“ nur wenig in Kirchenräumen gespielt werde. Gerade weil das Stück nicht im Verkündigungston daherkomme, könne es auch heute noch junge Menschen ansprechen, sagt die Sängerin, die als 16-Jährige bei einer „Jesus Christ Superstar“-Aufführung mitwirkte. „Es hat starke Melodien, eine dramatische Spannung und regt zur Diskussion über den Stoff an.“

Die meisten Christinnen und Christen weltweit hätten mit dem Musical heute keine Probleme, betont Reinhardt Schink, der Generalsekretär der theologisch konservativen Evangelischen Allianz in Bad Blankenburg. Eine herausfordernde Aufgabe bleibe es, historische Texte wie die biblische Jesus-Geschichte heute verständlich und möglichst inhaltsgetreu zu übertragen: „Dies trifft insbesondere für eine so faszinierende und vielschichtige Person wie Jesus Christus zu.“

Per E-Mail empfehlen