hg
Bild vergrößern
Pflegefachfrau Lilith Bleiker steht seit Beginn der Pandemie im Einsatz. Foto: 3sat

Anzeige

Wer pflegt uns morgen?

TV-Tipp: 3sat, Di, 28.9., 22.55 Uhr

28. September 2021

„Der Pflegenotstand droht nicht, er ist bereits Realität“, sagen die, die es wissen müssen: Pflegefachleute, die tagtäglich erleben, was es heißt, wenn zu wenig Personal da ist.

Bild vergrößern
Pflegefachfrau Lilith Bleiker steht seit Beginn der Pandemie im Einsatz. Foto: 3sat

Anzeige

11.000 Stellen sind im Schweizer Gesundheitswesen derzeit offen. Doch das dürfte erst der Anfang sein. Der Film gibt einen Einblick in den harten Berufsalltag von Pflegefachkräften und begleitet das schwierige Unterfangen, diplomiertes Personal zu finden.

„Ein Patient lag im Sterben, und ich hatte keine Zeit, mich um ihn zu kümmern. Nicht einmal für eine einfache Grundpflege reichte es, obwohl ich wusste, er wird nur noch wenige Tage leben“, erzählt Jessica Kohler. Die 27-jährige diplomierte Pflegefachfrau hat in einem Akutspital gearbeitet. Sie ist erst seit drei Jahren im Beruf und leidet zunehmend unter Stresssymptomen. „Ich dachte ständig an meine Arbeit, erwachte mitten in der Nacht, realisierte, dass ich etwas vergessen habe und rief dann panikartig auf der Station an.“

Das Gefühl, den Patientinnen und Patienten nicht gerecht zu werden, keine Zeit für sie zu haben, und dazu ständig die Angst im Nacken, einen fatalen Fehler zu machen, kennen viele ihrer Berufskolleginnen und -kollegen. „Realität in der Pflege ist, dass man oft viele Sachen gleichzeitig machen muss. Wenn sie das über Stunden machen, steigt die Fehlerquote, und dann sind wir bei der sogenannten 'gefährlichen Pflege', die für Patienten riesige Konsequenzen haben kann“, sagt Dennis Rau, der auch in einem Akutspital arbeitet.

Eine (neue) Studie der Universität Basel belegt: Beträgt der Anteil der diplomierten Pflegefachleute im Team weniger als 75 Prozent und mangelt es auch an Fachangestellten Gesundheit (FaGe), steigt das Sterberisiko um zwei Prozent. Das wären auf die Schweiz hochgerechnet 243 Todesfälle pro Jahr.

Dennis Rau ist erst seit ein paar Jahren im Beruf und denkt bereits ans Aussteigen. „Mir geht es ans Körperliche. Ich habe massive Rückenschmerzen. Schlafstörungen gehören bei uns dazu. Aber irgendwann merkt man, das ist Raubbau am eigenen Körper.“ Berufskollegin Jessica Kohler hat bereits gekündigt. Sie will nicht mehr in der Pflege tätig sein.

Kaum ein Spital in der Schweiz findet heute auf Anhieb genügend diplomierte Fachleute. Der Mangel trifft fast alle Bereiche, und ein Ende ist nicht absehbar. Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (OBSAN) hat berechnet, dass bis 2030 rund 65 000 Pflegefachkräfte fehlen werden. Zusätzlich erschwerend: In der Schweiz müsste man heute doppelt so viele Fachkräfte ausbilden, um den Bedarf zu decken. Aber es werden nicht nur zu wenig ausgebildet, es steigen auch viele wieder aus. Gemäß OBSAN liegt die Berufsaussteigerquote bei über 45 Prozent.

Besonders hart trifft dies die Alters- und Pflegeheime. Hier wird zuweilen verzweifelt nach Fachkräften gesucht. Wenn eine diplomierte Pflegefachfrau ihre Stelle kündigt, braucht ein Heim Monate, bis es wieder einen Ersatz gefunden hat. Wenn es überhaupt gelingt.

 

0

Leser-Kommentare öffnen

Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Per E-Mail empfehlen