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Die Zimmermänner Aurel von Schroeder (links) und Julian Margarinos sitzen in schwindelerregender Höhe auf einer Fichtenholzbohle und bauen eine Klosterscheune. (Fotos: epd-bild/Florian Riesterer)
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Wenn Zeit keine Rolle spielt

Geschichte erleben

Aus der Printausgabe - UK 38 / 2021

Florian Riesterer | 19. September 2021

Seit knapp zehn Jahren wird auf dem Campus Galli an einem Kloster gebaut – unter Bedingungen des frühen Mittelalters

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Die Zimmermänner Aurel von Schroeder (links) und Julian Margarinos sitzen in schwindelerregender Höhe auf einer Fichtenholzbohle und bauen eine Klosterscheune. (Fotos: epd-bild/Florian Riesterer)
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Ein fast vergessenes Handwerk: Malte Sinning drechselt eine Holzunterlage für den Fassbau.

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Nahe Meßkirch in Schwaben arbeiten Handwerker am Nachbau einer mittelalterlichen Klostersiedlung. Auf der Jahrhundertbaustelle spielt Zeit keine Rolle, dafür der Wert guter Handarbeit, Gemeinschaftssinn und das Schonen von Ressourcen.

Wuchtige Holzbalken ragen in den Himmel. In mehr als vier Metern Höhe balancieren die Zimmermänner Aurel von Schroeder und Julian Margarinos auf einer Fichtenholzbohle. Akrobatisch hält Margarinos das lange Holzstück mit den Füßen in der Schwebe, während Schroeder ein Brett an einem Pfahl vertäut. Das Baugerüst der Klosterscheune wächst.

Was auf dem rund 25 Hektar großen Gelände nahe Meßkirch am Rand der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg entsteht, ist einzigartig. Seit knapp zehn Jahren wird auf dem Campus Galli, so der Name, an einem Kloster gebaut – unter Bedingungen des frühen Mittelalters.

Vorbild: der Bauplan von St. Gallen

Grundlage für das Vorhaben ist der St. Galler Klosterplan – der einzig erhaltene aus dem frühen Mittelalter. Um das Jahr 800 skizzierten dessen Urheber für Gozbert, den Abt in St. Gallen, die Idealform eines Klosters. „Der Plan stammt aus einer Zeit, in der das Christentum erst langsam Fuß fasste in Europa“, sagt Geschäftsführer Hannes Napierala. Viele Klöster wurden damals gegründet. Sie waren Zentren geistlichen Lebens, aber auch Verwaltungspunkte, etwa zum Eintreiben von Steuern.

52 Gebäude, von der Klosterkirche bis hin zum Obstgarten mit Friedhof, haben die Urheber des Plans erdacht. „Wir verstehen das als Idee, als Organigramm, nicht als Bauplan“, sagt Napierala. An den Ausläufern der Alb ist der Boden steinig, in rund 1,20 Meter Tiefe beginnt der nackte Fels. Einen Friedhof wird es nicht geben, „obwohl durchaus Leute Interesse gezeigt haben“, sagt Napierala. Steinhaufen verraten, wie viel Zeit es gekostet hat, alleine die Löcher für die Eichenbalken zu graben, die später die Hauptlast des Klosterscheunendachs tragen werden. Alles wird in Hand und Fuß gemessen – „das ist gewöhnungsbedürftig“, sagt Napierala. Der Architekt muss in Zentimeter umrechnen. Und nicht nur er hatte Mühe, sich auf die Bauphysik des Mittelalters einzulassen: „Wir haben mehrere Statiker verschlissen.“

Zwei Hütten schenkte die Stadt St. Gallen dem Projekt zum Start 2012. Damals feierte die schweizerische Stadt ihre Gründung vor 1400 Jahren. 612 ließ sich dort der Wandermönch Gallus nieder, errichtete eine Einsiedelei. „So könnten diese Einsiedlerzellen ausgesehen haben“, sagt Napierala und deutet auf die beiden Holzhütten: Kloster im Wortsinn, als Klausur. „Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass Klöster von Anfang an große Steingebäude waren“, sagt Napierala.

Geistlicher Mittelpunkt ist eine Kirche aus Holz. Gottesdienste finden hier allerdings nicht statt. Das untersagt der Pachtvertrag der Stadt Meßkirch, die außerdem ein Viertel des Budgets trägt. „Wir wollen niemanden ausschließen, der nicht Christ ist“, erklärt Napierala das Verbot religiöser Handlungen wie Gottesdienste oder Taufen. Jedoch werde das Gebäude als Kirche wahrgenommen. „Die Leute nehmen den Hut ab, beten in der Stille.“ Für Besucher ist Campus Galli unter Coronaregeln geöffnet, der Eintritt kostet für Einzelpersonen elf Euro, für Familien 23 Euro.

Die 25 Vollzeithandwerker auf der Baustelle wollen lernen, wie ihre Vorfahren Holz, Erz oder Stein bearbeiteten. Einer der wenigen Holzschindelmacher, die es noch gibt, hat sein Wissen weitergegeben. „Die letzte Generation mancher Handwerker ist am Aussterben“, sagt Napierala. So hält das Projekt alte Handwerkstechniken am Leben. Berufsschüler können hier das Balkenhauen lernen – etwas, das andernorts nicht mehr gelehrt wird.

Denn längst beherrschen Maschinen die Berufe. Deshalb haben viele der Handwerker hier angeheuert. Sie möchten zu den Wurzeln zurückfinden. „Anfangs war immer der Vergleich da: Warum habe ich jenes moderne Werkzeug nicht zur Verfügung?“, sagt Zimmermann Margarinos. Dann aber sei der Frust Stück für Stück gewichen. „Und ich habe gemerkt, die Arbeitsweise ist nicht schlechter, nur mit anderer Logik dahinter.“ Vor allem aber ist die Qualität oft besser. Und es ist häufig gemeinschaftliche Arbeit gefragt. Das gefällt etlichen.

„Ich denke, den Initiatoren war beim Start selbst nicht bewusst, was alles drinsteckt in dem Projekt“, sagt Napierala: Landwirtschaft, Bildung, Handwerk, zählt er einige Punkte auf. Dazu kooperiert Campus Galli mit der Arbeitsloseninitiative „Werkstättle“ in Pfullendorf. Etliche ehemals Arbeitslose haben in der Welt des Mittelalters ihren Platz gefunden. Und sich wie Böttcher Manfred Schwarz oder Drechsler Gerhard Stein zu Spezialisten entwickelt.

Für immer eine lebendige Baustelle

Ob er den Klosterkirchenbau noch erleben wird, weiß Steinmetz Jens Lautenschlager nicht. „Aber wir sind in jedem Fall ein Teil der Geschichte.“ Und das sei bei den vielen Kirchen, die er davor restauriert habe, ja auch nicht anders. Wie die Klosterkirche einmal genutzt wird, ist ebenfalls noch offen. Eines ist aber sicher: Weil der Zahn der Zeit an allem nagt, wird das karolingische Klostergelände immer eine lebendige Baustelle bleiben.

Der Campus Galli ist unter Corona-Auflagen geöffnet, weitere Informationen im Internet unter www.campus-galli.de.

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