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Dein Glaube: gut – schlecht – weiß nicht ... Kann man Glaubens-stärke bewerten? Im Predigttext sieht es auf den ersten Blick so aus, als ginge es um eine Art Ranking, bei dem alle unterm Strich schlecht wegkommen. Auf den zweiten Blick aber ist es ein Hoffnungstext: Es geht um Vertrauen auf Gott. Und davon reicht schon das kleinste Krümelchen. (Foto: crispyMedia)

Gut genug!

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 37 / 2021

Anke von Legat | 10. September 2021

Über den Predigttext für den 15. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 17,5-6

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Dein Glaube: gut – schlecht – weiß nicht ... Kann man Glaubens-stärke bewerten? Im Predigttext sieht es auf den ersten Blick so aus, als ginge es um eine Art Ranking, bei dem alle unterm Strich schlecht wegkommen. Auf den zweiten Blick aber ist es ein Hoffnungstext: Es geht um Vertrauen auf Gott. Und davon reicht schon das kleinste Krümelchen. (Foto: crispyMedia)
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Anke von Legat (52) ist Pfarrerin und theologische Redakteurin bei UK.

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Predigttext
5 Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! 6 Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein.

Bewerten Sie Ihre Glaubensstärke auf einer Skala von 1 bis 10!
Wie käme diese Aufgabe bei Ihnen an? Würden Sie sich ärgern? Den Kopf schütteln? Oder ins Grübeln kommen?

Die Frage scheint zunächst absurd. Glaubensstärke – wie soll man das bemessen? An der Anzahl der guten Taten, der besuchten Gottesdienste oder der gesprochenen Gebete? Oder gar der Bereitschaft zum Märtyrertum? Es dürfte schwierig werden, da einen passenden Maßstab zu finden.

Wie stark ist eigentlich mein Glaube?

Trotzdem stehen wir manchmal plötzlich vor Situationen, in denen wir uns fragen: Wie ist das eigentlich mit meinem Glauben? Ist er stark genug? Hält er das aus? Trägt er mich durch?

Da ist der junge Mann, der voller Idealimus in sein „Weltweit“-Jahr gegangen ist. Vor Ort trifft er auf Armut, Korruption und Gewalt, und er fragt sich: Reicht mein Glaube, um weiter Nächstenliebe zu üben, wie ich mir das vorgestellt habe?

Da ist die Frau, die beruflich vor ihrem nächsten Karriere­schritt steht. Als sie unerwartet von sexuellen Nötigungen durch Vorgesetzte erfährt, fragt sie sich: Trägt mein Glaube mich durch, wenn ich Beliebtheit und Karriere aufs Spiel setze, um den Opfern öffentlich beizustehen?

Da ist die Frau, die jahrelang ihre Schwiegermutter gepflegt hat. Nach dieser Zeit möchte sie endlich die Reisen machen, von denen sie immer geträumt hat – als ihr Mann plötzlich stirbt. Sie zweifelt: Ist mein Glaube stark genug, um mich aus diesem Loch herauszuholen?

So absurd ist die Frage nach der Stärke des eigenen Glaubens also nicht. Auch der engste Kreis der Jünger um Jesus, die im Predigttext „Apostel“ genannt werden, scheint sich diese Frage gestellt zu haben – und die Antwort fiel offenbar nicht zufriedenstellend aus. „Stärke uns den Glauben“: Diese Bitte an Jesus lässt darauf schließen, dass ihnen ihr Glaube schwach erscheint. Zu schwach. Aber – zu schwach gemessen woran?

Das Evangelium mahnt zur Konsequenz

Vielleicht liegt es an den vielen mahnenden Worten und Gleichnissen Jesu, die davor warnen, im Glauben nicht konsequent genug zu sein: die Geschichte vom Reichen und dem armen Lazarus etwa, die rigoros an die in der Tora festgeschriebene Pflicht zur Nächstenliebe und Fürsorge erinnert – aber wer schafft das schon, vom eigenen Besitz so viel abzugeben, dass andere auch davon leben können? Oder die Mahnung zur Bereitschaft, immer wieder zu vergeben – aber wem gelingt das, so viel Verständnis und Gelassenheit aufzubringen? Oder auch die beängstigende Schilderung des Wiederkommens Jesu, an dem von zwei eng vertrauten Menschen der eine angenommen, der andere verworfen wird – aber wer kann schon von sich sagen, dass er mit Sicherheit dann auf der richtigen Seite steht?

Bäume versetzen – wer kann das schon?

Da kann man schon mal Angst bekommen, dass der eigene Glaube nicht ausreicht. Und die Worte Jesu scheinen sogar noch einen draufzusetzen: Mit einem winzigen Körnchen Glauben könntet ihr einen riesigen Baum versetzen – na toll. Da scheint es mit unserer Glaubenskraft ja nicht besonders weit her zu sein.

Man kann das Ganze aber auch umdrehen. Dann bedeuten Jesu Worte: Ein winziges Körnchen Glaube gibt Menschen ungeheure Kraft. Sie würde sogar reichen, einen Maulbeerbaum zu verpflanzen – aber wozu soll das gut sein? Glaubenskraft brauchen wir in Situationen, in denen wir für solche Kunststückchen keine Zeit haben.

Keine Zeit für Kunststückchen

Wir brauchen sie, wenn es darum geht, im Leben selbst zu bestehen und anderen dabei zu helfen. Wir brauchen sie im Leid und in Angst, in Trauer, Verfolgung und im Sterben. Wir brauchen sie, wenn es darum geht, Gottes Gebote zu erfüllen und einzutreten für Gerechtigkeit, für Menschenwürde, für Nächstenliebe.

So verstanden, tut Jesus genau das, worum die Jünger ihn bitten. Er stärkt ihren Glauben, indem er ihnen die Angst nimmt, etwas leisten zu müssen: Euer Glaube muss kein bestimmtes Maß erfüllen – noch nicht mal das eines Senfkorns. Wenn ihr auf Gott hofft und darum bittet, dass er euch stärkt und hilft, reicht das. Zum Maßstab wird dann der Mut, sich auf Gott zu verlassen und darauf zu vertrauen, dass die Kraft von ihm kommt. Das reicht.

Gebet

Gott, vor dir müssen wir nichts leisten und nichts beweisen. Was vor dir zählt, ist unser Vertrauen, dass du unser Leben und diese Welt in deinen Händen hältst. Mit diesem Vertrauen schauen wir auf unsere Mitmenschen, helfen, wo jemand Hilfe braucht, streiten, wo jemand ungerecht behandelt wird und freuen uns, wenn das Leben gelingt. Dafür stärke uns. Amen

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