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Leiterin Petra Kühn am Hostieneisen der Hostienbäckerei der Dresdner Diakonissenanstalt. Der Abendmahls-Stopp in Kirchen wegen Corona gefährdet die Hostienbäckerei der Dresdner Diakonissenanstalt. Sie trotzt dem wirtschaftlichen Ruin mit neuen Ideen. (Foto: epd/Dietrich Flechtner)

Oblatenreste werden zu Käsekeksen

Aus der Printausgabe - UK 36 / 2021

Tomas Gärtner | 5. September 2021

Die Hostienbäckerei ist gefährdet, weil nur selten Abendmahl gefeiert wird. Ideen sind gefragt

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Leiterin Petra Kühn am Hostieneisen der Hostienbäckerei der Dresdner Diakonissenanstalt. Der Abendmahls-Stopp in Kirchen wegen Corona gefährdet die Hostienbäckerei der Dresdner Diakonissenanstalt. Sie trotzt dem wirtschaftlichen Ruin mit neuen Ideen. (Foto: epd/Dietrich Flechtner)

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Die Prägung weist den Unterschied aus. Bei glatten handele es sich um schlichte Brothostien aus maschineller Großproduktion, erklärt Petra Kühn. Die mit Kruzifix oder Siegeslamm und diesem matten Glänzen indes verraten Handarbeit. So, wie sie seit 1866 in der Hostienbäckerei der Dresdner Diakonissenanstalt gepflegt wird.

Leiterin Petra Kühn, 54 Jahre alt, gelernte Krankenschwester mit pädagogischer Zusatzqualifikation, vermengt etwas mehr als ein Liter kaltes Wasser mit einem Kilogramm Weizenmehl. Mehr als diese zwei Zutaten dürfen in eine Hostie nicht hinein. Eine Regel, die seit über 1200 Jahren in den westlichen Kirchen gilt.

Ein bisschen wie Waffeln backen

Mit einer Schöpfkelle setzt Petra Kühn einen Klecks des dünnflüssigen Teigs in die Mitte des Hostieneisens. Dann senkt sie per Hebel das auf 140 Grad erhitzte Oberteil herab. Es zischt kurz. Sachter Waffelduft verbreitet sich. Der Teig bäckt zwei Minuten. Dann öffnet sie die Maschine. Auf der runden Platte, etwa so groß wie ein Kuchen, reihen sich 69 verzierte Hostien aneinander. Eine mit aufgeprägtem Christusmonogramm ist größer – die Schauhostie, die der Pfarrer während der Abendmahlsliturgie hochhält. Eine Nacht lang müssen die großen Scheiben in einem extra Raum bei 80 Prozent Luftfeuchtigkeit lagern. „Sonst würden sie beim Stanzen zerbröseln“, erklärt Kühn.

Georg Schudrowitz platziert die Platte auf einer alten gusseisernen Maschine, montiert auf einen Holztisch. Sacht drückt sein Fuß ein abgewetztes Pedal, durch einen dicken Draht mit dem Oberteil verbunden, das sich niedersenkt und eine Hostie ausstanzt. 68 Mal wiederholt er das. Mechanik ohne Maschinenlärm. „Ganz meditativ“, sagt Kühn.

Die Schauhostie stanzt sie mit einem Ringeisen aus, das einem großen Stempel ähnelt. Trocknen müssen die Oblaten in Plastikkörben, ehe Petra Kühn sie in Reihen in einen Karton schichtet, genau abgezählt. 500 die kleine, 1000 die große Packung. Die werden dann von Dresden aus bundesweit an Kirchgemeinden und Einrichtungen geschickt.

Auf etwa 800 000 Stück pro Jahr hatten sie es zuletzt durch geduldige Werbung gebracht. Bis die Corona-Pandemie ausbrach und kein Abendmahl mehr in den Kirchen gefeiert wurde. „2020 haben wir nur noch 300 000 produziert“, berichtet Kühn. Sie, die zwei Mitarbeiter und die Mitarbeiterin, alle aus einer geschützten Werkstatt für Menschen mit Einschränkungen, mussten in Kurzarbeit.

„Wir haben überlegt, wie wir uns trotzdem wirtschaftlich am Leben halten könnten“, sagt sie. Zuvor schon hatten sie aus Resten von Altarkerzen neue Kerzen gegossen. Tom Brietenhagen flicht nun auch schmale Papierbänder zu kleinen Fröbelsternen, faltet Sterne in anderen Formen oder stanzt Engel aus Pergamentpapier aus. Mit dicker Nadel zieht die gehörlose Carola Schmiedt farbige Wollfäden über eine Pappe. Daraus werden Glückwunschkarten. Kühn brennt Sterne aus Keramik.

Noch etwas Besonderes zeigt sie: Was von den Hostienplatten nach dem Stanzen übrigbleibt, schreddern sie und backen Kekse daraus. Weil seit Corona vor allem Schauhostien gefragt sind, fällt mehr ab als zuvor. So konnten sie ihr Keks-Sortiment erweitern. Jetzt gibt es außer welchen mit Marmeladenklecks oder Hafer auch herzhafte Käsekekse.

Sie haben Mund-Nase-Bedeckungen in grün-blau mit dem Logo der Diakonissenanstalt genäht, als die noch aus Stoff bestehen durften. Die Musterkollektion, die ihnen ein Raumausstatter überließ, haben sie in Taschen für Weinflaschen verwandelt. Die Bändchen dazu auf einer uralten Kordelmaschine mit Handkurbel geflochten.

„Auffangen können wir den Rückgang damit nicht“, sagt Kühn. Nun hofft sie, dass die Kirchgemeinden Kreativität für ein Abendmahl unter Hygienebedingungen entwickeln. „Wir haben uns ja auch etwas Neues ausgedacht und die volle Breite unserer Talente eingesetzt, um diesem wirtschaftlichen Einbruch nicht tatenlos zuzusehen.“

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