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Alles umsonst?

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 36 / 2021

Anke von Legat | 6. September 2021

Die beste Absicht bewirkt nicht immer Gutes – dafür ist der gescheiterte Afghanistan-Einsatz ein schlagendes Beispiel. Warum wir trotzdem nicht nachlassen können, Gutes zu tun.

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Alles umsonst? Diese Frage fehlte in kaum einer Zeitungsüberschrift nach dem chaotischen Abzug aus Afghanistan. Sie drängte sich ja auch auf angesichts von 20 Jahren militärischer Präsenz in dem Land am Hindukusch: Hunderte von Toten unter Soldaten und Soldatinnen und unter der afghanischen Zivilbevölkerung; Milliarden an Dollars und Euro, die für den Einsatz gezahlt wurden – und jetzt? Was bleibt? War es das wert?

Natürlich, sagen die einen. Diese 20 Jahre haben bewirkt, dass für eine ganze Generation von Kindern klar ist: Mädchen dürfen zur Schule gehen. Frauen können ohne männliche Begleitung und ohne Ganzkörperschleier ihr Haus verlassen; Männern wie Frauen ist es erlaubt, Fußball zu spielen, Musik zu hören oder sich politisch zu engagieren, ohne um ihr Leben fürchten zu müssen. Eine Zeitspanne also, die für ganz viele Menschen ihren Wert in sich trägt – und kleine Pflänzchen der Hoffnung hat wachsen lassen.

Ja und?, fragen jedoch die anderen. Eine Generation konnte den Geschmack der Freiheit zwar kosten, aber dafür ist der Rückschlag in die Unterdrückung durch die fundamental-islamistische Gewaltherrschaft der Taliban umso bitterer. Aus dieser Sicht ist der Versuch, Afghanistan zu einem besseren Land zu machen, gescheitert.

Also tatsächlich alles umsonst? Das kommt offenbar auf die Perspektive an – und das wiederum führt zu der Frage: Schaffen wir das eigentlich, etwas nachhaltig „besser“ zu machen – oder sogar „gut“? Gelingt es uns Menschen, Gutes zu tun – und wenn ja, auf welche Weise? Und was ist das überhaupt: „Gut“?

Im Buch des Propheten Micha gibt es eine einfache und klare Definition für das, was in Gottes Augen „gut“ ist – und was Gott von uns fordert: „nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott“ (Micha 6,8).

Aber so einfach das auch klingt, tun wir Menschen uns eben doch sehr schwer mit diesem „Guten“. Oft genug ist gar nicht klar, wie das verbesserte oder gute Ergebnis aussehen soll, und noch viel weniger der Weg dorthin. Was heißt das, eine „gute“ Beziehung zu führen? Kinder „gut“ zu erziehen? Am Arbeitsplatz „gute“ Entscheidungen treffen, und sich anderen gegenüber „gut“ zu verhalten? Welcher Weg ist der richtige, um den Klimawandel zu stoppen, den Reichtum gerechter zu verteilen oder Kriege zu beenden? Jeder Schritt in den Systemen, in denen wir leben, kann gewünschte Folgen haben – aber auch ungewünschte Effekte nach sich ziehen. Und nicht selten erweist sich sogar das, was wir als „gut“ erstrebt haben, im Nachhinein als ambivalent oder gar zerstörerisch.

Gilt auch hier also: Alles umsonst? Bleibt uns letztlich nur die Resignation? Nein. Wie wir trotz der Unsicherheiten Gutes tun können, beschreibt Dietrich Bonhoeffer so: „Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“ Eine gleichzeitig gelassene und hoffnungsstarke Antwort. Und eine Anleitung, es einfach zu versuchen – das Gute.

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