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Grafik: TSEW

Wie Bilder täuschen

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 35 / 2021

Bernd Becker | 30. August 2021

Optische Täuschungen können verwirren. In den Medien werden sogar bewusst Fotos manipuliert oder in falsche Zusammenhänge gebracht. Eine gefährliche Entwicklung

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Grafik: TSEW

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In all die schrecklichen Bildern aus Afghanistan mischt sich vor einigen Tagen plötzlich ein Foto der Hoffnung. Es zeigt, wie die US-Luftwaffe im Laderaum einer Transportmaschine 640 afghanische Bürgerinnen und Bürger aus der von den Taliban eingenommenen Hauptstadt Kabul evakuiert. Kurz darauf die Ernüchterung: Es wird gemeldet, dass ein Flugzeug der Bundeswehr lediglich sieben Menschen ausgeflogen hat. Schnell werden im Internet zwei Fotos aussagekräftig nebeneinander gestellt. Links das vollgepackte US-Flugzeug, rechts die fast leere Bundeswehr-Maschine. Dann stellt sich aber raus: das Bild des deutschen Flugzeugs ist manipuliert. Wie so oft in politisch aufgeheizten Zeiten, werden Fotos benutzt, um Stimmung zu machen.

Es stimmt zwar, dass die Maschine der Bundeswehr nur sieben Personen mitnehmen konnte. Das Bild aber stammt wohl von einer Reise der damaligen Vereidigungsministerin im Jahr 2017. Die Gegenüberstellung der beiden Situationen verfehlt dennoch ihre Wirkung nicht: Die vermeintlich unfähige deutsche Politik auf der einen, die tatkräftigen Amerikaner auf der anderen Seite. Übersehen wird, dass durch den rasanten Abzug der US-Truppen die brisante Lage erst entstanden ist. Und die Erklärung, warum in diesem ersten deutschen Flug aus Kabul nur sieben Personen mitfliegen konnten, geht im Sturm der Entrüstung unter.

Immer wieder zeigen Bilder nur einen Ausschnitt der Wahrheit. Manchmal unfreiwillig, oft ganz bewusst. 1972 etwa ging ein Foto um die Welt: Abgebildet ist ein nacktes Mädchen, das in Vietnam schreiend aus einer Napalm-Wolke flieht. Was hier die Schrecken des Krieges drastisch vor Augen führen soll, bekam später einen faden Beigeschmack. Weitere Aufnahmen zeigen nämlich, dass etliche Reporter die Szene filmen und fotografieren. Erst später kümmerten sie sich um die verletzte Kim Phúc. Auf manchen Bildern sieht es sogar so aus, als würde das Kind von den Kriegsreportern geradezu bedrängt. Am Ende aber bleibt das berühmte Foto in Erinnerung, die näheren Hintergründe kennt kaum jemand. Ein Bild sagt eben mehr als tausend Worte. Aber manchmal nur die halbe Wahrheit. Ähnlich erging es kürzlich dem CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet, als er in der Eifel mit Menschen sprach, die von der Hochwasser-Katastrophe betroffen sind. Ein Foto kursiert, auf dem er mit den Händen in den Taschen dasteht, während ein Mitarbeiter schützend einen Schirm über ihn hält. Sein Gesprächspartner, ein betroffener Anwohner, steht dagegen im Regen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Bilder aus anderen Blickwinkeln ergaben, dass das Foto täuscht. Auch Laschets Gegenüber hat einen Regenschirm über sich. Auf manchen Bildern ist der lediglich nicht zu sehen. Ob Laschet während der Unwetter-Katastrophe geschickt agiert hat, steht auf einem anderen Blatt. Aber das Foto wurde definitiv falsch interpretiert.

Die Grafiken auf dieser Titelseite zeigen, dass Abbildungen oft nicht eindeutig sind. Manchmal liegt das in der Natur der Sache. Fotos etwa können immer nur einen Ausschnitt aus der Realität zeigen. Das führt beim Bundesliga-Fußball dazu, dass jedes Wochenende bitter gestritten wird: War es Abseits oder nicht? Und selbst die Video-Assistenten tun sich trotz aller Technik manchmal schwer zu erkennen, ob ein Spieler wirklich gefoult wurde. Es kommt - wie so oft - auf die Perspektive an.

Durch die Smartphones hat die Bilderflut noch zugenommen. Alles wird aufgenommen, oftmals noch bearbeitet und in sozialen Netzwerken gepostet. Das ist nicht mehr wegzudenken. Und wer kann noch recherchieren, ob immer wahr ist, was gezeigt wird?

Womöglich ist das eine Erklärung für das "Bilderverbot" in der Bibel. Da heißt es in den Zehn Geboten ausdrücklich: "Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen. Weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden ist." Das ist gewiss nicht kunstfeindlich gemeint, sondern spricht von der Tatsache, dass Bilder unzulänglich sind - insbesondere, um das Geheimnis, das wir Gott nennen, darzustellen. Hier ist Zurückhaltung angesagt. Ganz schäbig ist es allerdings, Bilder bewusst zu manipulieren oder in verkehrte Zusammenhänge zu setzen. Das ist "falsch Zeugnis reden" und verstößt gegen ein weiteres Gebot. Unsere Gesellschaft wird immer mehr gespalten. Verfremdete Fotos und Fake News beschleunigen diesen Prozess. Seien wir auf der Hut.

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