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Eberhofer-Erfolgstrio (von links): Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Regisseur Ed Herzog. Das „Kaiserschmarrndrama“, die Nummer sieben der Krimiserie aus dem niederbayerischen Niederkaltenkirchen, kreist um einen Doppelmord. Wichtiger als der Fall ist für den Film allerdings, dass Dorfsheriff Franz Eberhofer nach der Rückkehr von einem Sabbatical in Spanien auf dem Familiengrundstück ein Zweifamilien-Doppelhaus mit Gemeinschaftssauna vorfindet: eine „bourgeoise Scheisshütt’n“ im Rohbau. (Fotos: Bernd Schuller)

Der Reiz des Verbotenen

Film

Aus der Printausgabe - UK 35 / 2021

Andreas Steidel | 1. September 2021

Mit jeder Verfilmung mehr Kinobesucher: Die schrägen Eberhofer-Krimis gehen in die siebte Runde

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Eberhofer-Erfolgstrio (von links): Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Regisseur Ed Herzog. Das „Kaiserschmarrndrama“, die Nummer sieben der Krimiserie aus dem niederbayerischen Niederkaltenkirchen, kreist um einen Doppelmord. Wichtiger als der Fall ist für den Film allerdings, dass Dorfsheriff Franz Eberhofer nach der Rückkehr von einem Sabbatical in Spanien auf dem Familiengrundstück ein Zweifamilien-Doppelhaus mit Gemeinschaftssauna vorfindet: eine „bourgeoise Scheisshütt’n“ im Rohbau. (Fotos: Bernd Schuller)
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So kann es gehen: Regisseur Ed Herzog kontrolliert am Filmset die Kamera­perspektive.

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Die schrägen niederbayerischen Eberhofer-Krimis sind längst ein großer Kinoerfolg. Regisseur Ed ­Herzog (55) kommt aus dem württembergischen Calw. Seine Faszination für den Film hat auch etwas mit seiner pietistischen Erziehung zu tun.

Jeden Sonntag gab es im Kleinstadtkino in Calw eine Kindervorstellung. Am Tag des Herrn aber ging man als Sohn pietistischer Eltern nicht ins Kino. So blieb Eddi Herzog eben zu Hause und ließ sich danach alles ­genau von den katholischen Nachbarskindern erzählen: „Jede Szene, haarklein“, erinnert er sich.

Calw war damals noch eine sehr enge Welt. Eine, von der sich mancher befreien musste: Der Schriftsteller Hermann Hesse zum Beispiel und irgendwann auch Ed Herzog, der im November 1965 eigentlich als Andreas Herzog geboren wurde.
Den Spitznamen Eddi hatte er sich aus der Sesamstraße geborgt („der starke Eddie“). Weil er so lange nicht ins Kino durfte, hing er umso mehr vor dem Fernseher.

Befreiung aus der gesellschaftlichen Enge

Der Reiz des Verbotenen: Er steigerte die Filmbegeisterung von Andreas Herzog immer weiter. Mit 15 durfte er in die Abendvorstellung, mit 18 stieg er ins Auto und ging in die großen Kinosäle nach Stuttgart. Derweil machte er in Calw Abitur: Mit den Leistungsfächern Chemie und Religion. So sehr ihn die enge Welt des Pietismus einschnürte, so sehr interessierten ihn religiöse Fragen, wenn sie mit Philosophie und Ethik kombiniert waren: „Eine tolle Zeit“, erinnert er sich.

„Das will ich auch machen!“

Sie endete mit dem Zivildienst. Der führte ihn 1984 nach Ludwigsburg. Nun stand er auf eigenen Beinen, ging nach Herzenslust in die Kinos – und hatte viel Zeit zum Nachdenken. Freunde aus Köln brachten ihn mit der Filmbranche in Kontakt.

Ein erstes Praktikum beim „Kleinen Fernsehspiel“, danach Produktionsfahrer. So lernte er 1990 auch Helmut Dietl kennen. Der große bayerische Regisseur drehte gerade „Schtonk!“, die Parodie auf die Hitler-Tagebücher. Spätestens jetzt war Ed Herzog klar: „Das will ich auch machen.“ Die Fäden in der Hand halten, mit Schauspielern arbeiten.

Der Beruf des Regisseurs also. Für den brauchte man aber eine solide Ausbildung. So bewarb er sich 1991 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin – und wurde genommen. Eine Tatsache, die auch die Eltern in Calw beruhigte. „Das war eine fremde Welt für sie“, sagt Ed Herzog, „aber jetzt hatte ich einen soliden Studienplatz.“

Ed Herzog klingt sehr liebevoll, wenn er von Calw und seinen Eltern spricht. Niemand hat ihm Steine in den Weg gelegt, keiner drängte ihn, den Familienbetrieb, die Eisen­warenhandlung, zu übernehmen. Einmal ging sein Vater sogar mit ins Kino, da ist der Sohn beinahe erschrocken.

Den ganz großen Erfolg seines Sprösslings hat er nicht mehr miterlebt. 2007 verstarb Hermann Herzog, der zeitlebens streng gläubig war, in die Stunde der Süddeutschen Gemeinschaft ging und dem Kirchengemeinderat angehörte.

Der Sohn hingegen suchte sein Glück in Berlin. Kreuzberg statt ­Nagoldtal. Allmählich fasste er in der Filmbranche Fuß. Drehte eine kleine Pfarrer-Serie und den Pilotfilm zur Serie „Bloch“ mit Dieter Pfaff. Bald hatte er in der Branche einen Namen. Übrigens einen, der nun auch offiziell Ed Herzog lautete, weil es einen Regisseur namens Andreas Herzog bereits gab. Nach und nach kamen die ­Aufträge. Tatort, Polizeiruf, Spielfilme. Alles Projekte, die auch Geld einbrachten und dafür sorgten, dass der Freiberufler von seiner Arbeit leben konnte.

Dem breiten Publikum freilich sagte der Name Ed Herzog wenig. Regisseure agieren hinter den Kulissen, stehen als Person selten im Rampenlicht. Das änderte sich erst 2013 mit einem Kinoerfolg, den so keiner auf der Rechnung hatte.

Damals verfilmte Ed Herzog ein Buch der Schriftstellerin Rita Falk, die mit einer bayerischen Krimi-Reihe einen Bestseller gelandet hatte. Es war die Geschichte des Dorfpolizisten Eberhofer. Eine Satire mit schwarzem Humor und schrägen Figuren. Sie suchten Schauspieler und einen Drehort. Die Hauptrollen wurden mit Sebastian Bezzel und Simon Schwarz besetzt, das fiktive Niederkaltenkirchen ins niederbayerische Frontenhausen verlegt.

Schwarzer Humor und schräge Typen

Aus einem Eberhofer sind sieben geworden. Mit jeder Verfilmung nahm die Zahl der Kinobesucher zu. Fünf Millionen sind es jetzt. Seit 5. August läuft „Kaiserschmarrndrama“ in den Kinos, nachdem der Filmstart coronabedingt mehrfach verschoben werden musste.

Der Eberhofer hat Ed Herzog bei vielen Zuschauern bekannt gemacht. Ab und an wird auch seine Mutter in Calw angesprochen. „Das macht sie schon auch stolz“, sagt er mit einem Lächeln. Alle zwei ­Monate kommt er nach Hause. Im Herbst 2020 hielt er sogar einen Vortrag an der Volkshochschule Calw. Natürlich ging es dabei um den Eberhofer sowie um seine Jugend im Nagoldtal.

Er selbst lebt mit Frau und Kindern in Berlin. Wenn sie Lust haben, gehen sie gemeinsam ins Kino – sogar sonntags.

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