hg
Bild vergrößern
Foto: TSEW

Vom Niederknien und Aufstehen

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 32 / 2021

Karin Ilgenfritz | 9. August 2021

Beten: Da denkt man an tröstende Worte. Gute Gedanken. Drängende Bitten. Was dabei oft aber in Vergessenheit gerät: Der Mensch besitzt auch einen Körper. Und der betet mit.

Bild vergrößern
Foto: TSEW

Anzeige

Charlie Brown weiß über den Zusammenhang zwischen Körper und Psyche Bescheid. In vier Bildern erklärt der Held der legendären Comic-Reihe „Peanuts“ seiner kleinen Schwester Sally, wie man sich hinstellen muss, wenn man deprimiert ist. Er macht es ihr vor: Es sei ungeheuer wichtig, eine bestimmte Körperhaltung einzunehmen, sagt er und lässt Kopf und Schultern hängen. „Das Verkehrteste wäre, aufrecht und mit erhobenem Kopf dazustehen, weil du dich dann sofort besser fühlst“, betont er.

Peanuts-Erfinder Charles M. Schulz macht mit seinen Figuren  deutlich, wie sich Körperhaltung und psychische Verfassung gegenseitig beeinflussen. In der Fachsprache nennt man dieses Wechselspiel „Embodiment“. Schon lange wird in der Medizin berücksichtigt, dass sich psychische Zustände im Körper ausdrücken. Bei Angst etwa steigt der Blutdruck, das Herz rast. Oder das Verliebtsein – alle, die das einmal erlebt haben, dürften wissen, was mit „Schmetterlingen im Bauch“ gemeint ist.

Nun setzt sich auch immer mehr die Erkenntnis durch, dass das auch in umgekehrter Richtung wirkt: Körperzustände, bestimmte Körperhaltungen beeinflussen das Fühlen und Denken. Das kann man sich zunutze machen. In manchen psychotherapeutischen Richtungen wird das eingesetzt.

Was in der Therapie wirkt, geht auch beim Beten. Da mag nun mancher und manche skeptisch sein. Weil es kaum üblich ist. Zumindest im christlichen Glauben. Muslime dagegen nehmen beim Beten verschiedene Haltungen ein. Auch Juden machen das.

Gerade bei uns Evangelischen kommt das wenig vor. Immerhin: Wir stehen meist zum Vaterunser auf. Wir falten die Hände. Bei den Katholiken ist dagegen auch das Niederknien und sich Bekreuzigen üblich. Immerhin: Kindern im Kindergarten werden oft Gebete mit Gesten beigebracht. Aber mit zunehmendem Alter verliert sich das. Das ist schade. Denn Gesten und Körperhaltungen können das Gebet intensiver werden lassen und uns bereits beim Beten verändern.

Ein Beispiel: Ein Mensch, der nicht mehr weiter weiß, betet im Sitzen. Er beugt sich leicht nach vorn, stützt die Arme auf den Beinen ab und den Kopf in die Hände. Dann betet er darum, dass Gott ihn öffnen möge, um neue Wege zu erkennen. Er könnte sich auch aufrecht hinstellen und bei der Bitte um Offenheit die Arme weit auseinanderstrecken. Wer die Bitte um Offenheit auch körperlich nachvollzieht, wird eine Auswirkung auf die Psyche spüren.

Es gibt viele Gebete mit Bewegung und Gebärden. Manche Christinnen und Christen haben sich den Sonnengruß zu einem Gebet umgestaltet, eine Bewegungsabfolge aus dem Yoga, und berichten von guten Erfahrungen. Körperhaltungen und Bewegungen können den Gebetsinhalt verstärken, spürbar machen.

Dabei geht es nicht um sportliche Übungen. Auch nicht darum, das in Gottesdiensten oder Gruppen vorzuführen. Am besten geht es, wenn man es allein für sich tut. Zuhause oder in einer leeren Kirche. Einfach ausprobieren. Es gibt nichts zu verlieren. Vielleicht kommt man sich anfangs seltsam dabei vor. Mag sein. Ist aber egal – es sieht ja niemand zu. Und im besten Fall spürt man dann deutlich eine Wirkung. Wie Charlie Brown.

Per E-Mail empfehlen