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Die "rollende Kita" für Kinder von beruflich reisenden Familien auf dem Messplatz in Darmstadt (Foto vom 15.06.2021): v.l., Studentin Jana Roth; Sozialarbeiterin Theresa Saup;Tiano (6); Eleyna (3); Sonny (7). (Foto: epd)

Mit der rollenden Kita unterwegs

Bildung

Renate Haller (epd) | 3. August 2021

Kinder aus Zirkusfamilien können nicht regelmäßig in einen Kindergarten gehen, sie reisen mit ihren Familien von Ort zu Ort. In Hessen kommt darum die Kita zu ihnen.

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Die "rollende Kita" für Kinder von beruflich reisenden Familien auf dem Messplatz in Darmstadt (Foto vom 15.06.2021): v.l., Studentin Jana Roth; Sozialarbeiterin Theresa Saup;Tiano (6); Eleyna (3); Sonny (7). (Foto: epd)

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Darmstadt/Wiesbaden (epd). Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Campingmobil: «Kitamobil» steht in großen Buchstaben auf dem weißen Transporter, der heute auf dem Darmstädter Messplatz haltmacht - nicht weit entfernt von Zirkuszelt, Wohnwagen und Tiergehege des «Circus Rolina». Es ist eine «rollende Kita», die an zwei Tagen in der Woche zu den Zirkuskindern kommt.

   Tiano ist mit seiner Cousine Eleyna (3) und seinem Cousin Sonny (7) gekommen. Auf kleinen Stühlen vor niedrigen Tischen sitzen sie mit Sozialarbeiterin Theresa Saup und Studentin Jana Roth zusammen. «Ich bin schon auf Seite 68», erklärt Tiano stolz und zeigt sein Heft. Dort geht es um Mengen und Zahlen. «Wie viele Autos siehst du?», fragt Roth. «Acht», sagt Tiano und fügt hinzu, welches Geräusch ihm dazu einfällt: «Tüt, tüt.»

   Der Sechsjährige kommt zweimal pro Woche für zwei bis drei Stunden in die Kita. Seine Familie hat ihren Zirkus seit Februar auf dem Messplatz aufgeschlagen, zunächst in der coronabedingten Pause, anschließend für die ersten Vorstellungen nach dem Lockdown.

   Die «rollende Kita» gibt es erst seit September 2020, finanziert wird sie vom Hessischen Sozialministerium, der Diakonie Deutschland und der EVIM Bildung gGmbH. Fachkräfte des Evangelischen Vereins für Innere Mission (EVIM) in Wiesbaden unterrichten schon länger in einem «mobilen Klassenzimmer» die Kinder von beruflich reisenden Familien - auch auf dem Darmstädter Messplatz steht heute neben dem «Kitamobil» das «Lernmobil». Daraus hat sich während der Corona-Pandemie das neue Angebot für jüngere Kinder entwickelt.

   Denn der Lockdown war für die Jüngeren besonders langweilig. «Sie wollten mit zum Unterricht ins Lernmobil kommen, weil wir die einzige Abwechslung für sie waren», erzählt Thomas Schulze, Fachberater im Bereich Kindertagesstätten des EVIM und Mitinitiator des Projekts. Schnell wurde klar: Es ist auch ein mobiles Angebot für Vorschulkinder nötig.

   Mit zwei weißen Sprintern ist das Kita-Team seit April unterwegs, dabei handelt es sich um umgebaute ältere Lernmobile. Innen ist alles zweckmäßig, aber kindgerecht eingerichtet: Von einem hohen Regal blicken zwei große braune Plüsch-Bären, an den Wänden hängen Kinderzeichnungen. «Es fehlt noch eine Erholungsecke», sagt Saup, mit Sitzsäcken solle eine geschaffen werden.

   «Manchmal haben wir acht Kinder, mal sechs, mal drei», erzählt die Sozialarbeiterin. Das hänge ganz davon ab, welches Ziel sie und ihre Kollegin ansteuerten. Die mobile Kita hat inzwischen elf Stationen, insgesamt 22 Kinder ab drei Jahren sind angemeldet. «Wir sind nur in Hessen unterwegs», erläutert Saup. Die meisten reisenden Familien beschränkten sich wegen ihrer schulpflichtiger Kinder auf ein Bundesland.

   Täglich werden zwei bis drei Stationen angefahren. Dort versuchen die Fachkräfte, mit den Kindern möglichst viel draußen zu unternehmen. Die Arbeit ist eine andere als in einer alltäglichen Kita. «Wir müssen mehr planen, weil es nur so wenige Kinder sind und die größere Gruppe fehlt», sagt Saup.

   Vor allem die Vorschul-Kinder hätten fast keine Kontakte außerhalb ihrer Familien. Das Lernen von und mit anderen Kindern falle weitgehend weg. Die Kinder seien deshalb stärker auf die Erwachsenen bezogen. «Es ist ein sehr intensiver Kontakt», ergänzt Roth. Besonders Lesen und Basteln stünden bei den Kindern hoch im Kurs.

   Die Mädchen und Jungen haben unterschiedlichen Förderbedarf, einige brauchen Hilfe bei der sprachlichen Entwicklung. Das Kita-Team hat darum Kontakt zu einer Logopädin aufgenommen, die Online-Sprachtherapie anbietet.

   Juliana Ortmann, die Mutter von Eleyna und Sonny, freut sich über das Angebot. «Es tut den Kindern gut», sagt sie. Sie fragten ständig, wann die Kita wieder komme und ob es noch Zettel für Hausaufgaben und zum Malen gebe.« Ginge es nach ihren Kindern, »könnte die Kita öfter kommen«.

   Tiano malt inzwischen eine Maske auf einen Pappteller. Grüne Augen, grüner Mund, gelbe Haare. »Ein böser Zombie«, sagt er. Allerdings sieht das Gesicht gar nicht so furchterregend aus.

   Bei seinen Auftritten in der Manege ist Tiano ein kleiner, fröhlicher Clown. »Meinen August mache ich schon richtig lange«, erklärt der Sechsjährige stolz. Bei seinen Auftritten soll ein Spieltier-Löwe durch einen Reifen springen, was sich nicht so einfach gestaltet.

   Sonny hilft bei den Vorstellungen mit dem Licht. »Dann sehe ich ihn und kann gut auf ihn aufpassen«, sagt Mutter Juliana und lacht. Eleyna hilft beim Popcorn und läuft immer mal wieder mit einem Schild durch die Manege. Und die Kita? »Dort liebe ich das Spielzeug und höre gerne Geschichten. Und alle sind so lieb. Das ist das Beste", sagt Tiano.

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