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Sag mir, was du brauchst

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 29 / 2021

Anke von Legat | 19. Juli 2021

Anderen Gutes tun – ist das Nächstenliebe, Eigennutz oder Überheblichkeit? Überlegungen zu einem Wert im Wandel

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Vor 50 Jahren, am 1. August 1971, versammelten sich rund 40 000 Menschen im Madison Square Garden in New York, um Musik zu hören – und dabei gleichzeitig etwas Gutes zu tun: Bei dem Event, für das Stars wie Ringo Starr, Eric Clapton und Bob Dylan auftraten, kamen über 240 000 US-Dollar zusammen, die für Flüchtlinge in Bangladesh gespendet wurden.

Was bewegt Menschen dazu, sich für andere einzusetzen, deren Leid sie nur aus Schlagzeilen und Fernsehbildern kennen – damals in Bangladesh, heute in Madagaskar oder im Jemen? Was bewegt Menschen überhaupt dazu, anderen Gutes zu tun?

Die Antwort der Psychologie ist: weil wir uns in andere einfühlen können – und diese Fähigkeit vermutlich ein evolutionärer Vorteil ist. Sie führt dazu, dass Menschen zusammenarbeiten, die Schwächen Einzelner durch Fürsorge ausgleichen und so der ganzen Gruppe zu besseren Überlebenschancen verhelfen. Unterm Strich springt also durch die scheinbar uneigennützige Hilfe für alle etwas heraus.

Die Bibel hat eine andere Sicht auf dieses Füreinander-Einstehen. Sie nennt es Barmherzigkeit – eine Folge der Beziehung Gottes zu den Menschen, die er „sich zum Bilde“ erschaffen hat. Aus irgendeinem geheimnisvollen Grund gehört auch das Zerbrechliche und Fehlbare zur Geschöpflichkeit des Menschen. Und diesen Eigenschaften begegnet Gott mit Barmherzigkeit: Er bleibt in Treue zugewandt. Er vergibt. Und er hilft in der Not.

Dass diese Haltung auch für Menschen untereinander gilt, macht die Jahreslosung unmissverständlich klar: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Lukas 6,36). Also: Lasst eure Herzen bewegen und lindert diese Not!

Aber ist Barmherzigkeit überhaupt noch aktuell? Die hilfreiche Geste von oben nach unten, vom Reichen zum Armen, vom Gebildeten zum Ungebildeten, vom Mächtigen zum Machtlosen, ist in die Kritik geraten, weil in ihr eine Bevormundung mitschwingt: Du schaffst es nicht allein. Ich weiß besser als du, was du brauchst. Und ich meine es doch nur gut mit dir!

Diese Haltung, die auch in der christlichen Diakonie über Jahrhunderte verbreitet war, läuft Gefahr, den Betroffenen ihre Würde und ihr Selbstbestimmungsrecht zu nehmen und sie zu reinen Almosenempfängern zu degradieren. Aber sie verändert sich gerade. „Selbstermächtigung“ lautet das Stichwort, das bei den Betroffenen selbst ansetzt und zunächst fragt: Was kannst du mir über dich erzählen? Und was würde dir deiner Meinung nach helfen?

Das ermutigt Betroffene, selbst aktiv zu werden – und ist letztlich auch nachhaltiger, weil Unterstützung gezielter eingesetzt werden kann. Und es lenkt den Blick verstärkt auf die Ursachen von Armut und Gewalt: ungerechte Verteilung von Besitz und Bildung, Rechtsbruch und gewalttätige Strukturen.

Ist Barmherzigkeit also überhaupt noch aktuell? Auf jeden Fall! Das Herz bewegen lassen und spontan helfen ist ein erster Schritt. Aber dann muss der Kopf dazukommen, um die Not möglichst effizient zu bekämpfen. Auch das ist ein Werk der Nächstenliebe – ganz in Gottes Sinn.

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