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Päpstin Johanna verriet ihr wahres Geschlecht, als sie bei einer Prozession in den Straßen Roms ein Kind gebar, so erzählt es die Legende. Jakob Kallenberg verewigte die Geschichte 1539 in einem Holzschnitt. (Foto: akg-images)

Johanna: Das große Rätsel

Literatur

Aus der Printausgabe - UK 29 / 2021

Alexander Brüggemann | 21. Juli 2021

Vor 25 Jahren erschien Donna W. Cross‘ Roman „Die Päpstin“. Ob die Hauptfigur wirklich gelebt hat, ist umstritten

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Päpstin Johanna verriet ihr wahres Geschlecht, als sie bei einer Prozession in den Straßen Roms ein Kind gebar, so erzählt es die Legende. Jakob Kallenberg verewigte die Geschichte 1539 in einem Holzschnitt. (Foto: akg-images)

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Die Geschichte ist doch einfach zu schön, um nicht wahr zu sein – oder? Ein Mädchen vom Mittelrhein, wissbegierig und gewitzt, schleicht sich im 9. Jahrhundert ins Männerkloster ein. Die dort gebotenen Chancen auf Bildung und Karriere ergreifend, gelangt die Androgyne nach Rom und täuscht dort über Jahre die Kirchenleitung: als vermeintlicher Ordensmann, Heiler – und schließlich Papst. Was für ein Erzählstoff!

Das dachte sich auch die New Yorker Autorin Donna Woodlow Cross. Vor 25 Jahren, 1996, erschien ihr weltweiter Bestsellerroman „Die Päpstin“, übersetzt in 31 Sprachen. 2009 wurde er von Sönke Wortmann verfilmt. Nicht zuletzt dieser Verfilmung wegen halten bis heute viele den Stoff für bare Münze. Doch trotz Leinwandbreite und Musical-Fassung bleibt die Päpstin das, als was sie die Fachwelt längst erkannt hat: eine effektvolle Legende des 13. Jahrhunderts.

Wie schön sich streiten und polemisieren lässt, auf hohem historischen wie auch auf Strickstrumpf-Niveau, war zu erleben, als Cross‘ Roman auch in Deutschland die Bestsellerlisten stürmte und einen Medien-Hype auslöste. Kirchenkritik funktioniert als ein Pawlowscher Reflex, den man sehr leicht auslösen kann – mit Klappentexten wie diesem: „Das Leben der Johanna von Ingelheim, deren Existenz bis ins 17. Jahrhundert allgemein bekannt war und erst dann aus den Manuskripten des Vatikan entfernt wurde“. Der Mittelalter-Historiker Horst Fuhrmann (1926-2011) dagegen taxierte den wissenschaftlichen Wert des Romans auf den „von Asterix und Obelix“.

Als Propaganda-Waffe hat die Johanna-Geschichte zu allen Zeiten hervorragend funktioniert – allerdings auch in die andere Richtung: Denn das Ende der Johanna, von dem der Chronist und Dominikaner Martin von Troppau 1277 berichtet, ließ sich auch bestens als eine Parabel für die angestammte Rollenverteilung in der Gesellschaft verwenden. Die Päpstin tut, was eben der Natur der Frau entspricht: Sie gibt sich einem Mann hin, wird schwanger und gebiert – ausgerechnet während einer Prozession nahe der Kirche San Clemente. Sie stirbt in der Gosse wie eine Hure; gerechte Strafe Gottes für ihren Täuschungsversuch?

Belege für oder gegen die Existenz einer Päpstin anzuführen, ist angesichts der dürftigen Quellenlage des 9. Jahrhunderts mühsam, man stößt fast zwangsläufig auf große Lücken und sachliche Widersprüche. Und wer mag denn die sperrigen Konvolute der Fachwissenschaft am Ende wirklich gedanklich nachvollziehen? Wohlfeiler ist wohl, aus einem Schweigen der Quellen zu folgern, alle Beweise für den Skandal seien beseitigt worden. Das allerdings wäre dann erstaunlich vollständig gelungen.

Die heute 74-jährige Bestseller-Autorin Cross hält die Existenz der Päpstin für durchaus möglich. Die Kirche habe alles getan, um die Existenz eines weiblichen Papstes aus ihren Unterlagen zu tilgen; es gebe aber „viele ernst zu nehmende Hinweise“. Ihr eigenes Werk bezeichnet sie als historischen Roman. Es sei ihr nicht darum gegangen, antireligiöse oder antikirchliche Affekte zu bedienen, sondern darum, „wie sich eine wissbegierige Frau gegen Unterdrückung durchsetzt und Fortschritt möglich macht“. Die Resonanz auf ihren Roman wertete Cross als Beleg dafür, dass sich Frauen in der Kirche weltweit mehr Macht wünschten.

Klaus Herbers, emeritierter Professor und Experte für die Papstgeschichte des 9. Jahrhunderts, sieht es weit nüchterner. Die Johanna-Geschichte sei über die Jahrhunderte immer weiter ausgeschmückt worden – vielleicht gerade weil keinerlei Belege vorhanden waren.

„Möglicherweise“, so Herbers, „entzieht sich die Legende auch in manchen Punkten einer Erklärung, weil man im Mittelalter wie heute in der Lage war, ohne präzisen Hintergrund und ohne konkreten Anlass einen Skandal oder eine skandalöse Geschichte zu erfinden.“ Anders gesagt: Mit den vorhandenen Quellen dürfte es schwierig sein, jemanden, der etwas Bestimmtes glauben möchte, vom Gegenteil zu überzeugen.

So gleicht die Diskussion um Johanna – auch Jutta, Gilberta, Agnes oder Glancia genannt – einem Streit um der Päpstin Bart.

„In gestalt unnd geperde eines mannßpilds“

Die Legende der Päpstin Johanna – eine Chronologie

Für die spätmittelalterlichen Erzählungen von einer Päpstin Johanna gibt es keine zeitgenössischen Belege aus dem 9. Jahrhundert. Für Kirchenkritiker ein Hinweis dafür, dass die Spuren vom Vatikan verwischt worden seien. Stationen der Legendenbildung.

• 855: Papst Leo IV. stirbt am 17. Juli. Zwei Monate später wird Benedikt III. (855-858) gewählt. Auch der spätere Patriarch Photios (ab 858), Rivale und Kritiker der Päpste, erwähnt Leo und Benedikt als aufeinander folgende Amtsinhaber, nicht aber einen Johannes oder gar eine Johanna. Die meisten Anhänger der Theorie von einer Päpstin datieren ihr Pontifikat auf die Nachfolge Leos IV. Dieser, so argumentieren sie, sei bereits 853/54 und nicht 855 gestorben. Andere bestreiten die Existenz eines Benedikt III.
• 1099: Papstwahl Paschalis‘ II. Von ihr stammt der erste tradierte Bericht über einen Erniedrigungsritus neugewählter Päpste, die auf einem durchbrochenen Stuhl Platz nehmen mussten. Im Volk wurde dieser Ritus nach Aufkommen der Johanna-Legende dahingehend interpretiert, dass vor der Inthronisation das Geschlecht des Papstes überprüft worden sei.
• um 1250: Der Chronist Jean de Mailly und der Inquisitor Stephan von Bourbon berichten als erste überlieferte Quellen über eine (noch namenlose) Päpstin.
• 1277: Die systematischer angelegte Papst- und Kaiserchronik des Dominikaners Martin von Troppau wird die einflussreichste Quelle für die Johanna-Legende. Er benennt die Päpstin, berichtet knapp über ihren Werdegang „in gestalt unnd geperde eines mannßpilds“ und liefert zwei Versionen ihres angeblichen Endes: erstens, Johanna sei während der Geburt mit dem Kind auf der Straße gestorben. Zweitens, sie werde abgesetzt und ins Kloster gesteckt. Die Johanna-Geschichte verbreitet sich in unzähligen Variationen und wird Allgemeingut, auch in historischen und kirchlichen Quellen. Selbst eine von Papst Sixtus IV. in Auftrag gegebene Chronik mit Lebensberichten der Päpste verzeichnet 1475 eine Päpstin Johanna.
• 1493: Die Legende findet Eingang in die Schedel’sche Weltchronik, ein ebenfalls sehr einflussreiches Werk des frühen Buchdrucks. In der Reformationszeit ist die Päpstin ein Politikum zwischen katholischen und protestantischen Schriftstellern.
• 1649: Der Amsterdamer protestantische Geistliche David Blondel analysiert den Fall wissenschaftlich. Er findet keinerlei Beweise für die Existenz einer Päpstin Johanna.
• 1863: Der renommierte katholische Kirchenhistoriker Ignaz von Döllinger untersucht den Johanna-Stoff und erklärt die Existenz einer Päpstin zur Legende.
• 1970er Jahre: Die historische Frauenforschung in den angelsächsischen Ländern will die Rolle der Frauen in der Geschichte neu bestimmen und nimmt sich der Johanna an.
• 1996: Der Erstlingsroman „Die Päpstin“ der New Yorker Autorin Donna Woolfolk Cross stürmt die Bestsellerlisten.
• 2009: Eine international besetzte Romanverfilmung des deutschen Regisseurs Sönke Wortmann kommt in die Kinos.
• 2011: In Deutschland startet eine Musical-Fassung. KNA­­­

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