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Die Sängerin Lizzo gilt als Pop-Idol, das Selbstliebe verkörpert. Ihre Texte behandeln Themen wie Körperlichkeit, Sexualität, Hautfarbe oder Selbstbewusstsein. (Foto: Von Andy Witchger - Lizzo - Palace Theatre - St. Paul, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73390960)

Wie sehe ich aus?

Aus der Printausgabe - UK 27 / 2021

Nicole Richter | 8. Juli 2021

Auch in kirchlichen Angeboten sollte der Körper und das Verhältnis zu ihm mehr in den Blick genommen werden

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Die Sängerin Lizzo gilt als Pop-Idol, das Selbstliebe verkörpert. Ihre Texte behandeln Themen wie Körperlichkeit, Sexualität, Hautfarbe oder Selbstbewusstsein. (Foto: Von Andy Witchger - Lizzo - Palace Theatre - St. Paul, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73390960)

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Sommerzeit ist Urlaubszeit ist Badezeit. Für viele Frauen (und vermutich auch viele Männer) ist Schwimmen nicht nur mit Gedanken an Freizeit, Urlaub und Erholung verbunden, sondern auch mit einem kritischen Blick auf den eigenen Körper. „Wie sehe ich eigentlich gerade aus? Bin ich schlank genug? Sollte ich vor dem Urlaub noch etwas abnehmen?“ Fragen, die sich scheinbar wie von selbst ins Bewusstsein heben, auch wenn frau/man sie bereits kritisch reflektiert und als körperfeindlich entlarvt hat. Wie stark der eigene Blick von unrealistischen Schönheitsidealen auch durch die Medien geprägt ist, zeigt sich spätestens bei der eindringlichen Betrachtung des eigenen Körpers vor dem Spiegel.

Keine Rechtfertigung für das Aussehen

Doch immer mehr Frauen sind es leid, sich für ihr Äußeres zu rechtfertigen oder gar innerlich zu schämen. Sie wollen sich nicht länger dem Perfektionsdruck unterwerfen und wehren sich gegen die vorherrschenden gesellschaftlichen Schönheitsnormen. Haare unter den Achseln und an den Beinen werden nicht mehr regelmäßig rasiert, der Speck auf den Hüften bleibt und auch die Cellulite an den Oberschenkeln wird nicht mehr länger versteckt.

Die Aktivistinnen vernetzen sich in den sozialen Medien und erheben ihre Stimme für mehr Körperfreundlichkeit. Eine von ihnen ist die US-amerikanische Sängerin Lizzo. Sie singt über Themen wie Diversität, Hautfarben und Körperlichkeit. In ihrem Lied „My Skin“ – meine Haut – feiert sie ihren Körper als „schönes, schwarzes Meisterwerk“. Sie bezeichnet sich selbst als „fett“ und dreht damit den Spieß herum. Worte, mit denen andere Menschen zuvor ihren Körper diskriminierten, füllt sie mit einem neuen Selbstbewusstsein.

Indem sie sich selbst als „fett“ bezeichnet, stärkt sie sich in ihrer Körperlichkeit und löst sich von dem vorherrschenden weißen, schlanken Körperideal. Deshalb posiert sie auch auf ihrer Webseite nackt und setzt damit ein politisches Zeichen als Ikone für „Body Positivity“ (übersetzt: positives Körperbewusstsein), für mehr Selbstliebe und Selbstbestimmung.

Sich Gedanken über den eigenen Körper machen

So wie Lizzo engagiert sich auch Charlotte Kuhrt für ein positives Körperbewusstsein. Sie bloggt und postet als Übergrößen-Model. In ihrem Podcast entlarvt sie „fettängstliches“ Denken und lädt die Zuhörerinnen und Zuhörer ein, gelernte Normen und Körperideale gemeinsam kritisch zu hinterfragen. Eine Aufgabe, die sie in ihren wöchentlich erscheinenden Audios stellt, lautet: Schreiben Sie einen Tag lang auf, welche negativen Gedanken Sie über andere Menschen und ihr Äußeres denken. Schreiben Sie auch die Gedanken auf, die Sie über ihren eigenen Körper denken.

Spätestens da zeige sich, dass wahrscheinlich niemand ganz frei ist von diskriminierendem Denken und internalisierter Fettfeindlichkeit. Dass eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Körpernormen dringend angezeigt ist, untermauert eine Studie des Robert-Koch-Instituts von 2020. Die Studie zeigt, dass die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper bereits im Jugendalter sinkt – insbesondere bei Mädchen.

Die weiterhin starke Wirkung traditioneller Geschlechterrollen dürfe nicht unterschätzt werden. So stehe bei weiblich gelesenen Personen vornehmlich die Attraktivität des Körpers im Fokus der Betrachtung. Bei männlich gelesenen Personen sind es der Ausdruck von (Muskel-)Stärke und Überlegenheit. Die Studienergebnisse legen nahe, dass eine stärkere Gleichstellung der Geschlechter bereits im Jugendalter einen positiveren Umgang mit dem eigenen Körper und somit auch die Gesundheit fördern könne.

Und was kann die Evangelische Kirche tun für mehr positives Körperbewusstsein?

Danke, dass ich wunderbar gemacht bin

Auf der Landessynode im Juni hat Präses Annette Kurschus daran erinnert, dass die Kirche ein Ort der Begegnung ist. Menschen kommen zusammen, um Gottes Nähe zu feiern „und auf Worte zu hören, die wir uns selbst nicht sagen können“. Neben aller positiven Bestärkung, die wir uns selbst zusprechen können, geht die Botschaft des Evangeliums weiter, führt über uns hinaus. Die Evangelische Kirche ist gefragt, alle Menschen einzuladen und diskriminierungsfreie Begegnungen zu ermöglichen.

Ein Ziel sollte sein, gemeinsam über das Körperliche hinauszuwachsen; „Körperkirche“ zu werden und Leiblichkeit auch theologisch neu zu entdecken und zu vermitteln – in der körperstärkenden Predigt, bei ganzheitlichen Ritualen oder beim achtsamen Geplauder vor dem Jugendcafé. Vielleicht kann Psalm 139 dabei eine Richtschnur sein: „Ich danke dir, dass ich auf erstaunliche Weise wunderbar geschaffen bin. Wunder sind deine Taten, meine Lebenskraft weiß darum!“

Nicole Richter ist Leiterin des Fachbereichs „Frauen, Männer, Vielfalt“ im Institut für Kirche und Gesellschaft und Gleichstellungsbeauftragte der EKvW.

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Leser-Kommentare öffnen

ellybe, 10. Juli 2021, 12:06 Uhr


Endlich sehen wir so etwas auch in UNSERE KIRCHE. Was für eine Bereicherung.
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