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Grafik: TSEW

Farbe bekennen

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 27 / 2021

Gerd-Matthias Hoeffchen | 5. Juli 2021

Sieben Farben, ein ganz starkes Zeichen: Nicht erst seit der Fußball-Europameisterschaft bewegt der Regenbogen als Symbol die Menschen. Mittler zwischen Himmel und Erde

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Grafik: TSEW

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Überall sieht man jetzt Regenbögen. In Wohnzimmerfenstern. An Sportstadien. In den sozialen Medien des Internet. Und auch an vielen Kirchen.

Das hat mit der Fußball-Europameisterschaft zu tun. Viele Menschen nutzen sie, um mit Flaggen, Fähnchen oder Fotos ein Zeichen zu setzen. Etwa der deutsche Torwart Manuel Neuer mit seiner Armbinde in Regenbogenfarben.

Denn die Farben des Regenbogens gelten als  Bekenntnis; als „Ja“ zu gesellschaftlicher und weltanschaulicher Vielfalt.

Das ist eigentlich eine gute Sache. Deshalb die erste, ganz spontane Reaktion: Toll! Dass so viele Menschen im wahrsten Sinne des Wortes Farbe bekennen. Und dass auch Christinnen und Christen mitmachen.

Zweite Reaktion: Unbehagen. Lassen wir uns auf diese Weise nicht den Regenbogen klauen? In der Bibel (1. Mose 9) – Noah, Arche, Sintflut – wird der Regenbogen ja als etwas anderes beschrieben. Nämlich als Zeichen für Gottes Bund mit den Menschen. 

Schaut man aber genauer hin, erkennt man: Nein. Das ist kein Widerspruch. Das passt sogar ganz gut zusammen.

Der Regenbogen ist so alt wie die Erde. Und immer schon war der Mensch davon fasziniert. So schön. So erhaben. Und völlig unerreichbar. Niemand kann sich einem Regenbogen nähern. Er weicht immer zurück. Mal sieht man nur Teile. Manchmal den vollen Bogen. Farben, als stammten sie nicht von dieser Welt.

Was war das nur? Jahrhunderttausende lang konnten sich die Menschen dieses Rätsel nur als überirdisches Ereignis erklären.

Man vermutet, dass der Regenbogen in allen Kulturen als göttliches Zeichen galt, als Mittler zwischen göttlicher und menschlicher Welt, als Brücke zwischen „Hier“ und „Dort“. Etwa bei den Germanen, wo der „Bifröst“ die Erde (Midgard) und den Sitz der Götter (Asgard) verband. 

Inzwischen weiß die Physik, wie das himmlische Spektakel zu erklären ist: Treffen Wassertröpfchen und Licht in einem bestimmten Winkel aufeinander, zerlegt die Kugelform der Tropfen das weiße Licht in seine Bestandteile und reflektiert sie als verschiedene Grundfarben. Steht der Mensch zwischen Sonne (im Rücken) und Regen (vorn oben), sieht er (oder sie) den Regenbogen. Im Prinzip ganz simpel.

Und doch geraten die Menschen noch immer in Aufregung. Zücken Kameras und Handys. Denken an Kindererzählungen vom Schatz am Ende des Regenbogens. Trösten sich, wenn das geliebte Haustier stirbt, dass das jetzt über die „Regenbogenbrücke“ in eine bessere Welt gegangen sei. Der Regenbogen steht für: Licht in Dunkelheit. Farbe im Grau und Schwarz. Phantasie und Träumerei.

Und für noch etwas steht der Regenbogen. Als Noah die Arche verlässt, sagt Gott ihm: Dieser Bogen ist mein Siegel. Egal, was ab jetzt kommt – das Leben darf weitergehen. Getier, Mensch. Alles, was kreucht und fleucht. JEDE Form von Leben darf leben.

Gott als Freund des Lebens. Eine ganz starke Botschaft. Wer darauf setzt, darf gerne Farbe bekennen. Auch mit dem Regenbogen.

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