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Foto: Jürgen Blume (epd)

Eine Orgelvideothek für die ganze Welt

Joachim Fildhaut (epd) | 7. Juli 2021

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Foto: Jürgen Blume (epd)

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Würzburg (epd). Orgelspielen lernt man am Instrument, heißt es. Unter Pandemiebedingungen mussten sich die Lehrer deshalb etwas einfallen lassen. Kirchenmusikdirektor Christoph Bossert ist Professor für Orgel an der Hochschule für Musik Würzburg und entwickelte eine Idee, die in ein großes Projekt mündete: Videos im Internet sollen Kenntnisse über die verschiedenen Eigenheiten von Orgeln vermitteln. 84 Lektionen will Bossert in den nächsten drei Jahren produzieren.

   Das Konzept wird mit Bundes- und Ländermitteln gefördert. Die Toepfer-Stiftung finanziert darüber hinaus drei Vollzeitstellen und einige Hilfskräfte bis 2024.

   «Die Orgel ist das komplexeste und am wenigsten normierte Musikinstrument», erklärt Christoph Bossert, der unter anderem Komposition bei Helmut Lachenmann studierte und vor seiner Lehrtätigkeit an der freistaatlichen Hochschule in Würzburg an der Musikhochschule Stuttgart, der evangelischen Kirchenmusikhochschule in Esslingen sowie an der Musikhochschule Trossingen lehrte und weltweit zahlreiche Meisterkurse gab. Weil Orgeln so vielgestaltig sind, erscheint ein direkter Kontakt mit dem Instrument unabdingbar für angehende Organisten. Und ersatzlos gestrichen werden könne «das physische Erleben» an den Manualen, Zügen und so weiter nicht, findet der Dozent. Deswegen gehört «die Verknüpfung von Lehrvideos mit Präsenzformen» zum Konzept der 84 geplanten Produktionen.

   Die Orgelvideothek dient nicht allein als Notbehelf in Zeiten von Corona. Zunächst einmal können sich Künstler und Wissenschaftler weltweit über verschiedene Orgeln informieren. Das ist nicht nur theoretisch wichtig, sondern vor allem, damit sich die Musiker beim Spielen auf die spezifischen Eigenschaften des jeweiligen Instruments
einstellen können. Außerdem, sagt Bossert, sei damit eine «deutlich stringentere und individuellere» Lehre möglich. Und es würden «neue Prüfungsformate entwickelt».

   Bossert arbeitet seit Jahrzehnten mit Organisten auf der ganzen Welt zusammen. Kollegen werden auch Videos beisteuern. Dazu braucht jeder Film eine ähnliche Struktur. Zuerst geht es um das Äußere des Instruments, dann um die Klangfarben. Und: «Danach wird es ziemlich differenziert.» Das liegt nicht allein daran, dass so viele Orgeln Einzelstücke sind. Das liegt auch in der Geschichte und daran, dass
Bossert die Geschichte der europäischen Orgelkunst teilweise neu zeigen möchte.

   Es stehen sich darin nämlich die Vertreter eines reinen, frühbarocken Orgelklangs und die Romantiker mit ihren individuellen und gemischten Klangfarben gegenüber. Bossert sieht allerdings - über alle Grabenkämpfe hinweg - mehr Übergänge zwischen Barock und Romantik, als die Puristen es wahrhaben wollen. So sei das brandneue Instrument, das den jungen Johann Sebastian Bach in Arnstadt prägte, durchaus zukunftsweisend gewesen. Das war 1703. Am Ende des Jahrhunderts, 1797 in Neresheim, war laut Bossert «die Geburtsstunde einer europäischen Orgel», weil das dortige Instrument «alle europäischen Klangstile in sich vereinte».

   Solche Themen behandeln die Videos, wenn sie die einzelnen Orgeln in Bezug auf die Kompositionen vor und nach ihrer Bauzeit untersuchen: «Wie weit reicht das Spektrum einer Orgel zurück in die Vergangenheit? Inwieweit beschreibt sie den Status der Gegenwart? Wie weit reichen ihre Möglichkeiten in die Zukunft?» Aber es geht auch praktischer. Die Organisten sollen in ihren Lehrfilmen demonstrieren, «ob der Apparat starr bleibt», erläutert Bossert, «oder ob ich mit meinem Anschlag etwas lebendig gestalten kann». Er und seine Kollegen wollen zeigen, worauf es beim Spielen des jeweiligen Instruments ankommt, «und wie ich das eindrucksvoll nutzen kann».

   Bei all seiner Leidenschaft für historische Diskussionen möchte Bossert auch kirchenmusikalische Laien erreichen und einige Videos drehen, die nicht nur Akademikern zugänglich sind. Zwei bis drei Web-Filme pro Monat sollen ab August produziert werden.

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