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Wo ich mich stark fühle

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 26 / 2021

Karin Ilgenfritz | 28. Juni 2021

Es gibt Orte, da geht es mir einfach gut. Woran das liegt und warum man sie aufsuchen sollte.

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Stonehenge in Großbritannien dürfte einer der bekanntesten Kraftorte sein. Ebenso der Uluru in Australien, auch Ayers Rock genannt. Beides sind Orte in der Natur, denen von jeher große positive Wirkung attestiert wird. Doch man muss gar nicht so weit in die Ferne schweifen. Auch von den Externsteinen bei Horn-Bad Meinberg heißt es, sie seien ein Kraftort.

Manche Menschen messen solchen Orten große Bedeutung bei, für andere ist das nur Mumpitz und esoterisches Gerede. Fakt ist, es gibt Orte, an denen sich Menschen auf Anhieb wohl fühlen, die der Seele gut tun. Umgekehrt gibt es Plätze, an denen sich unweigerlich Unbehagen einstellt.

Die Historikerin Roberta Rio hat sich ausgiebig mit diesem Thema beschäftigt. Ihre Erkenntnis: Orte sind nicht an sich „gut“ oder „schlecht“. Viel wichtiger ist es, wie die Orte genutzt werden (siehe Seite 12).

Demnach ist es nachvollziehbar, dass sich Menschen in Kirchen und Klöstern wohl fühlen – wo oft schon seit Jahrhunderten gebetet wird und sich Christinnen und Christen Gott zuwenden. Nicht selten fällt die Wendung von einem „durchbeteten Ort“, wie es eine der evangelischen Schwestern über die Krypta im Kloster Wülfinghausen sagt.

Eine Pfarrerin sagt in ihrem Eingangsgebet im Gottesdienst oft die Wendung: „Viele Menschen waren vor mir hier. Sie sind ermutigt und gestärkt worden.“ Genau das ist womöglich der Aspekt, warum sich viele in Kirchen geborgen und gut aufgehoben fühlen.

Aber es muss keine Kirche, Kapelle oder Kloster sein, wo man Kraft tanken kann. Für die eine ist der persönliche Kraftort der Baum mit Bank, umgeben von Wiesen und Feldern. Der andere erlebt den Gipfel eines Berges als Lieblingsplatz. Oder das Meer – für viele Menschen ein Ort, an dem sie auftanken können. Andere fühlen sich im Garten oder gar im eigenen Bett wohl und geborgen.

Auch Jesus hat solche Orte gehabt, an die er sich zurückgezogen hat, um Kraft zu tanken, um zur Ruhe zu kommen und Entscheidungen zu treffen. Mal ging er auf einen Berg, mal in die Wüste, an den See oder in den Garten Gethsemane.

Übrigens kann auch ein und derselbe Ort ganz unterschiedliche Wirkung haben. Es gibt Menschen, die in den Bergen Beklemmungen bekommen, während andere da so richtig aufleben. Womit das zusammenhängen mag? Vielleicht mit negativen Erlebnissen. Oder mit Schilderungen anderer, die schlimme Erfahrungen in den Bergen gemacht haben. Oder einfach mit persönlicher Prägung.

Und dann gibt es auch Orte, die bei den meisten Menschen Grauen hervorrufen – etwa das Gelände ehemaliger Konzentrationslager wie Dachau oder Auschwitz.

Das weist wieder darauf hin, dass es viel ausmacht, was für eine Geschichte ein Ort hat. Und – was Besucherinnen und Besucher darüber wissen und damit verbinden.

Es ist gut, wenn man weiß, welche Orte einem gut tun. Überhaupt ist es hilfreich, wenn Menschen wissen, was sie brauchen und gut für sich selbst sorgen können. Manchmal ist es allerdings gar nicht so leicht, sich selbst auf die Schliche zu kommen. Aber das kann mal lernen. Für die Suche nach einem Kraftort helfen Fragen wie: „Wo breitet sich Ruhe in mir aus?“, „Wo war ich schon oft glücklich?“, „Wo fühle ich mich besonders lebendig?“ oder „Welchen Ort verbinde ich mit wichtigen, lieben Menschen?“

Vielleicht findet sich auf diese Weise ein Ort ganz in der Nähe, der durchatmen lässt, zum Beten anregt und Kraft gibt.

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