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Ein Soldaten der Wehrmacht beobachtet beim Russlandfeldzug 1941 den Anflug sowjetischer Flugzeuge (Foto: Brendel, 1941; aus: Zeitschrift "Signal", frz. Ausgabe, 2. Jg., Heft 23/24, 1941, S. 19). (Foto via epd)
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Totaler Untergang in Schlamm und Eis

Geschichte

Dirk Baas (epd) | 22. Juni 2021

Deutsche Soldaten griffen 1941 die Sowjetunion an - ohne Kriegserklärung. Bis 1945 wurden rund 25 Millionen Menschen getötet. Der als «Blitzkrieg» geplante Feldzug führte ins Desaster. Und beendete die monströse NS-Vision vom großgermanischen Reich.

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Ein Soldaten der Wehrmacht beobachtet beim Russlandfeldzug 1941 den Anflug sowjetischer Flugzeuge (Foto: Brendel, 1941; aus: Zeitschrift "Signal", frz. Ausgabe, 2. Jg., Heft 23/24, 1941, S. 19). (Foto via epd)

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Frankfurt a.M. (epd). Es ist ein strahlender Sonntag, als in den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 das «Unternehmen Barbarossa» anläuft - der deutsche Überfall auf die Sowjetunion, dem epochale Verbrechen folgten. «Es war ein Angriffskrieg, den das 'Dritte Reich' ohne jede Not eröffnet hatte, und er war, was sich als noch verhängnisvoller erweisen sollte, von vornherein konzipiert als rassenideologischer Vernichtungskrieg», schreibt der Historiker und Buchautor Christian Hartmann. Die Folge: Viele Millionen Tote, verwüstete Landstriche, zerstörte Städte, Flucht und Vertreibung und der stetige Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht.

   «Alles an diesem Krieg war groß - die Zahl der Kriegsteilnehmer, der Schauplatz und nicht zuletzt die Zahl derer, die ihm zum Opfer fielen», erklärt Hartmann. Infolge des deutschen Griffs nach «Lebensraum im Osten», der ideologischen Triebfeder des mörderischen Treibens, starben alleine in der Sowjetunion Schätzungen zufolge mehr
als 26 Millionen Menschen. «Das Unternehmen Barbarossa hat die Landkarte Europas gründlich verändert» - bis heute.

   «Es beginnt ein Krieg», schreibt der Historiker und Journalist Joachim Käppner, «der vorsieht, eine komplette Bevölkerung, ein komplettes Land von der Erdkarte verschwinden zu lassen, durch Massenmord und Versklavung.» Zu dem deutschen Vernichtungskrieg gehörte die Ermordung und der Hungertod ungezählter Zivilisten, der Massenmord an Juden und Roma, an sowjetischen Kriegsgefangenen und
kommunistischen Funktionären sowie an möglichen Widerstandskämpfern.

   Am 22. Juni 1941 verbreitet Propagandaminister Joseph Goebbels um 5 Uhr 30 über alle Rundfunksender Hitlers Botschaft: Es sei «die Stunde gekommen, in der es notwendig wird, diesem Komplott der jüdisch-angelsächsischen Kriegsanstifter und der ebenso jüdischen Machthaber der bolschewistischen Moskauer Zentrale entgegenzutreten.» Von nun an kämpfen die Deutschen an zwei Fronten, was bereits im Ersten Weltkrieg zur Niederlage führte. Und es beginnt ein militärisches Abenteuer, das schon Napoleon 1812 scheitern ließ.

   153 deutsche Divisionen attackieren zwischen Ostsee und Karpaten ein schier unendliches Land: Der Vielvölkerstaat erstreckt sich über 21,8 Millionen Quadratkilometer, ein Siebtel der Erde. «Auch deshalb sollte die Wehrmacht unterliegen», schreibt Hartmann. 30 Kilometer vor Moskau versinkt im Dezember 1941 der deutsche Vormarsch in Schlamm und Eis.

   Der Münchner Historiker Johannes Hürter verweist auf das seit langem bestehende ideologische Programm, das schon in Hitlers «Mein Kampf» formuliert war und vermutlich bereits 1934 konkretisiert wurde: die gewaltsame Unterwerfung der von den Nazis als «minderwertig» angesehenen slawischen Völker im «Reich des Bösen» unter die Knute der deutschen «Herrenrasse». Hitlers Vision: Ein «Großgermanisches Reich Deutscher Nation» von der Atlantikküste bis an die Ausläufer des Urals.

   Im Sommer 1940 skizziert Generalstabschef Franz Halder eine Strategie, die zur Grundlage des Überfalls wird. Hitler ist die treibende Kraft der Expansion, doch die Führung der Wehrmacht trägt entscheidend dazu bei, den Angriff auf Russland vorzubereiten - im Detail nachzulesen im neunseitigen Befehl Nr. 21 vom 18. Dezember 1940.

   Große Kesselschlachten mit schnellen Panzervorstößen sorgen zunächst für militärische Erfolge. Doch das Blatt wendet sich 1942. Die Sowjetunion startet im «Großen Vaterländischen Krieg» massive Gegenoffensiven - zu einer Zeit, in der die Wehrmacht bereits eine Million Tote, Vermisste oder Verwundete zählt.

   Der deutsche Generalstabschef Halder räumt schon im August 1941 ein, «dass der Koloss Russland von uns unterschätzt worden ist». Armeebefehlshaber Generaloberst Gotthard Heinrici notiert: «Erstaunlich ist für uns alle immer wieder die Zähigkeit, mit welcher der Russe kämpft. Seine Verbände sind alle halb zerschlagen, er stopft neue Leute herein und sie greifen wieder an. Wie die Russen das fertig kriegen, ist mir unverständlich.»

   Vom ersten Kanonenschuss an hatten die Deutschen die russischen Ressourcen und auch den Widerstandsgeist des Gegners völlig falsch eingeschätzt. Gleiches gilt für das im Sommer und Winter extreme Klima. Weil die Strategen im Hauptquartier der Wehrmacht mit einem «Blitzsieg» nach wenigen Monaten rechnen, fehlt es bald an Nachschub. Material, Waffen und Treibstoff gelangen oft verzögert an die Fronten. Das Hauptproblem ist jedoch, dass die Mehrheit der deutschen Verbände nicht für den Winter mit Temperaturen von unter 40 Grad gerüstet ist.

   Dazu kommen schwere taktische und strategische Fehler, weil der despotische Führer, der später selbst den Oberbefehl der Truppen übernimmt, unfassbare Entscheidungen trifft - etwa das Verbot des rechtzeitigen Rückzuges aus Stalingrad. Hitler opfert die 6. Armee. Das Gesetz des Handelns sei nach diesem militärischen Wendepunkt Anfang 1943 endgültig auf die Rote Armee übergegangen, urteilt der
Historiker Arnulf Scriba - eine Konstante bis zum siegreichen Sturm auf Berlin. Die Sowjetarmee wurde zur «Schicksalssendung» der Wehrmacht, wie ein geschlagener General später anmerkt.

   Der verbrecherische Feldzug müsse um jeden Preis erfolgreich enden, schrieb Goebbels in sein Tagebuch: «Wir haben sowieso soviel auf dem Kerbholz, dass wir siegen müssen, weil sonst unser ganzes Volk, wir an der Spitze mit allem, was uns lieb ist, ausradiert werden.» Der Angriff auf die Sowjetunion sollte der Anfang vom Ende NS-Deutschlands werden.

Info

• Joachim Käppner: «1941. Angriff auf die Welt», Rowohlt Berlin, 2016, 19,94 Euro
• Wolfram Wette, Gerd R. Ueberschär (Hg.): Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion: Unternehmen Barbarossa 1941, Fischer Verlag 2011

Internet

Lemo/Überfall auf die Sowjetunion: http://u.epd.de/1v9p

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Leser-Kommentare öffnen

wpayrr, 25. Juni 2021, 10:12 Uhr


Einer evangelischen Kirchenzeitung hätte es in einem Beitrag über "Unternehmen Barbarossa" sicher gut angestanden, die - unselige - Rolle der Kirchen bei diesem Ereignis zu beleuchten. Schade, dass das nicht geschieht! Hitler konnte ich seinerzeit auf die Kirchen und ihre antikommunistische Haltung verlassen. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion schrieb der "Geistliche Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche", dem u. a. der Hannoversche Bischof Marahrens von der Bekennenden Kirche angehörte: "„Der Geistliche Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche versichert Ihnen, mein Führer, in diesen hinreißend bewegten Stunden aufs Neue die unwandelbare Treue und Einsatzbereitschaft der gesamten evangelischen Christenheit des Reiches. Sie haben, mein Führer, die bolschewistische Gefahr im eigenen Land gebannt und rufen nun unser Volk und die Völker Europas zum entscheidenden Waffengange gegen den Todfeind aller Ordnung und aller abendländisch-christlichen Kultur auf.“ Auf katholischer Seite sah es nicht besser aus.
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