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Gerade während der Pandemie nutzen Menschen gern die Möglichkeit, sich in eine geöffnete Kirche zu setzen. Für manchen ist das eine gute Alternative zu Gottesdiensten, die nun wieder zunehmend stattfinden. (Foto: No-Te)

Mehr als nur ein „Corona-Notnagel“

Offene Kirchen

Aus der Printausgabe - UK 25 / 2021

Karin Ilgenfritz | 20. Juni 2021

In der Pandemie haben mehr Kirchen als sonst ihre Türen geöffnet. Viele Menschen nahmen das Angebot gerne an.

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Gerade während der Pandemie nutzen Menschen gern die Möglichkeit, sich in eine geöffnete Kirche zu setzen. Für manchen ist das eine gute Alternative zu Gottesdiensten, die nun wieder zunehmend stattfinden. (Foto: No-Te)
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So sieht das Signet „Offene Kirche“ aus. (Foto: kil)

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Monatelang gab es keine Präsenz-Gottesdienste. Das haben viele Menschen vermisst. Eine gute Alternative waren da geöffnete Kirchen – um sich zum stillen Gebet reinzusetzen. Oder einfach so. Etliche Gemeinden haben ihre Gotteshäuser dafür geöffnet.

Bielefeld. Altstädter Nicolaikirche, im Herzen der Innenstadt. Im großem Kirchraum sitzen zwei Frauen, mit viel Abstand voneinander. Sie wagen es und singen ein Taizé-Lied. Anschließend zünden beide eine Kerze an. „Ach, das hat gut getan – endlich mal wieder singen“, seufzt die eine. Die andere nickt. Sie kommt oft hierher. „Ich vermisse die Gottesdienste sehr. Da ist das ein kleiner Ausgleich.“

Knapp 220 geöffnete Kirchen

Die Kirche in der Innenstadt Bielefelds ist eine der knapp 220 so genannten „verlässlich geöffneten Kirchen“ in der Evangelischen Landeskirche von Westfalen (EKvW). Die Initiative „Offene Kirche“ gibt es bereits seit über 20 Jahren. Eine „Offene Kirche“ muss gewisse Voraussetzungen erfüllen, dann kann sie sich mit dem eigens dafür entwickelten Signet schmücken.

„Üblicherweise schließen sich drei oder vier Gemeinden pro Jahr der Initiative ,Offene Kirche‘ an“, berichtet Pfarrer Andreas Isenburg vom Institut für Gemeindeentwicklung und missionarische Dienste (igm). „Im vergangenen Jahr waren es rund 20. Viel mehr als sonst.“ Isenburg ist unter anderem zuständig für den Bereich Stadtkirchenarbeit, Kirche und Tourismus und eben die „Offenen Kirchen“.

„Neben den Kirchen, die mit dem Signet auf sich aufmerksam machen, gibt es noch eine große Zahl weiterer Kirchen, die geöffnet sind, sich aber nicht an der Initiative beteiligen.“ Wie viele das tatsächlich sind, vermag Andreas Isenburg nicht zu sagen. „Klar ist jedenfalls, dass die Nachfrage durch die Corona-Pandemie deutlich größer wurde.“

Er erzählt: „Anfangs waren wir alle in einer Art Schock-Starre.“ Es gab immer wieder Rundmails der Landeskirche, in der die Corona-Maßnahmen genannt wurden. „Da waren auch die Offenen Kirchen erwähnt. Dadurch wurden manche Gemeinden darauf aufmerksam und sahen es als Chance, so den Menschen ein Angebot machen zu können.“

Das haben viele Menschen gerne angenommen – um Stille zu finden, eine Kerze anzuzünden, sich ausgelegte Texte und Andachten mitzunehmen. Oder auch ein Gespräch zu führen mit Ehrenamtlichen, die während der Öffnungszeit in der Kirche anwesend sind. Von dem ein oder anderen solchen Gespräch können Hannelore Thomas und Annette Friederichs aus Unna berichten. Beide arbeiten im Team der Ehrenamtlichen der Stadtkirche Unna mit.

„Einmal kam eine Frau mit Mann und Kind in die Kirche“, erzählt Annette Friederichs. Während Mann und Kind durch die Kirche gingen, setzte sich die Frau in eine Bank. „Sie weinte bitterlich. Irgendwann sprach sie mich an und fragte, wie ich noch an Gott glauben kann. Das habe ich gar nicht beantwortet, sondern sie stattdessen gefragt: Sie glauben nicht an Gott?“ Daraufhin schüttete die Frau Annette Friederichs ihr Herz aus, erzählte von einer Totgeburt. „Am Ende bedankte sie sich, sagte, das habe ihr geholfen und nun wüsste sie, was zu tun sei. Dabei habe ich eigentlich nur zugehört.“

Vor einiger Zeit hat Annette Friederichs an einer Fortbildung mit Andreas Isenburg teilgenommen, in der es um Gesprächsführung ging. „Was ich da gelernt habe, hat mir schon oft geholfen und in dieser Situation ganz besonders.“ Sie und Hannelore Thomas freuen sich über solche Seminarangebote des igm.

Seit März letzten Jahres fanden allerdings nahezu alle Veranstaltungen online statt. Pfarrer Andreas Isenburg war vor allem gefragt, wenn es um die Regeln rund um Corona ging. „Es kommen noch immer viele Fragen wie: Was darf angeboten werden? Welche Regeln gelten? Worauf muss man achten?“

Die Fragen haben sich im Lauf der Monate geändert. Während es anfangs noch um das Singen ging, war das schnell kein Thema mehr. „Allen war dann klar, dass Singen nicht erlaubt ist.“ Um Weihnachten herum ging es unter anderem auch darum, ob sie Plätzchentüten verteilen dürfen oder ob man nicht doch etwas „irgendwie“ draußen anbieten könnte. Jetzt hofft An­dreas Isenburg, dass sich die Öffnungszeiten in den kommenden Wochen wieder ausweiten.

Davon gehen Hannelore Thomas und Annette Friederichs in Unna aus. Im Moment ist die Stadtkirche an den Markttagen Dienstag und Freitag vormittags von 10 bis 13 Uhr geöffnet. „Aber wir hoffen, dass wir bald wieder öffnen können wie früher“, sagt Hannelore Thomas. Das heißt: Dienstag bis Freitag jeweils fünf Stunden und am Samstag für vier Stunden.

Außerdem freuen sich die beiden 72-Jährigen darauf, wieder Exkursionen in andere Kirchen machen zu können und Fortbildungen „in echt“ zu haben. „Das ist immer eine große Bereicherung und es tut uns auch als Team gut, wenn wir gemeinsam unterwegs sind“, sagt Hannelore Thomas. Sie gehört seit 15 Jahren dem Team der „Offenen Kirche“ an, Annette Friederichs ist seit vier Jahren dabei.

„Es macht mir viel Freude“, sagt Friederichs. „Ich bin selbst gern in Kirchen. Gerade, wenn ich in eine fremde Stadt reise, such ich gern Stille in einer Kirche. So ermögliche ich hier in unserer schönen Kirche anderen Menschen das, was ich selbst sehr schätze.“

Beide Frauen haben es bedauert, dass „ihre“ Kirche in der Pandemie mehrmals ganz schließen musste. „Jetzt haben wir seit März wieder eingeschränkt geöffnet“, sagt Hannelore Thomas. Erstaunlich findet sie, dass viele Menschen den Weg in die Kirche finden. „Und das obwohl die Touristen komplett wegfallen. Ebenso das Flanieren – wenn alles geschlossen ist, sind wenig Menschen unterwegs.“ Aber in die Kirche kommen dennoch etliche.

Geschenkte Zeit in der „Offenen Kirche“

Allerdings ist es sehr unterschiedlich, wie viele Besucherinnen und Besucher kommen. „An manchen Tagen sind es 20, manchmal kommt nur einer oder zwei“, schildert Annette Friederichs. „Für uns spielt das keine Rolle, weil wir einfach gern in der Kirche sind.“ Sie erzählt, dass sie meist etwas zu lesen dabei hat. „Oft sitze ich auch einfach da, genieße die Stille und freue mich über die geschenkte Zeit.“

Übrigens gibt es auch Offene Kirchen, in denen niemand zur Aufsicht da ist. „Das ist zwar nicht die Regel, aber manchmal geht es nicht anders“, sagt Andreas Isenburg. Er hofft sehr, dass alle Gemeinden, die sich in den letzten 18 Monaten gemeldet haben, ihre Offene Kirche auch nach Corona beibehalten. „Eine Offene Kirche ist alles andere als ein Corona-Notnagel, sondern ein echtes Zusatzangebot.“

Am 3. September gibt es in Dortmund einen Praxistag zum Thema „Verlässlich geöffnete Kirche“. Pfarrer Andreas Isenburg stellt Modelle vor, wie man Mitarbeitende gewinnt, schult und begleitet.

Voraussetzungen für eine „Offene Kirche“

Pfarrer Andreas Isenburg erklärt: „Wenn eine Gemeinde ihre Kirche für mindestens eine Stunde pro Woche öffnet, kann sie ein Banner oder eine Aufstellfahne bekommen mit der Aufschrift ,Kirche geöffnet‘. Das hängt sie dann auf oder stellt sie vor die Kirche, wenn sie auf ist.“ Das Signet „Offene Kirche“ erfordert mehr Öffnungszeiten. „Eine ,Offene Kirche‘ hat von April bis September an mindestens fünf Tagen pro Woche jeweils mindestens für vier Stunden geöffnet. Die Kirche soll einladend gestaltet sein und Informationsmaterial anbieten.“ Weitere Informationen gibt es bei Andreas Isenburg, E-Mail: andreas.isenburg@igm-westfalen.de; im Internet: www.offene-kirchen.info, Rubrik „Signet - Banner“. kil

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