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Lob des Gehens

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 24 / 2021

Karin Ilgenfritz | 14. Juni 2021

Ein Spaziergang im Grünen senkt die Stresshormone und beugt Depressionen vor. Gespräche fallen im Gehen oft leichter. Viele Gründe sprechen dafür, durch Gottes schöne Welt zu wandeln.

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Das Gehen ist die ursprüngliche Fortbewegungsart des Menschen. Sobald man sich damit genauer beschäftigt, möchte man nur noch eines: nämlich sofort los. Denn Gehen ist gesund. Nicht nur für den Körper. Nein – gerade auch für Geist und Seele.

Die Wissenschaft bestätigt: Ein Spaziergang im Grünen senkt deutlich die Stresshormone. Der Biologe Gregory Bratman von der US-amerikanischen Stanford University ließ Menschen eineinhalb Stunden durch den Park gehen und maß anschließend ihre Gehirnaktivität. Ergebnis: Der Teil des Gehirns, der für Grübelei zuständig ist, war zur Ruhe gekommen.

Andere Studien haben gezeigt, dass Spaziergänge die Gedächtnisleistung fördern und Depressionen vorbeugen. Zudem schützt das Gehen das Herz-Kreislauf-System, beugt Diabetes vor und bremst den Abbau der kognitiven Leistung.

Es besteht definitiv ein Zusammenhang von Körper, Bewegung und Geist. Das zeigen berühmte Beispiele: Von Albert Einstein, dem Inbegriff des Genies, heißt es, sei zeit seines Lebens gern zu Fuß gegangen. Durch einen Spaziergang sei dem Physiker gelungen, was er später „den Schritt“ nannte: ein neues Verständnis der Grundbegriffe der Physik. Die Bewegung des Gehens hat auch seine Gedanken in Bewegung gebracht.

Der Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau schrieb in seinen Bekenntnissen: „Ich kann nur im Gehen denken, sobald ich stehen bleibe, denke ich nicht mehr, mein Kopf arbeitet nur mit den Füßen gleichzeitig.“

Mönche wussten schon früh von der reinigenden und befreienden Wirkung des Gehens. Die Kreuzgänge in den meisten Klöstern zeugen davon. Und auch Jesus war viel zu Fuß unterwegs. Gerade in den Zeiten, in denen er sich zurückgezogen hat, ging er in die Wüste oder auf den Berg. Gehen und beten oder reden ergänzen sich gut.

In der Psychotherapie gibt es zunehmend Angebote, Gespräche beim Gehen durchs Grüne zu führen. Auch Seelsorge-Spaziergänge kommen gut an.

Der Vorteil eines solchen Gesprächs ist, dass sich die Gedanken beim Gehen sortieren und fließen. Außerdem tut es vielen Menschen gut, wenn sie ihrer Gesprächspartnerin oder dem Gesprächspartner nicht in die Augen schauen müssen, sondern beide in die gleiche Richtung blicken. Das kann helfen, wenn man etwas aussprechen möchte, was einem schwerfällt. Es verringert vermeintliche Peinlichkeit.

Die Corona-Pandemie hat dem Spaziergang zu neuer Beliebtheit verholfen. Das ist gut so. Gehen ist eine großartige Bewegung. Sie hält Geist, Seele und Körper fit. Gehen braucht wenig Energie, kostet nichts, fast alle können es, fast überall, fast allen tut es gut – bis ins hohe Alter.

Noch etwas: Gehen zählt zu den so genannten Automatismen. Das heißt, diese Verhaltensweise wird selbsttätig vom Zentralnervensystem ausgelöst – ganz ohne äußere Reizeinwirkung. Ähnlich wie die Flossenbewegung bei Fischen oder der Flügelschlag bei Vögeln. Ist das nicht eine großartige Schöpfung? Da kann man nur staunen. Und sie nutzen: aufstehen und losgehen. Es lohnt sich.

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