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Grafik: TSEW

Geschichten vom Gelingen

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 23 / 2021

Gerd-Matthias Hoeffchen | 7. Juni 2021

Über das Schlechte zu berichten, ist notwendig für das Überleben. Aber das alleine reicht nicht, wenn man das Gute vergisst.

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Grafik: TSEW

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Irgendwann hatte sie die Nase voll. Seit Jahren schaltete sie jeden Morgen das Radio ein. Duschen, Zähneputzen und dabei die Nachrichten hören – das erschien der Kollegin lange Zeit als geeigneter Weg, um den Tag zu beginnen. Irgendwann in den letzten Monaten war dann Schluss damit. „Immer nur Corona, Krieg und Katastrophen. Da war der ganze Tag verdorben.“

Medien haben die Aufgabe, Missstände zu benennen. Das ist ihre Pflicht in einer Demokratie. Nur wenn über Fehler berichtet wird, können Bürgerinnen und Bürger erkennen, wo etwas verbessert werden muss.

Aber: Wenn nur noch Pleiten und Pannen, Unglück und Schrecken die Nachrichten beherrschen, zieht einen das gewaltig nach unten. Und auch das ist eine Gefahr für die Demokratie.

„Negative Emotionen kreieren nicht die Möglichkeit, dass Menschen sich einbringen, sich kreativ und mutig mit ihrer Umwelt auseinandersetzen. Sie führen zu Angst und Hilflosigkeit, die lähmen und blockieren.“ Das sagt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner in einem Interview mit dem Magazin „Der Spiegel“. Wenn alles den Bach runterzugehen scheint – warum sollte ich mich dann noch für irgendetwas einsetzen?

Aber genau das brauchte unsere Welt: Menschen, die sich für etwas einsetzen. Für Veränderungen. Damit die Welt ein besserer Ort wird. Oder zumindest kein noch schlechterer Ort.

Aber Veränderungen brauchen Vorbilder. Ein Ziel.

Und das ist das Dilemma; die Fallgrube, in die oft gerade die mit den besten Absichten stürzen: Die Klimakatastrophe droht – also müssen wir die Menschen aufrütteln! Rassismus breitet sich wieder aus! Neue Viren werden kommen! Deshalb müssen die Schrecken laut in die Gesellschaft gerufen werden.

Aber das alleine reicht nicht. Nicht, wenn man die Menschen zum Engagement gewinnen will.

„Wir müssen uns andere Geschichten erzählen“, sagt Maren Urner, die Neurowissenschaftlerin. „Geschichten des Gelingens.“

Denn diese Geschichten gibt es ja. Die Frau, die im Lockdown monatelang für ihre Nachbarin einkaufen gegangen ist. Die Jüdin und der Palästinenser, die einem Aufruf zum gemeinsamen Gebet gefolgt sind. Die Baumpflanz-Aktion, die wenigstens einen winzigen Teil der Dürrezone begrünen wird. Geschichten vom Lieben, Verzeihen. Vom einander Helfen und vom Zusammenhalt.

Aus solchen Geschichten entsteht Kraft. Beim Hören auf die Erzählungen der Anderen. Und genauso in der Erinnerung an die eigenen Geschichten: Ja, das haben wir doch bis jetzt immer noch geschafft.

Morgens, das Radio einschalten? Ja, warum nicht. Und dann vielleicht mal mit der Andacht anfangen. Da sollte die Geschichte von einer guten Nachricht drin sein.

Schrecken und Gelingen. Beides zählt zur Wahrheit. Keines von beiden darf verschwiegen werden. Die Frage ist: Wovon will ich mich leiten lassen? Vom Blick ins Chaos? Oder von der Hoffnung, dass auch mein Engagement Teil einer solchen Geschichte des Gelingens werden könnte.

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