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Wenn der Partner immer neue Entschuldigungen findet – irgendwann sollte der andere die Grenzen aufzeigen. (Foto: Drazen)

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Schluss mit Ausflüchten und Lügen

Psychologie

Aus der Printausgabe - UK 22 / 2021

Karin Ilgenfritz | 30. Mai 2021

Ein Psychologe beschreibt, wie man aus dem Teufelskreis einer schwierigen Beziehung kommt

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Wenn der Partner immer neue Entschuldigungen findet – irgendwann sollte der andere die Grenzen aufzeigen. (Foto: Drazen)
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Christian Hemschemeier ist Psychologe, Therapeut, Coach und Fachmann für den Umgang mit Liebeskummer und mit so genannten toxischen – giftigen – Beziehungen.

Er weiß, wovon er spricht: Christian Hemschemeier hat mehrmals Beziehungen erlebt, die ihm das Leben schwer machten. Toxische Beziehungen nennt er das.
In seinem eben erschienenen Buch „Vom Opfer zum Gestalter“ erzählt er von sich. Von seiner Kindheit, seiner Jugend, seiner Studienzeit und davon, was bei ihm dazu beigetragen haben könnte, dass er sich mehrmals in Frauen verliebt hat, die ihm nicht gut getan haben. Von denen er nur schwer loskam.

Eine seiner ersten toxischen Beziehungen war die zu Mechthild: „Sie war kühl und verführerisch. Dennoch zog sie mich magisch in ihren Bann, war aber natürlich emotional nicht verfügbar“, erzählt Christian Hemschemeier. Die zweijährige Beziehung beschreibt er als permanente Achterbahnfahrt. „Immer wieder ließ sie mich hängen.“ Ihre Stimmung kippte in Sekundenbruchteilen, sie stand in der Öffentlichkeit nicht zu ihm und meldete sich oft lange nicht bei ihm.

Allein sein können als Voraussetzung

Er wollte weg von ihr. „Aber durch die ständig wiederkehrenden Kontaktaufnahmen brachte ich es nicht fertig“, sagt Hemschemeier. „Ich fühlte mich wie ein Liebesjunkie.“ Er suchte sich Hilfe und schaffte es schließlich, aus dieser Beziehung herauszukommen.

Dennoch schlitterte er immer wieder in solche Partnerschaften, die ihn forderten und emotional auslaugten. „Was ich damals noch nicht wahrhaben wollte war, dass ich nicht gut allein sein konnte.“

Mit der Zeit erkannte er, dass er einem Muster folgte und fand in der USA einen Psychologen, der von love-addiction, also von Liebessucht sprach. Zu dieser Zeit befand sich Hemschemeier wieder in einer Partnerschaft, von der er im Rückblick sagt: „Es war ein Irrsinn, in so einer Beziehung zu bleiben, aber ich wusste es eben nicht besser.“

Dann lernte er das Konzept der „Standards“ und „Dealbreaker“ kennen. „Der Einsatz von Standards dienst dazu, seine eigenen Beziehungsziele im Blick zu behalten“, beschreibt Hemschemeier. Man teilt dem anderen die eigenen Wünsche mit. Standards sind verhandelbar wie zum Beispiel, wie oft man sich sieht oder miteinander telefoniert.

„,Dealbreaker‘ sind Standards, die nicht verhandelbar sind.“ Dazu gehören Aspekte wie Lügen, Fremdgehen und Ähnliches. „Das Merkmal toxischer Beziehungen ist, dass der Partner auf deine Versuche, Standards umzusetzen, pfeift“, weiß der Diplom-Psychologe.

Er schaffte es, sich aus jeder unguten Partnerschaft zu befreien. Trotzdem litt er enorm an Liebeskummer. „Mir wurde schon bewusst, dass hier alte Wunden aufbrachen, dass sich vor allem mein vernachlässigtes Inneres Kind meldete. Aber es blieb eine schwere Zeit.“ Dennoch befasste er sich mehr mit sich selbst. „Mein inneres Thema in dieser Zeit hieß Selbstliebe – und damit, aus meiner Sicht, untrennbar verbunden auch das Thema Spiritualität.“

Sich selbst als Star behandeln

Christian Hemschemeier beschreibt wie er versuchte, mehr auf seine Gedanken zu achten, sich selbst Gutes zu tun und sich wie einen Star zu behandeln. Das fiel ihm schwer, weil er verinnerlicht hatte, zuerst an andere zu denken.  Er vergleicht diesen Lerneffekt mit der Sicherheitsanweisung im Flugzeug: „Als erstes sollte man sich selber die Sauerstoffmaske aufsetzen, und dann dem Nebenmann. Alles andere macht überhaupt keinen Sinn – eigentlich eine simple Erkenntnis, aber ich hatte 50 Jahre dafür gebraucht.“

Seine schonungslose Offenheit ist beeindruckend. Schließlich folgte die Erkenntnis: „Keine Frau kann mich ,glücklich‘ machen, wenn ich nicht mit meinem Leben schon zufrieden bin.“

Also gilt es seiner Ansicht nach, herauszufinden, wie man zufrieden werden kann. Dazu gehört zum Beispiel sich zu überlegen, welche Glaubenssätze einen prägen. „Nehmen wir mal an, du hast ausgeprägte Glaubenssätze in der Art, dass du nicht gut genug bist und nicht wirklich liebenswert. Dann neigst du automatisch dazu, Menschen anzuziehen, die dir genau diese Erfahrungen widerspiegeln.“ Leider ist es nicht einfach, diese Muster zu durchbrechen, da diese Glaubenssätze oft unterbewusst vorhanden sind.

Viele Menschen, die in toxischen Partnerschaften feststecken, haben diese „Grundmuster“ schon in der Kindheit gelernt. Als Beispiele nennt Hemschemeier einen emotional nicht verfügbaren oder kalten Elternteil. Es kann sein, dass das innere Kind immer noch unter dieser Wunde leidet.

„Wie haben die Bedingungen unserer Kindheit in einem Teil unserer Psyche wie eine Art Suchmuster gespeichert. Diese Erfahrungen erleben wir bis heute als vertraut und normal“, beschreibt der Psychologe. Dieses Suchmuster nennt er übrigens den „Liebeschip“. „Immer wieder gehen wir durch dieses Muster, bis wir unseren Autopiloten erkannt haben und ihn abschalten.“

Der Retter-Komplex führt in die Falle

Einen wesentlichen Grund, warum Menschen in toxische Beziehungen geraten, sieht Christian Hemschemeier im Retten-Wollen. Jemanden retten zu wollen scheint ja erst mal harmlos zu sein. Man lernt jemanden kennen, der Bindungsängste hat und denkt sich: Ich kann lieben, ich zeige dem anderen, wie das geht.
Christian Hemschemeier findet  die Idee des Änderns fragwürdig. Was ist das für eine Beziehung, wenn sich der Partner erst ändern muss, damit er erträglich wird? Er empfiehlt, lieber die Finger davon zu lassen.

Wer toxische Beziehungen beenden und zukünftig verhindern will, sollte seine Vergangenheit und die „toxischen“ Partner nicht verurteilen. Hemschemeier unterscheidet zwischen urteilen und verurteilen. „Ich kann für mich urteilen, dass ich mit diesem Partner nichts mehr zu tun haben möchte. Aber ich muss ihn nicht verurteilen.“ Um sich aus dem Täter-Opfer-Sumpf zu befreien, ist es gut, sich mit Menschen und Dingen zu umgeben, die der eigenen Seele gut tun.

Weiter hält es Christian Hemschemeier für extrem wichtig, verzeihen zu können: „Deine Seele kann sich schlicht viel besser vom Ex-Partner und dem durch ihn oder sie entstandenen Schaden lösen und in Ruhe weiterziehen, wenn du nach und nach Vergebung übst.“

Zur echten Liebe gehört Freiheit

Echte Liebe hat viel mit Freiheit zu tun. „Und um diese bewusste, klare Freiheit in Beziehungen leben zu können, braucht es Arbeit an der eigenen Bedürftigkeit und der Freude am eigenen Sein. Kurz gesagt, es braucht genug Selbstliebe“, schreibt der Psychologe.

Mit seinem Buch macht Hemschemeier Mut, an Liebe und gelingende Partnerschaften zu glauben. Seine zentrale Botschaft ist: Fühle dich nicht als Opfer, nimm dein Leben selbst in die Hand. „Du bist es wert, geliebt zu werden.“

Christian Hemschemeier: Vom Opfer zum Gestalter. Raus aus toxischen Beziehungen, rein ins Leben. Luther-Verlag, 213 Seiten, 16,95 Euro.

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