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Katja Giszas in Aktion. Malen ist für sie eine gute Möglichkeit das zu verarbeiten, was sie beschäftigt. (Fotos: privat)
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„Könnte ja gut werden“

Aus der Printausgabe - UK 22 / 2021

Karin Ilgenfritz | 29. Mai 2021

Kunst ist für Katja Giszas wichtig – egal ob zur Entspannung, zum Stressabbau oder als Gebet

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Katja Giszas in Aktion. Malen ist für sie eine gute Möglichkeit das zu verarbeiten, was sie beschäftigt. (Fotos: privat)
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Ihre Werke sind ganz unterschiedlich: Gegenständliches wie der Leuchtturm...
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... oder Abstraktes wie das Gemälde mit dem Titel „Pfingsten“

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Zwar hat Katja Giszas schon als Kind gerne gemalt. Aber in dem Jahr seit Ausbruch der Corona-Pandemie hat die Malerei für sie noch mal enorm an Bedeutung gewonnen.

Dass Kunst einmal einen so einen Stellenwert in ihrem Leben einnehmen könnte, hätte Katja Giszas nicht gedacht. „Ich habe schon seit meiner Kindheit immer viel gemalt“, sagt die 52-Jährige aus Lübbecke. Ihr Vater hat oft Papierreste von seiner Arbeit in einer Druckerei mit nach Hause gebracht. „Stifte und Malfarben gab es auch. Ich hatte jederzeit die Möglichkeit zu malen.“

Das hat sie sich auch im Erwachsenenalter beibehalten. Kreativität war ihr immer wichtig – egal ob Basteln mit der Tochter oder „Malaufträge“ ihres Mannes, der Pfarrer im Kirchenkreis Lübbecke ist. „Manchmal bittet er mich, etwas für den Gemeindebrief oder einen Flyer zu gestalten.“ Auch in ihrer Tätigkeit als Seniorenbetreuerin setzt sie ihre Fähigkeiten ein. Seit sieben Jahren arbeitet die gelernte Buchhändlerin im Matthäus-Seniorenzentrum in Lübbecke, einer Einrichtung der Diakonie.

Dann kam die Corona-Pandemie mit Lockdowns. „Diese Zeit wollte ich mir erträglicher machen und habe mehr gemalt“, sagt sie. Dazu hat sie sich Videos im Internet angeschaut. „Da gibt es unglaublich viel und zum großen Teil auch kostenlos.“ Doch das hat ihr nicht gereicht. Schließlich belegte sie einen Schnupperkurs in „Happy-Painting“ (engl: fröhliches Malen) bei Clarissa Hagenmeyer. „Der Stil entsprach mir nicht so, aber was mir gefiel war das phantasievolle bunte und spontane Malen.“ Dann folgte ein Kurs zum Thema „Happy Art Journaling“, ebenfalls bei Clarissa Hagenmeyer. Dabei erstellt man eine Art kreatives Tagebuch.  „Ich habe gemerkt, dass das eine tolle Möglichkeit ist, Ressourcen aber auch Problematisches in meinem Leben zu visualisieren und zu verarbeiten.“

Fern-Fortbildung zur Maltherapeutin

Schließlich stieß Katja Giszas auf eine Fern-Fortbildung zur „Maltherapeutin für Menschen mit Demenz“. Die hat sie belegt. „Wir Betreuungskräfte müssen eine jährliche Pflichtfortbildung von 16 Stunden absolvieren“, erzählt sie. „Allerdings waren es bei mir eher 160 Stunden, von Ende Januar bis Mitte März.“ Sie lacht und fährt fort: „Es ist so erstaunlich, was das bei den Seniorinnen und Senioren auslöst. Durch solche Aktivierungsangebote kann man Demenz nicht heilen, aber immerhin verlangsamen. Und dann diese leuchtenden Augen, wenn sie etwas geschaffen haben ...“

Dabei geht es ihr vor allem darum, dass Menschen merken, was in ihnen steckt und was sie können. „Kunst ist etwas für jeden. Ich finde es so schade, wenn jemand überzeugt ist, nicht malen zu können.“ Katja Giszas findet, bei Kreativität geht es nicht darum, dass etwas perfekt aussieht oder perspektivisch richtig ist. „Es ist so viel möglich. Ich sage immer: Einfach mal machen, könnte ja gut werden.“ Das Einzige, was es braucht, ist der Mut loszulegen. Auf ihrem Ideenbuch hat sie einen Satz von Erich Fromm geschrieben: „Kreativität erfordert den Mut, Sicherheiten loszulassen.“ Für sie ist es beglückend, wenn andere das schaffen und sie sagen: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich das kann.“

Für sie selbst ist das Malen und Gestalten eine gute Möglichkeit, Stress abzubauen und zu entspannen. „Ich setze mich auf diese Weise mit Themen auseinander, die mich bewegen. Malen hilft mir loszulassen.“ Stressabbau oder noch besser vermeiden ist für Katja Giszas wichtiger als für die meisten Menschen. Sie leidet an einer Autoimmunkrankheit, die sich Morbus Addison nennt. Die Nebennierenrinde produziert dabei zu wenig von lebenswichtigen Botenstoffen wie etwa Cortisol. Das aber braucht der Körper, um mit Stresssituationen zurechtzukommen.

Das Gefährliche an der Krankheit ist, dass sie nur schwer entdeckt wird. Kommt es zu einer sogenannten Addison-Krise, kann das tödlich enden. Katja Giszas hatte Glück im Unglück. „Vor fünf Jahren kam ich mit einem Blinddarmdurchbruch ins Krankenhaus. Das war schon knapp. Kurz darauf bin ich kollabiert“, erzählt sie. Das war eine solche Addison-Krise. „Zum Glück wurde das richtig diagnostiziert.“ Dennoch haben ihr die Ärzte keine Lebenschancen mehr gegeben.

Dem Tod von der Schippe gesprungen

Aber Katja Giszas hat es geschafft, sie ist dem Tod von der Schippe gesprungen. „Ich habe mich damals tatsächlich getragen gefühlt. Ich glaube, der ganze Kirchenkreis hat für mich gebetet.“ Ihre Stimme wird brüchig. „Das war eine krasse Erfahrung.“ Im Anschluss wurde ihr nahegelegt, eine Trauma-Therapie zu machen. Das Angebot hat sie gern angenommen. „Ich habe gemerkt, wie wichtig es ist, Dinge aufzuarbeiten. Mir hilft die Kunst dabei.“

Die Krankheit wird sie den Rest ihres Lebens begleiten. Sie muss Stress möglichst vermeiden und gut auf sich achten. „Ich kann gut entspannen, wenn ich künstlerisch aktiv bin. Gerade das intuitive Malen tut gut – einfach loslegen.“ Während des Malens und Gestaltens sortieren sich ihre Gedanken. „Es ist wie etwas abladen und abgeben. Manchmal auch wie ein Gebet.“ Oft fügt sie in ihre Werke auch Texte mit ein.

„Ich lege mich nicht auf eine Farbe fest, auch nicht auf einen Stil –Kunst lebt für mich von der Vielfalt.“ Durch die Kurse, die sie belegt hat, hat sie sich ein Buch angelegt mit verschiedenen Techniken. Das reicht von Collagen, intuitivem Malen bis hin zum sogenannten Mixed-Media. „Durch die Kurse bin ich mutiger geworden. Früher habe ich mehr Ton in Ton gemalt, jetzt greife ich auch zu knalligen Farben.“

Mit den Seniorinnen und Senioren verwendet sie einfache Techniken, vor allem Zufallstechniken. „Arbeiten mit einem Schwamm oder die Klatsch-Technik sind gute Möglichkeiten. Da ist ein Erfolgserlebnis garantiert.“

Besonders gern arbeitet sie in mehreren Schichten: Etwas kleben, dann mehrmals darüber malen mit Gesso – eine weiße Farbgrundiereung. „Das mache ich so lange, bis ich finde: Jetzt passt‘s“, sagt sie. „Das ist wie im Leben. Da kommt auch immer noch mal etwas dazu. Es dauert, bis ich mein Lebensbild zu Ende gemalt habe. Mal ist die Ecke dran, dann eine andere.“

Zu ihrem Lebensbild könnte bald noch ein großer bunter Klecks dazukommen: „Noch ist es ein Traum. Ich habe entdeckt, dass es ein Fernstudium zur Mal- und Gestalttherapeutin gibt. Das könnte etwas für mich sein.“

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