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Das Gute behaltet!

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 22 / 2021

Anke von Legat | 31. Mai 2021

Die Hoffnung wächst, dass das kirchliche Leben bald wieder in Präsenz stattfinden kann. Ein schlichtes „Weiter wie zuvor“ wäre jedoch schade – dafür gab es zu viele Neuentdeckungen

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Es sieht so aus, als nähere sich die Gesellschaft allmählich wieder dem Normalzustand an. Zeit für ein vorläufiges Fazit: Was hat Corona verändert in den Gemeinden und im persönlichen Glauben Einzelner?

Gottesdienste standen im Fokus vieler Bemühungen. Ganz schnell wurde hier nach alternativen Möglichkeiten gesucht, digital wie analog: Da gab es Youtube-Gottesdienste mit der vertrauten Liturgie aus der Heimatkirche; Wohnzimmer-Gottesdienste, die aus der Notwendigkeit des Zuhausebleibens eine neue, persönliche Form der Ansprache machten; es gab Zoom-Gottesdienste und avantgardistische Formate, bei denen alle Teilnehmenden per Chat den Gottesdienst gemeinsam erschufen.

Aber nicht nur im Internet wurde es bunt. Tüten mit Anleitungen für eine Andacht unterstützten die Menschen bei einer Feier zuhause. Gottesdienstteams feierten Balkongottesdienste im Altenheimhof, Taufen im Garten oder Heiligabend auf dem Treckeranhänger.

Kirche wurde kreativer und offener. Sie verließ an vielen Stellen ihre Komfortzone, machte sich ganz anders als vor Corona auf den Weg hin zu den Menschen – und entdeckte dabei überraschende Fähigkeiten. Die Sprache und das Auftreten vieler Predigerinnen und Prediger wurde vor der Kamera natürlicher. Gemeinschaft und Spiritualität bekamen neue Gesichter: Ja, man kann auch in einer Videokonferenz mit anderen beten und Abendmahl feiern. Ja, man kann allein vor dem Bildschirm mit anderen singen. Ja, man kann Kurzandachten in Sozialen Netzwerken anschauen, dabei eine Kerze anzünden und sich in den Kommentaren mit anderen austauschen. Und vielleicht ist es sogar so, dass die vielen kleinen und großen Schritte in unbekanntes Terrain hinein uns aufmerksamer gemacht haben für die Spuren Gottes in unserer Welt außerhalb der vertrauten kirchlichen Formen.

Und doch – ist all das nicht nur ein aufs Notwendige reduzierter Ersatz, der uns beim Überleben hilft, aber das Leben in seiner ganzen sinnlichen Fülle, so wie Gott es geschaffen hat, nicht annähernd ausfüllen kann? Ist Gemeinschaft vor Gott nicht mehr als der Blick auf zweidimensionale Kacheln, die man nicht umarmen und denen man nicht direkt in die Augen schauen kann?

Die menschliche Nähe, das Treffen von Angesicht zu Angesicht fehlt der Gemeinschaft in Jesus Christus; das lässt sich nicht wegreden, auch nicht durch die besten Erfahrungen mit neuen Formen. Darum wird vieles wieder aufleben, was jetzt pausieren musste: Chöre und Gesprächskreise; Seniorencafés, Krabbelgruppen und Gemeindevorträge. Und natürlich die Präsenzgottesdienste, in denen man endlich wieder miteinander singt und in einem gemeinsamen Rhythmus das Vaterunser spricht.

Das heißt nicht, dass alles Neue, Kreative, Grenzenüberschreitende wieder verschwinden wird, denn: „Prüfet alles, und das Gute behaltet“, forderte schon Paulus. Gemeinschaft und Austausch wird es weiter digital geben, und von dort werden Anregungen in die analoge Welt einfließen. Aber auch die menschliche Nähe in all ihren Formen werden wir hoffentlich wieder ganz neu zu schätzen wissen.

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