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Gemütlich auf dem Sofa arbeiten. So geht es auch im Homeoffice. Wie geht es nach Ende der Corona-Pandemie weiter? (Foto: Nattakorn)

Arbeitsmodelle für die Zukunft

Homeoffice

Aus der Printausgabe - UK 22 / 2021

Bernd Becker | 3. Juni 2021

Arbeitsschutz-Experte Peter Krauss-Hoffmann beschreibt, wie Homeoffice nach Corona aussehen kann

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Gemütlich auf dem Sofa arbeiten. So geht es auch im Homeoffice. Wie geht es nach Ende der Corona-Pandemie weiter? (Foto: Nattakorn)
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Peter Krauss-Hoffmann arbeitet für die nordrhein-westfälische Landesregierung und berät in Sachen Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung im Betrieb. Seit 2017 ist der Hagener im Landesinstitut für Arbeitsgestaltung des Landes NRW tätig. Daneben engagiert er sich im Evangelischen Arbeitskreis der CDU. Anfang Mai war Peter Krauss-Hoffmann als Sachverständiger im Ausschuss für Arbeit und Soziales des Deutschen Bundestags. (Foto: Andreas Lüddecke, BG)

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Durch die Corona-Pandemie ist Homeoffice für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zur Normalität geworden. Fast genau ein Jahr nach seinem letzten Interview in UK zieht der Arbeitsschutz-Experte Peter Krauss-Hoffmann Bilanz und wagt einen Ausblick, wie es mit dem Homeoffice nach Ende der Pandemie weitergehen könnte. Seine Überlegungen erzählt er im Interview mit UK-Herausgeber Bernd Becker.

 

Im Sommer 2020 haben wir darüber gesprochen, wie sich vor allem die Büroarbeit durch die Pandemie verändert. Gibt es jetzt, ein Jahr später, neue Erkenntnisse?
Peter Krauss-Hoffmann: Aus der Not der Pandemie geboren, wurden viele neue flexible Arbeitsmodelle ermöglicht und gefördert. Niemals würden sonst so viele Menschen im Homeoffice arbeiten. Nun gilt es jedoch, die Rahmenstrukturen anzupassen. Da gibt es viele Fragen: Wie steht es etwa mit Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung? Wie können Fachkräfte meinen Arbeitsplatz bewerten, soll mich der Betriebsarzt in einem Video-Meeting beraten?

 

Sie vermuten also, dass für viele Arbeitsbereiche Homeoffice das Modell der Zukunft sein wird?
Meine Empfehlung wäre: Maximal drei Tage in der Woche. Denn im Homeoffice entstehen auch Probleme. Arbeit wird tendenziell entgrenzt, weil Beschäftigte rund um die Uhr per Mail oder Handy erreichbar sind. Man muss sich selbst limitieren und „Abschalten lernen“, das fällt nicht immer leicht. Dazu kommen die psychischen Belastungen der Pandemie samt Sorgen um Angehörige oder Freundinnen und Freunde. Daher halte ich einen hundertprozentigen Telearbeitsplatz nicht für förderlich. Es fehlt dann einfach die persönliche Zusammenarbeit, die Kommunikation läuft nicht immer rund und  Teamstrukturen leiden.

 

Sehen Sie denn auch weiterhin positive Aspekte des Homeoffice?
Natürlich, sogar viele. Es entfällt zum Beispiel das Pendeln zwischen Zuhause und Arbeitsplatz. Das spart Zeit, schont die Umwelt und senkt Kosten. Vielen bietet die Arbeit im Homeoffice auch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Und auch für den Infektionsschutz kann das künftig bei neuen Gefahrenlagen hilfreich sein. Ich bin insgesamt ein Befürworter flexibler Arbeitsmodelle. Aber die Gesellschaft braucht ein neues Nachdenken und Rahmenbedingungen für veränderte, aber auch sozial abgesicherte Arbeitsplätze.

 

An was denken Sie da konkret?
Ich sag es mal als Christ: Wenn der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen wurde, muss die Sorge um das Wohlergehen des Menschen immer im Vordergrund stehen. Ich denke da etwa an Präventionsangebote, die die Gesundheit im Blick haben. Ernährung ist dabei ein wichtiges Thema. Wie oft gehe ich an den Kühlschrank, wenn ich daheim arbeite? Einem Bewegungsmangel muss entgegengewirkt werden. Ich merke selbst, dass mir allein schon die Wege im Institut fehlen. Zuhause gehe ich manchmal lediglich vom Arbeitszimmer ins Esszimmer und zurück. Das ist nicht gesund. Zudem kommt es täglich zu Störfaktoren, die die Arbeit erschweren: Familienangehörige rufen an mit Unterstützungswünschen, Kinder lernen daheim, der Paketbote klingelt, das WLAN hängt. Wir müssen Menschen beraten, wie sie mit all diesen Faktoren umgehen, die sie psychisch belasten können. Sie sollen ja ihre Arbeit machen und andere Aufgaben bewältigen, müssen aber auch auf sich selbst achten. In Zeiten der Pandemie kommen noch weitere Fragen dazu: Wie gestalte ich zum Beispiel meine Freizeit sinnvoll, wenn ich früheren Interessen nicht mehr nachgehen kann? Denn auch im Privaten fehlen ja Kontakte und Kommunikation, das ist in Kirchengemeinden genauso wie in Vereinen oder Verbänden. So etwas spielt doch eine große Rolle für die Lebensqualität und das Wohlbefinden.

 

Das Thema Arbeitsschutz sehen Sie also als einen wesentlichen Aspekt beim Thema Homeoffice?
Na ja, im Büro ist vieles nach den Regeln des Arbeitsschutzes und der Ergonomie eingerichtet. Zuhause sitzen die Leute vielleicht am Küchentisch. Da ist Beratung nötig, damit Erkrankungen vorgebeugt werden kann. Besonders kleinere und mittlere Betriebe sollten dabei mehr Unterstützung erfahren, denn die können das Know-how nicht alle selbst vorhalten. Für die Zeit nach der Pandemie muss hier vieles neu organisiert werden: Abläufe im Betrieb oder der Behörde, technische Ausstattung, Gesundheitsvorsorge. Die Kenntnisse sind grundsätzlich da, aber noch nicht überall angekommen. Dafür müssten übrigens auch Führungskräfte mehr geschult werden. Sie haben noch mehr als bisher zu organisieren und zu steuern. Ich sehe da viel Verantwortung und zu wenig Unterstützung.

 

Nach welchen Kriterien sollte eigentlich entschieden werden, ob die jeweilige Tätigkeit auch künftig im Homeoffice ausgeführt werden kann?
Zum einen ist das eine Typfrage. Daheim zu arbeiten liegt machen Beschäftigten mehr, anderen weniger. Es muss zum arbeitenden Menschen und zur Tätigkeit passen. Dann sollten allerdings auch die Rahmenbedingungen gesetzlich angepasst werden. Es braucht zum Beispiel steuerliche Impulse, damit Homeoffice gefördert wird. Schließlich hat die Gesellschaft durch die Pandemie hier Chancen erkannt: Infektionsschutz gewährleisten, Pendelzeiten vermeiden, Klimaschutz fördern und vieles mehr. Aber auch für den Arbeitgeber stellen sich neue Fragen: Halte ich der Mitarbeitenden zwei voll ausgestattete Arbeitsplätze vor, wenn sie mal zuhause, mal im Unternehmen tätig ist? Es müssten kluge Modelle umgesetzt werden, wie es sie ja hier und da schon gibt; etwa das Desk-Sharing, also dass sich mehrere Beschäftigte für ihre Präsenzzeiten einen Arbeitsplatz teilen. Moderne Bürolandschaften werden in Zukunft öfter zu finden sein. Gleichzeitig sollte es eine Kompensation geben für Menschen, die ihre Tätigkeit nicht im Homeoffice erledigen können. Auch das muss bedacht werden, sonst drohen Konflikte im Betrieb.

 

Haben Sie noch ein paar praktische Tipps?
Ganz klar. Anfang und Ende der täglichen Arbeitszeit für sich selbst planen und dies auch mit der  Führungskraft und im Team besprechen. Auch Pausen sind wichtig. Und: Kann ich diese auch einhalten, wenn es im Betrieb keine festen Pausenzeiten mehr gibt?
Struktur für meinen Arbeitstag schaffen, das ist ganz wichtig. Erst kürzlich hörte ich von jemandem, der aus Versehen in der Jogginghose in seine Behörde gefahren ist. Er und seine Kollegen haben das mit Humor genommen. Aber dieses Beispiel zeigt, wie schwierig die Abgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit manchmal gelingt. Auch müssen sich die Teams gut abstimmen: Wie wird der Informationsfluss garantiert, wie kann ein regulärer Austausch stattfinden, wie geht Kommunikation nicht nur per E-Mail? Wie gelingt eine gute Zusammenarbeit, wenn Monika lieber mittwochs und Martin lieber dienstags in die Firma kommt? Es braucht Standards, Strukturen und Formate für die Zukunft. Das sind große Herausforderungen nach Corona. Und für die Heimarbeiter sollte es vielleicht noch mehr sogenannte „Coworking Spaces" geben, also Orte, wo man außerhalb der eigenen vier Wände, aber in der näheren Umgebung vernünftig arbeiten kann. Nebenbei gesagt, lernt man dabei auch das eigene Umfeld und Menschen aus anderen Branchen besser kennen.

 

Bei all den Herausforderungen strahlen Sie eine gewisse Zuversicht aus.
Ich glaube einfach, wir werden als Gesellschaft bei diesen Fragen anders aus der Pandemie rausgehen, als wir reingekommen sind. Wir sind ins Nachdenken gekommen. Das ist gut. Ich denke auch, wir sind anpassungsfähiger als wir uns manchmal zutrauen. Gewohntes bricht ab und traditionelle Strukturen verändern sich rapide. Auch das erleben Kirchen, Parteien oder Vereine, genauso die „alte Industrie“, die Sozialpartner und die Ökonomie. Diese Veränderungen gilt es jetzt gemeinsam zu gestalten. Das bringt viel Freiheit und Flexibilität, aber – wie schon erwähnt – auch das Risiko der Selbstgefährdung. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft das hinbekommt. Wichtig ist dabei, dass der Mensch im Blick bleibt und nicht allein den Interessen der Wirtschaft untergeordnet wird.

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