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Der bisherige Freiburger Stadtdekan Markus Engelhardt ist in Dresden als neuer Pfarrer der Frauenkirche eingeführt worden. Der 59-jährige evangelische Theologe besetzt die erste Pfarrstelle und ist damit auch einer der Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche Dresden. (Fotos: epd/Matthias Rietschel)

Raus aus der Wohlfühlzone

Dresdner Frauenkirche

Aus der Printausgabe - UK 21 / 2021

Katharina Rögner | 22. Mai 2021

Markus Engelhardt will als Pfarrer dafür sorgen, dass die Frauenkirche in Dresden ein lebendiger Ort bleibt

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Der bisherige Freiburger Stadtdekan Markus Engelhardt ist in Dresden als neuer Pfarrer der Frauenkirche eingeführt worden. Der 59-jährige evangelische Theologe besetzt die erste Pfarrstelle und ist damit auch einer der Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche Dresden. (Fotos: epd/Matthias Rietschel)
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Als steinernes Juwel ist die Dresdner Frauenkirche aus Ruinen neu aufgebaut worden. Sie soll aber kein Museum werden, sondern ein lebendiger Ort des Glaubens bleiben.

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Der gebürtige Freiburger Markus Engelhardt (59) wird künftig in der Dresdner Frauenkirche predigen. Er hatte sich 2020 in einem zweiten Auswahlverfahren durchgesetzt. Katharina Rögner sprach zum Amtsantritt mit dem Theologen über seine Motivation, Citykirchen und den Familienkalender.

 

Herr Engelhardt, Sie sind der neue Pfarrer an der Dresdner Frauenkirche. Was haben Sie in dem Moment gedacht, als klar war, dass Sie es werden – als der Anruf aus Dresden kam?
Markus Engelhardt: Ich war erst einmal wirklich überrascht. Da war Freude, aber ich war auch sprachlos. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin in dieses Verfahren mit der Haltung reingegangen, ich werde der große Außenseiter sein – einmal aufgrund meines Alters, ich bin schon 59, aber auch weil ich eine rein westdeutsche Biographie habe und noch dazu aus einer Landeskirche komme, die keine lutherische ist. Ich war durchaus positiv überrascht, dass mich die Auswahlkommission nominiert hatte. Dass es dann letztlich auf mich zugelaufen ist, freut mich natürlich sehr.

 

Sie wollten gern einmal in einer Citykirche arbeiten, also in einer Kirche inmitten einer größeren Stadt. Was reizt Sie an Ihrem neuen Amt?
Mich reizt tatsächlich, an einer Kirche zu arbeiten, die an einem ganz exponierten Ort steht, mitten in der Welt. Ich bringe das gerne auf die Formel „Kirche am Markt“. Kirche muss heute am Markt präsent sein, muss sich neben vielen anderen Stimmen und weltanschaulichen Anbietern behaupten und darf sich nicht in ihren eigenen Wellnessbereich zurückziehen – wie es manchmal praktiziert wird. Manchmal besteht bei Gemeinden die Gefahr, dass sie sich nur um sich selber drehen. Das ist an so großen Citykirchen schon eine besondere Herausforderung, aber auch eine Chance. Die Frauenkirche liegt nicht nur am Neumarkt, sie ist auch Wahrzeichen einer Stadt, die überwiegend atheistisch geprägt ist. Das hat mich schon sehr gereizt. Es ist meine Aufgabe, eine Sprache für die vielen Menschen zu finden, die zunächst aus rein touristischem Interesse in die Kirche kommen. Diese darf nicht anbiedernd sein, sondern muss deutlich machen, wofür ich stehe und dass der christliche Glaube ein gutes Angebot fürs Leben ist. Diese Sprache muss auch anders sein als die herkömmliche Kirchensprache. Ich bin jemand, der große Freude an aller Art von Verkündigung hat.

 

Sie sprachen es schon an: Die Dresdner Frauenkirche ist ein Touristenmagnet. In allererster Linie ist sie aber eine Kirche und auch den kirchlichen Traditionen verpflichtet. Muss sie dennoch moderner werden? Wie muss sich die Stiftung für die Zukunft aufstellen?
Das sind entscheidende Fragen. Genau darüber werden wir bald bei einem Klausurtag des Stiftungsrats nachdenken. Bisher hat die Frauenkirche in den ersten 15 Jahren stark von dem Narrativ ihrer Historie gelebt, also von der Erzählung über ihre Zerstörung und den erfolgreichen Wiederaufbau. Das war lange Zeit ein überwölbendes, mächtiges Label. Aber jetzt ist doch auch ein Stück Normalität eingekehrt und es gilt aufzupassen, dass die Frauenkirche nicht einen Zug ins Museale bekommt, sondern ein lebendiger Ort bleibt. Die Stiftung muss sich jetzt auf die Gegenwart und Zukunft ausrichten. Wie das inhaltlich aussehen wird, das kann und will ich jetzt noch nicht sagen. Da muss ich erst den Ort kennenlernen und die Menschen, die dort Verantwortung tragen. Die Frauenkirche muss und soll weiterhin Kirche bleiben. Aber sie muss auch deutlich machen, dass Kirche in der Welt zu sein nicht heißt, eine Distanz zur Welt herzustellen, sondern dass es bedeutet, teilzunehmen an dem, was in dieser Welt geschieht und ein Ort zu sein, wo Diskurse möglich sind, die andernorts vielleicht gar nicht mehr so geführt werden. Ähnlich wie beim Kirchentag kann und sollte die Frauenkirche Menschen zusammenbringen, die aus völlig unterschiedlichen Hintergründen kommen.

 

Der Dresdner Neumarkt vor der Frauenkirche wurde schon häufig für antidemokratische Versammlungen missbraucht. Was sagen Sie dazu?
Zunächst einmal muss ich respektieren: Wir haben Versammlungs- und Meinungsfreiheit und der Neumarkt ist einer der exponiertesten Orte in der Stadt. Solange die Demonstrationen nicht verboten werden aus irgendwelchen Gründen, muss man damit leben. Aber das ist die rein rechtliche Feststellung. Es fällt mir schwer, etwas dazu zu sagen, ohne genauer hinzuhören und die Stimmungen zu erspüren. Aber es kann aus meiner Sicht nicht sein, dass zum Beispiel „Pegida“ zum Aufmarsch ruft und antidemokratische Parolen verbreitet und die Frauenkirche liefert für die selbst ernannten „Retter des Abendlandes“ dazu das passende Motiv. Da müssen schon bestimmte Zeichen gesetzt werden – nicht zuletzt von unserem geistlichen Auftrag her. Welche das sind – ein Glockenläuten, eine fehlende Beleuchtung der Kirche während den Demonstrationen oder aber eine Friedensandacht in der Kirche –, das müssen wir miteinander überlegen. Es kann auf jeden Fall nicht sein, dass die Frauenkirche und ihre Verantwortlichen passiv danebenstehen.

 

Wie haben Sie sich auf das neue Amt vorbereitet?
Ich habe viel gelesen über die Frauenkirche, vor allem was in der Friedens- und Versöhnungsarbeit in der Stiftung entwickelt wurde. Natürlich habe ich mich als einer der Geschäftsführer auch mit der Organisation der Stiftung beschäftigt. Möglichst schnell möchte ich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennenlernen. Auch einige Gottesdienste habe ich schon vorbereitet und Predigten geschrieben. Aber insgesamt gehe ich mit dem Bewusstsein ran, dass vieles dann doch noch mal anders sein wird, als ich es mir vorher gedacht habe und manches auch überraschend sein wird. Ich will auch ein Stück unbefangen das Amt antreten und nicht zu viel Vorgefertigtes mitbringen.

 

Ihre Frau wird zunächst in Freiburg bleiben, weil sie als Pfarrerin für die Prädikantenausbildung der Evangelischen Kirche in Baden zuständig ist. Sie arbeiten fast immer auch am Wochenende. Wie organisieren Sie das Familienleben?
Wir haben uns mal hingesetzt und mit unseren Kalendern eine Jahresplanung gemacht. Wir wollten möglichst verbindlich festlegen, wann wir Zeit miteinander teilen können. Es sieht bisher tatsächlich so aus, dass meine Frau öfter in Dresden sein wird als ich in Freiburg. Auch meine Frau muss natürlich am Wochenende sehr häufig arbeiten, aber unter der Woche ist sie flexibler als ich. Daher wird sie in Abständen für ein paar Tage in Dresden sein können. Wenn ich ein dienstfreies Wochenende habe, möchte ich gern in Freiburg sein. Aber es bleibt ein Abenteuer. Wir trauen uns das zu und haben uns darauf vorbereitet. Meine Frau hat mich auch zur Bewerbung in Dresden ermuntert. Für mich war jetzt nach 14 Jahren als Stadtdekan auch noch mal was anderes dran.

 

Kirchen wird in der Corona-Pandemie oft vorgeworfen, sie seien zu still und mischten sich nicht genug in gesellschaftliche Debatten ein. Wie sehen Sie das?
Als bisheriger Dekan kann ich diesen Vorwurf überhaupt nicht stehenlassen. Wenn ich zurückschaue auf das vergangene Jahr, dann sehe ich: Kirche hat enorm viel getan und auch in den Gemeinden viel Phantasievolles entwickelt, um dann eben doch die Wege zu den Menschen zu finden. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind einfach mit Menschen spazieren gegangen und haben auf diese Weise Seelsorge geleistet. Außerdem hat Kirche einen digitalen Quantensprung hingelegt, wie wir alle wissen. Da sind wir in einer Art Crashkurs in der Gegenwart angekommen – auch wenn nicht alles gleich perfekt war.
An einer Stelle allerdings sehe ich eine Teilwahrheit in der Kritik an uns. Wir waren zu leise und theologisch harmlos in der Frage, die für manche Christinnen und Christen bedrängend ist: Was hat diese Pandemie mit Gott zu tun? Zu sagen „gar nichts“, wie es führende Kirchenvertreter getan haben, erscheint mir zu harmlos.

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