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Grafik: TSEW

Der Geist ist da

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 21 / 2021

Bernd Becker | 23. Mai 2021

Worte an Gott fallen nicht zu Boden. Sie werden durch den Heiligen Geist zum Himmel getragen. Über die Kraft der Beziehung

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In der Apostelgesichte des Lukas wird erzählt, wie der Heilige Geist vom Himmel kommt, begleitet von einem Brausen und einem gewaltigen Sturm. Er erfüllt das ganze Haus, in dem sich die Jünger aufhalten und setzt sich "wie züngelnde Flammen" auf jeden von ihnen. Spektakuläre Szenen, damals in Jerusalem, kurz nach der Himmelfahrt Jesu. Als Pfingstfest wird diese Begebenheit bis heute gefeiert. Und bis heute wird gerätselt: "Was hat es eigentlich auf sich mit dem Heiligen Geist?"

Ein Blick in die Bibel hilft da weiter. Die Antwort findet sich nämlich weniger in der Apostelgeschichte als im Brief des Paulus an die Römer. Dort heißt es, dass durch den Heiligen Geist die Liebe Gottes in die Herzen der Menschen gegeben ist. Der Geist ist also einfach schon da. Das ist ganz unspektakulär und doch unglaublich. Da muss gar nichts Großartiges mehr drum herum passieren. Das ist einfach mal etwas im Leben, worauf man sich verlassen kann. Eine Antwort auf die Frage nach dem Heiligen Geist könnte also lauten: Er ist die Kraft der Beziehung.

Gott können wir nicht sehen, aber seine Liebe ist da. Durch den Geist, in uns allen. Und Paulus sagt: "Vertraut dieser Kraft." Diese Worte waren vielleicht lange nicht so bedeutend wie in diesen Zeiten. Durch die Pandemie sind Beziehungen zu anderen gefährdet. Zu den Mitmenschen genauso wie zu Gott. Das was zum Wesen des Menschen gehört, ist durch Abstandsregeln eingeschränkt. Beziehungen sind belastet, brechen ganz ab oder verblassen. Die Beziehung zu Gott aber, die reißt nicht ab. Und zwar egal, ob wir sie noch spüren oder nicht. Seine Liebe ist in uns, durch den Heiligen Geist ins Herz gegeben. Das ist eine Sicherheit in unsicheren Zeiten.

Und Paulus schreibt weiter, dass diese Kraft sogar für uns einsteht bei Gott. Wenn wir nicht mehr wissen, wie oder was wir beten sollen, "dann tritt der Geist mit einem unaussprechlichen Seufzen" für uns ein. Wo Menschen aktuell in vielen Bezügen schwimmen, ist die große Kraft der Beziehung noch am Werk. Das ist ein Geschenk. Wenn wir denken, unsere Worte erreichen Gott gar nicht mehr, dann trägt der Geist diese Worte trotzdem zu Gott. Diese Beziehung bleibt. Der Geist weht halt wo er will, nicht wo wir wollen. Es hängt nicht von uns ab. Er ist einfach da. Darum: Bleiben auch wir in Beziehung! Da sein, zuhören, mitfühlen - das braucht unsere Gesellschaft mehr denn je. Lassen wir niemanden allein, wenden wir uns nicht ab. Und lassen wir auch gerade jetzt unser Lebensgespräch mit Gott nicht abbrechen. Der Geist trägt schon alles zu ihm, auch die Anfechtung oder die Verzweiflung. "Bittet, so wird euch gegeben", sagt Jesus im Lukasevangelium. Das ist versprochen. Das ist seine überschwängliche Liebe.

Der Theologe Ralf Stolina hat einmal gesagt: "Menschliche Worte an Gott fallen nicht zu Boden wie Steine, sie werden durch den Geist hinauf zum Himmel getragen." Das ist die Kraft der Beziehung. Das ist der Heilige Geist. Das ist spektakulär und gleichzeitig so unscheinbar. Aber darauf können wir vertrauen. Und das ist gut, gerade in diesen Zeiten.

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