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Grafik: TSEW

Hier. Jetzt. Und voller Leben

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 20 / 2021

Bernd Becker | 17. Mai 2021

Das Leben steckt voller spannender Geschichten. Viel zu schade, um in den Geschichtsbüchern zu verstauben. Neue Online-Projekte wecken Interesse.

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Im Geschichtsunterricht habe ich viel zu wenig gelernt. Der Lehrer hatte sich irgendwo im Alten Rom verirrt. In der 10. Klasse fiel auf, was uns Schülerinnen und Schülern fehlte: Französische Revolution, Weimarer Republik, Nationalsozialismus. Es galt dann, in wenigen Monaten die großen Zusammenhänge der Geschichte zu verstehen. Wie gut wäre es damals gewesen, hätte es digitale Medien gegeben, die das alles lebendig erklären.

Genau das schafft derzeit ein besonderes Angebot auf dem sozialen Netzwerk Instagram. "Ich bin Sophie Scholl" heißt der Kanal und richtet sich laut Pressetext vorrangig an 18 bis 24-jährige Frauen. Schnell wurde jedoch klar, dass auch dass auch deutlich ältere Leute dem Account folgen. Die letzten zehn Monate im Leben der Sophie Scholl werden so gezeigt, als würde sie heute im Internet ihre Geschichte selbst erzählen. Man erlebt eine junge Frau im Hier und Jetzt, einen dynamischen Charakter im Jahr 1942. Die Schauspielerin Luna Wedler ist in die Rolle geschlüpft, und das ganze wirkt so, als würde Sophie Scholl sich selbst mit dem Handy filmen und ihr Leben kommentieren. Filmsequenzen wechseln sich ab mit historischen Fotos und Bildern, die Sophie Scholl selbst gezeichnet hat. Am 4. Mai ging es los und wird in zehn Monaten mit ihrer Ermordung durch die Nazis enden.

Selten konnte man sich so in Geschichte hinein versenken, wie derzeit auf Instagram. Natürlich gab und gibt es immer auch andere Möglichkeiten, Historisches interessant zu vermitteln: Museen, Gedenkstätten, Bücher und Filme. Und gerade die Museen haben sich in den letzten Jahren enorm verändert, sind interaktiver und lebendiger geworden.

In Zeiten der Pandemie können diese aber nicht besucht werden. Es gibt keine Ausstellungen und keine Gedenkveranstaltungen. Da sind Angebote im Internet Gold wert. Zumal, wenn sie gut recherchiert und gut gemacht sind. „Ich bin Sophie Scholl“ ist nicht der erste Account dieser Art, bekommt aber durch ihren 100. Geburtstag und die aufwändige Produktion viel Beachtung. Nicht umsonst erfreuen sich kreative Angebote schon lange großer Beliebtheit, in denen es zum Beispiel um Naturwissenschaften geht. Man lernt quasi nebenbei. Ganz vorn mit dabei sind etwa der Physiker Harald Lesch oder die Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim.

Dass nun historische Persönlichkeiten in sozialen Medien lebendig werden, könnte daher ruhig Schule machen. Bei Sophie Scholl geht es um Grundrechte, Demokratie und Meinungsfreiheit. In Zeiten, in denen rechte Gruppierungen deren Ziele und sogar gefälschte Zitate für ihre Politik missbrauchen, sind solche digitalen Angebot umso wichtiger.

Spannend wäre es auch, Paulus oder Luther auf diese Art zu entdecken. Die Bedenken, die dieser Tage beim Erinnern an Sophie Scholl hier und da laut werden, träfen wohl auch dabei zu: Es sind keine Heiligen. Aber Menschen mit Bedeutung und einer Mission. Nicht eindimensional oder gar unfehlbar, aber wichtig, um das Heute zu verstehen. Ich hätte mir als Schüler solche Möglichkeiten gewünscht.

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