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Direkt auf den roten Teppich: Die Konfirmandinnen und Konfirmanden der St. Georgs-Gemeinde in Hattingen wurden stilvoll mit Oldtimern zur Kirche gefahren und dort von Pfarrer Frank Bottenberg empfangen. (Fotos: H. Grosz)

Ein Gänsehautmoment

Konfirmation & Corona

Aus der Printausgabe - UK 20 / 2021

Anke von Legat | 20. Mai 2021

Wie eine Gemeinde in Hattingen die Konfirmationen zur Corona-Zeit zu etwas ganz Besonderem machte

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Direkt auf den roten Teppich: Die Konfirmandinnen und Konfirmanden der St. Georgs-Gemeinde in Hattingen wurden stilvoll mit Oldtimern zur Kirche gefahren und dort von Pfarrer Frank Bottenberg empfangen. (Fotos: H. Grosz)
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Frank Bottenberg (links) und Jugendreferent Julien Middelmann (rechts) mit zwei Konfis in der St. Georgs-Kirche.

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Sie wären im vergangenen September dran gewesen, die Konfirmandinnen und Konfirmanden der St. Georgs-Gemeinde in Hattingen. Mit Hygienekonzept natürlich, aufgeteilt in drei Gruppen. Aber nach den Sommerferien stiegen die Ansteckungszahlen wieder. Also beschlossen die Konfis gemeinsam mit ihrem Pfarrer Frank Bottenberg, die Einsegnung auf den Mai 2021 zu verschieben.

Kein guter Plan, wie sich herausstellte. Die dritte Welle kam; die Lage spitzte sich weiter zu, und die Konzepte änderten sich fast wöchentlich. „Wir dachten erst noch, wir könnten Sechser-Gruppen konfirmieren“, erzählt Frank Bottenberg. „Aber dann kam die Bundesnotbremse, und da wollten wir kein falsches Signal setzen – obwohl es rechtlich möglich gewesen wäre.“

Also noch einmal verschieben? Die Hälfte des Jahrgangs war dazu bereit – die andere Hälfte aber wollte die Feier zum geplanten Termin durchziehen, notfalls im ganz kleinen Rahmen. Den Ausschlag gab eine Mutter, die sagte: „Die Jugendlichen verzichten die ganze Zeit; die brauchen jetzt einmal einen Höhepunkt.“

„Das leuchtete mir ein“, erzählt Bottenberg. „Ich habe in unseren Zoom-Treffen gemerkt, wie einsam sich die Jugendlichen fühlen. Die schrieben Sätze wie ,Die Wochentage fühlen sich alle gleich an‘ oder ,Ich gehe immer allein raus, nur der Hund kommt mit‘. Für mich war das auch ein seelsorgliches Anliegen, dass wir ihnen die Möglichkeit geben, sich einmal wieder schick zu machen und so richtig im Mittelpunkt zu stehen.“

Also wurde das ganze Konfirmations-Konzept noch einmal auf den Kopf gestellt: Die Feier fand im Rahmen der Offenen Kirche statt; die Jugendlichen kamen allein oder zu zweit mit der engsten Familie. Der Gottesdienst wurde auf wenige Elemente reduziert. Und um zu unterstreichen, dass dieser Tag die Jungendlichen in den Mittelpunkt stellen sollte, dachte sich das Mitarbeitendenteam einen besonderen Überraschungseffekt aus: ein Oldtimer mit Chauffeur für den Weg zur Kirche und zurück – eine Idee, die auf die Weihnachtsaktion des vergangenen Jahres zurückging, als ein Lastwagen mit Krippe durch die Gemeinde fuhr.

„Ich habe meinen Nachbarn gefragt, der eine wunderschöne alte Ente besitzt“, erzählt der Pfarrer. „Der war gleich Feuer und Flamme. Er sogar gefragt, was er anziehen soll und sich dann richtig schick gemacht, mit schwarzem Anzug und Zylinder.“ Auf diese Weise kamen vier prachtvolle Oldtimer zusammen, samt Fahrern, die ihre Aufgabe alle ehrenamtlich übernahmen.

Die Jugendlichen wussten nur, dass sie zuhause abgeholt würden. Als dann eines der alten Autos samt Fahrer vorfuhr, war die Überraschung groß. Mit dem Ehrengast ging es hupend durch die Straßen Hattingens zur Kirche. Dort warteten bereits Pfarrer Frank Bottenberg und Jugendreferent Julien Middelmann, um mit der Konfirmandin oder dem Konfirmanden unter rauschender Orgelmusik über den roten Teppich in die Kirche einzuziehen. „Das war eine Mischung aus Hochzeit und Hollywood“, sagt Bottenberg. „Auf jeden Fall ein Gänsehautmoment!“

Die Liturgie selbst wurde kurz gehalten: Ein paar Sätze zur gemeinsamen Konfi-Zeit, der Konfirmationsspruch und eine kurze Ansprache. „Das war für mich etwas Besonderes, weil ich ganz persönlich und unmittelbar werden konnte“, so der Pfarrer. „Sonst muss ich in einer Konfirmationspredigt immer an alle denken, die da sitzen – das wird dann viel allgemeiner.“

Den Segen erteilten Bottenberg und Middelmann gemeinsam: Einer sprach die Worte, der andere hielt die Hände über den Kopf der Knieenden. „Auch ohne die direkte Berührung war das sehr dicht und stimmig“, erzählt Bottenberg. Für die Konfirmandinnen und Konfirmanden endete ihr Gottesdienst mit einem Konfetti-Regen der Teamer. Für die Heimfahrt durften sie dann unter den vier alten Autos wählen, die repräsentativ vor dem Kirchenportal aufgefahren waren.

Pfarrer Frank Bottenberg ist überzeugt davon, dass seine Form der Corona-Konfirmation eine gute Sache war – „im Nachhinein mehr noch als vorher“, sagt er. Auch wenn die Gemeinschaft der Konfigruppe fehlte, war die Einsegnung samt rotem Teppich und Chauffeur in seinen Augen „ein Baustein, der jetzt, wo fast alles andere nicht geht, gut tut“, sagt er. Und den gemeinsamen Abschluss holen sie nach – sobald das wieder möglich ist.

Über den Kampf um Termine und das Ringen um Nähe: Konfirmandenarbeit in Corona-Zeiten

Das Konfirmandenjahr folgt normalerweise einem festen Zeitplan: Der Unterricht beginnt nach den Sommerferien und endet, je nach Modell, nach einem oder zwei Jahren im Frühjahr. Die Sonntage zwischen Ostern und Pfingsten sind die klassischen Konfirmationssonntage. Nicht so in Pandemie-Zeiten.

Der Konfi-Jahrgang 2020 stolperte mitten in den ersten Lockdown. Das war dramatisch für die, die schon lange Festsäle gebucht, Menüs geordert und die Großfamilie eingeladen hatten. Trotzdem schien eine Lösung relativ naheliegend: Der Festtag wurde in den Herbst verschoben; bis dahin würde sich alles beruhigt haben, lautete die optimistische Annahme – die sich als falsch erwies. Einige Gemeinden konfirmierten im September 2020 in kleinen Gruppen und mit strengem Hygienekonzept. Andere schoben den Termin noch einmal.

„In vielen Gemeinden hängen die Konfis des Jahrgangs 20 daher immer noch in der Pipeline“, erklärt Iris Keßner, Dozentin für Konfirmandenarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen. „Die müssen jetzt wirklich konfirmiert werden. Ich höre von vielen Pfarrerinnen und Pfarrern, dass es immer schwieriger wird, per Zoom den Kontakt zu halten. Die Spannung ist jetzt einfach raus.“

Rückmeldungen aus den Gemeinden sowie eine von ihr gestartete Online-Umfrage zeigen: In den meisten Gemeinden wurde der Jahrgang 21 auf den Herbst geschoben; einige wollen es noch vor den Sommerferien wagen. Für den Jahrgang 20 heißt es in vielen Fällen: noch einmal warten.

Wie reagieren die Konfis und ihre Familien darauf? „Im vergangenen Jahr gab es wegen der Verschiebung zum Teil richtig Stress“, erzählt Keßner. „Inzwischen ist es ruhiger geworden. Man hat sich daran gewöhnt, dass sowieso alles anders läuft als sonst.“

In den meisten Fällen planen die Verantwortlichen, den Jahrgang in Kleingruppen aufzuteilen und in mehreren Gottesdiensten einzusegnen; die Zahl der erlaubten Gäste richtet sich dann nach den jeweils gültigen Corona-Regeln. Aber es gibt auch alternative Modelle, erzählt Keßner: „Einige Gemeinden haben ,Konfi mobil‘ oder ‚on the road‘ durchgeführt. Die sind dann zu den Familien der Jugendlichen gefahren und haben die Segnung im Garten oder Vorhof gefeiert.“ Auch Open-Air-Gottesdienste auf dem Kirchplatz oder im Park seien angedacht. Einige Gemeinden wollen die Gottesdienste auch streamen, um so einem größeren Kreis von Angehörigen wenigstens die digitale Teilnahme zu ermöglichen.

Inzwischen erlebt ein ganzer Konfi-Jahrgang den kirchlichen Unterricht, die anderen Jugendlichen und das Team überwiegend digital. „Das ist natürlich nur begrenzt attraktiv, weil die Jugendlichen auch schon den Schulunterricht über Zoom erleben“, sagt Keßner. Die Teams bemühen sich daher um Angebote jenseits des Computers: Schnitzeljagden, bei denen die Konfis allein oder zu zweit mit dem Smartphone Stationen suchen müssen; „Challenges“, bei denen es jeden Tag eine Aufgabe zu erfüllen gibt, oder Kreativangebote, für die das Material und die Anleitung in der Kirche abgeholt werden können. Für ein Online-Abendmahl gab es Tütchen mit einer Kerze und einem Kreuz, einer Oblate und Traubensaft nach Hause.

„Es wird ganz viel getan, um den Kontakt zu halten“, erklärt Keßner. „Trotzdem ist das, was die Konfi-Arbeit eigentlich ausmacht – die Gemeinschaft und die Beziehungsarbeit –, natürlich stark eingeschränkt.“ Es geht in ihren Augen nicht darum, „das, was man sonst gemacht hat, vorm Bildschirm zu machen“. Die besondere Herausforderung in dieser Zeit sieht sie vielmehr darin, trotz der eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten mit den Jugendlichen in einen echten Austausch zu kommen und sie anzuregen, über das Leben nachzudenken und christliche Antworten auszuprobieren. leg

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 20. Mai 2021, 9:05 Uhr


Was für eine wundervolle Idee, das Abholen mit den Oldtimern! So sieht Wertschätzung aus.

Wir hatten das Glück, letztes Jahr im August Konfirmation mit allen 20 Konfis in der Freilichtbühne zu feiern, mitten in der angefangenen Kulisse für Räuber Hotzenplotz. Sogar für den kompletten Posaunenchor war genug Platz. Dieses Jahr haben wir sie für September gebucht - Hoffnung!
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