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Grafik: TSEW

Ein Satz, der den Himmel öffnet

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 19 / 2021

Anke von Legat | 10. Mai 2021

Die Fürbitte ist eine wunderbare Möglichkeit, Menschen zu begleiten und zu stärken – gerade dann, wenn sie selbst keine Worte finden. Gedanken zum Sonntag Rogate

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„Ich liege mit Covid-19 im Bett“, heißt es in einem Beitrag auf Facebook. Ein Satz, der einen Abgrund öffnet: Krankheit. Schmerzen. Schwäche. Sorge, dass es richtig schlimm wird. Was kann da noch alles kommen.

Aber der Satz steht nicht allein. Weiter steht da: „Könnte ein paar Menschen gebrauchen, die mich in ihr Abendgebet einschließen...“

Ein Satz, der den Himmel öffnet: Gemeinschaft. Halt. Hoffnung. Glaube. All das steckt in dieser Bitte: „Betet für mich.“ Wie gut, dass Christinnen und Christen diese Möglichkeit haben, einander um Unterstützung zu bitten und im Gebet füreinander da zu sein!

Ein Gebet kann so vieles sein: Zwiesprache mit Gott; Klage, Frage, Dank oder Bitte. Eine Fürbitte ist noch mehr: Sie nimmt einen anderen Menschen in den Blick und trägt ihn mit Worten oder Gedanken vor Gott. „Ich bete für dich“, das sagen Christinnen und Christen, wenn sie einander Verbundenheit und Fürsorge zeigen möchten – eine Fürsorge, die auch dann möglich ist, wenn Menschen sich räumlich nicht nah sein oder direkt helfen können.

Eine tiefe Zuversicht drückt sich darin aus: Ich kann diesen Menschen Gott anvertrauen; Gott wird sie oder ihn nicht allein lassen, egal, was passiert. „Ich bete für dich“ ist ein wunderbarer Satz, der durch Schönes und Schweres begleitet und mitklingt – sogar ins Sterben und in den Tod hinein.

Den Satz „Bete für mich“ hört man dagegen nicht ganz so oft. Vielleicht, weil es gar nicht so leicht ist, Schwäche einzugestehen; zuzugeben, dass der Körper nicht tut, was er soll; dass der Geist sich unsicher fühlt; dass die Seele verdunkelt ist.

Umso schöner dann, wenn als Antwort ganz viel Zuspruch kommt. Dann wissen die Bittenden: Ich werde getragen durch den Glauben und das Gebet anderer. Das kann Mut machen und Kraft geben – auch dann, wenn es gerade schwerfällt, selbst die Hände zu falten. Und auch dann, wenn sich konkrete Bitten, wie die um Gesundheit, vielleicht nicht erfüllen.

Beten gehört zum Glaubensleben eines jeden Christen, einer jeden Christin. Fürbitte, also das Gebet für jemanden, ebenso. Vielleicht merken wir das jetzt, während der Pandemie, so eindrücklich wie lange nicht: Fürbitte ist gelebte Nächstenliebe, die die christliche Gemeinde trägt und verbindet – auch auf Distanz. „Eine christliche Gemeinschaft lebt aus der Fürbitte der Glieder füreinander, oder sie geht unter“, schrieb Dietrich Bonhoeffer. Und im Wochenspruch zum Sonntag Rogate heißt es: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet“ (Psalm 66,20) – eine wunderbare Zusage, auch für die Fürbitte.

Übrigens: Die Reaktionen auf den Facebook-Beitrag waren überwältigend. Innerhalb kürzester Zeit gab es Dutzende von Emojis mit gefalteten Händen, Kommentare wie „Kerze brennt“ oder „ich bete für dich“ und jede Menge persönlicher Wünsche. Einer beschrieb sein Fürbitt-Ritual, bei dem er abends im Garten alle, die es brauchen können, beim Namen nennt, und versprach: „Heute bist du auch dabei.“ Dann kann der Himmel sich öffnen.

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