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«Weil wir gekitzelt werden»

epd-Gespräch

Renate Haller | 27. April 2021

Drei Fragen an den Bremer Lachforscher Rainer Stollmann

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Der Bremer Lachforscher Rainer Stollmann (Foto: epd)

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Bremen (epd). Da sind sich alle einig, Experten wie Laien: Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie ist es wichtig, nicht den Humor zu verlieren, öfter mal zu lachen. Denn Lachen tut gut. Aber warum lachen wir überhaupt? Der Bremer Lachforscher und Kulturwissenschaftler Rainer Stollmann erläutert dem Evangelischen Pressedienst (epd) Hintergründe, Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern und das ansteckende Lachen der Kleinsten.

 

epd: Herr Stollmann, warum lachen wir?

   Rainer Stollmann: Weil wir gekitzelt werden. Das Kitzeln an der Körperhaut ist der Ursprung des Lachens. Das haben unsere Vorfahren vor acht Millionen Jahren - also die Vorfahren von Menschenaffen und Menschen - bei der Fellpflege erfunden. Es war für lange Zeit der einzige Grund fürs Lachen, und bei den Tieren ist das auch heute noch so. Aber die Menschen haben Geist und können deshalb das Kitzeln und
das Lachen von ihrem Körper lösen. Alles, worüber man sonst lacht wie Witze, Komik, Clowns kitzelt an geistigen, seelischen, moralischen oder sonstigen Häuten. Haut ist hier eine Metapher für Zusammenhang. Die Haut ist der erste Zusammenhang, in dem wir wohnen. Dazu kommen dann andere, familiäre, moralische, politische Zusammenhänge. Alle diese Häute haben ihre schwachen Stellen, an denen gekitzelt werden kann.

 

epd: Kinder lachen ständig, Erwachsene viel weniger. Warum ist das so?

   Stollmann: Das liegt daran, dass für Kinder die Welt neu ist und dass sie permanent etwas Überraschendes sehen, was sie nicht kennen. Das Kitzeln ist wie ein Scheinangriff, insofern ist es eine Überraschung: Was macht meine Mutter da? In jedem Lachen, in jedem Witz, in jeder Pointe steckt etwas Überraschendes, auch in dem, was der Clown macht.

 

epd: Über was lachen Sie?

   Stollmann: Ich lache am meisten mit meinen Enkeln. Kleine Kinder zeigen uns auf sehr liebenswürdige Weise die Naivität, die wir selber verloren haben. Sie sehen die Welt oft so verblüffend anders, als wir es gewöhnt sind. Und natürlich stecken sie uns an, weil sie selber so viel lachen.

Info

Der mittlerweile emeritierte Professor Rainer Stollmann gründete 1986 mit anderen zusammen den Studiengang Kulturwissenschaft in Bremen. Er habilitierte 1995 mit einer Arbeit über «Natur und Kultur des Lachens».

Buchhinweis

Rainer Stollmann, «Angst ist ein gutes Mittel gegen Verstopfung. Aus der Geschichte des Lachens», Verlag Vorwerk 8 Berlin 2010, 222 Seiten, im Antiquariat

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