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Pfarrerin Carolin Springer beim Bibelstechen. Privat macht sie das seit Jahren an Silvester. Nun hat sie im Rahmen ihrer Gemeinde in Berlin angefangen, jeden Samstag den „Stich der Woche“ zu machen. (Foto: privat)
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Weder Orakel noch Magie

Bibel

Aus der Printausgabe - UK 17 / 2021

Karin Ilgenfritz | 28. April 2021

Egal ob Bibelstechen oder Losungen: Die Verse sind kein Horoskop. Können aber ins Leben sprechen

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Pfarrerin Carolin Springer beim Bibelstechen. Privat macht sie das seit Jahren an Silvester. Nun hat sie im Rahmen ihrer Gemeinde in Berlin angefangen, jeden Samstag den „Stich der Woche“ zu machen. (Foto: privat)

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Das Bibelstechen hat eine lange Tradition. Wie bei den Losungen werden die Bibelstellen per Zufall gefunden. Ein spielerischer Umgang damit ist gut – kritisch wird es, wenn jemand zu viel davon abhängig macht.

Soll ich, oder soll ich nicht? Mal den alten Bekannten anrufen? Mir ein neues Auto kaufen? Die Prädikanten-Ausbildung machen? Das sind Fragen, die Menschen bewegen können. Und auf die sie gerne Antworten hätten. Aber woher sollen sie die bekommen?

Manche Christinnen und Christen suchen etwa in den Herrnhuter Losungen nach einer Handlungsanweisung. Auch bei einigen beliebt: das Bibelstechen. Man nimmt die Bibel in eine Hand, in die andere einen Brieföffner – oder etwas ähnliches – schließt die Augen und sticht in die Bibel. Öffnet die „gestochene“ Seite und zielt wieder blind auf eine Stelle. Aus diesem Vers erschließt man sich die Antwort.

Sehnsucht nach einem Fingerzeig Gottes

„Das finde ich aber nicht empfehlenswert“, sagt Peter Bukowski, der ehemalige Direktor des Seminars für Pastorale Ausbildung in Wuppertal. „Das Bibelstechen kommt aus der pietistischen Tradition. Dahinter steckt das Bedürfnis, die Bibel in das Leben hineinsprechen zu lassen“, erklärt er. „Aber die Bibel ist kein Orakel, keine Magie und auch kein Horoskop.“

Aber wie ist das dann mit den Herrnhuter Losungen? Auch die entstehen per Zufall. Und viele Menschen lesen sie, Tag für Tag. Drei Jahre im Voraus werden für jeden Tag Bibelverse aus 1800 alttestamentlichen Stellen gezogen. Dazu wird der Lehrtext ausgesucht. „Wenn jemand die Losungen liest und mit den Texten in den Tag geht, ist das völlig in Ordnung“, sagt Bukowski. „Problematisch wird es, wenn eben jemand die Texte wie ein Horoskop liest und eine direkte Handlungsanweisung ableitet.“ Die Gefahr sei groß, dass man den Text so auslegt, wie es einem in den Kram passt.

Gleichwohl versteht Bukowski die Sehnsucht der Menschen nach  einem Fingerzeig Gottes – gerade bei wichtigen Lebensentscheidungen. „Ich würde da aber grundsätzlich fragen: Was würde Jesus oder die Bibel dazu sagen?“ Besonders die Evangelien und die Briefe enthalten gute Lebensweisheiten. Ein Beispiel: „Wenn etwa Paulus sagt: ,Wo der Geist des Herrn weht, da ist Freiheit.‘ Da frage ich mich bei Entscheidungen, bei welcher Möglichkeit etwas von dieser Freiheit zu spüren ist.“

Wichtig ist dem Theologen, dass die Bibel nicht missbraucht wird, um das eigene Handeln zu rechtfertigen. „Also nicht in die Bibel stechen und von diesem einen Vers mein Handeln bestimmen lassen. Da besteht die Gefahr, dass man die Verantwortung abgibt“, macht Peter Bukowski deutlich. „Die Losungen oder auch Bibelstechen können natürlich zum Weiterdenken anregen und durchaus in mein Leben hineinwirken.“

Genau das wünscht sich Carolin Springer. Die Pfarrerin des reformierten Sprengels in Berlin ist ein Fan des Bibelstechens. „Ich habe das Bibelstechen in meinem Studium bei Peter Bukowski kennengelernt“, erzählt sie. Er hat es als gute Alternative zum Bleigießen an Silvester vermittelt.

„Wir machen das seit vielen Jahren. So habe ich immer einen ,Jahresstich‘. Eine Bibelstelle, die mich durch das Jahr begleitet.“ Oft denkt sie nicht an diesen Vers. Aber in herausfordernden Situationen oder wenn Entscheidungen anstehen, dann erinnert sich die 41-Jährige an ihren „Stich“. „So ein Bibelwort sollte man nicht als Orakel sehen. Aber ich bewege es in meinem Herzen und schaue, was sich in mir rührt.“

Jetzt hat die Pfarrerin auf ihrem Instagram-Kanal „jott_sei_dank“ den „Stich der Woche“ ins Leben gerufen. „Jeden Samstag steche ich  in die Bibel. Zu dem getroffenen Bibelvers halte ich eine spontane Andacht“, erzählt sie. Das nimmt sie auf und wer will kann es sich auf Instagram anschauen. „Das ist schon eine Herausforderung, zu einem Vers mal eben etwas zu sagen. Aber es macht Spaß.“

Warum sie das macht? „Ich will auch auf diese Weise den Kontakt zu meiner Gemeinde halten. Durch Corona wird man immer kreativer.“ Gleichzeitig hofft sie, den Menschen ein Bibelwort oder einen Gedanken mitgeben zu können, der sie begleitet.

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