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Grafik: TSEW/https://www.shutterstock.com/de/g/maschatace

Allein macht einsam

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 17 / 2021

Anke von Legat | 26. April 2021

Das Corona-Virus macht keinen Unterschied zwischen Verwandten und Freunden. Trotzdem treffen die Kontaktbeschränkungen die traditionellen Familien weniger hart als Alleinlebende.

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Grafik: TSEW/https://www.shutterstock.com/de/g/maschatace

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Wer in diesen Tagen das Wort „Single“ in eine Internet-Suchmaschine eingibt, bekommt ganz oben Treffer mit den Schlagworten „Einsamkeit“, „Depression“ oder auch „Partnersuche“ angezeigt. Ganz klar: Corona macht Menschen, die allein leben, zusätzlich einsam.

Während für Paare und Familien die täglichen Kontakte selbstverständlich sind, müssen Singles auf Gespräche, gemeinsame Mahlzeiten oder einen gemütlichen Fernsehabend mit anderen verzichten. Auch körperliche Nähe gibt es für sie kaum, während sich die Menschen, die in einer Familie oder in einer WG zusammenleben, auch mal spontan umarmen können.

Schlechte Zeiten für die vielen Menschen, die aus verschiedenen Gründen allein leben: verwitwete Ältere, berufstätige Singles, Studierende in Einzelapartments. Corona hat unsere Gesellschaft zu einer gemacht, in der man am besten in einer traditionellen Familie lebt, denn diese Lebensform wird unterstützt und ist von Kontaktbeschränkungen weniger betroffen.

Man denke nur an Weihnachten zurück: Selbst dieses christliche Fest, in dessen Mittelpunkt ja eine durch und durch unkonventionelle „Familie“ steht, wurde von der Politik vor allem als traditionelles Verwandtschaftstreffen betrachtet; hier gab es Zugeständnisse für Blutsverwandte „in gerader Linie“, während alle anderen Kontakte streng reglementiert blieben.

Dass das Virus keinen Unterschied zwischen Verwandten und Freunden macht, blieb dabei ebenso unberücksichtigt wie die Tatsache, dass die Kernfamilie längst nicht für alle eine erstrebenswerte, heile Welt ist – Stichwort „Gewalt in der Familie“.

Aber wer auf alternative Lebens- und Beziehungsmodelle setzt, ist im Moment schlecht dran. Der ist von seinen Wahlfamilien mehr oder weniger abgeschnitten: Freundeskreise können sich nur rudimentär treffen; alle Gruppen, in denen Begegnungen möglich sind, sind verboten; und selbst das Hören auf Gottes Wort, das Singen und Beten in echter Nähe ist extrem eingeschränkt. Das Gotteswort, dass es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist, scheint in der Pandemie für unterschiedliche Lebensformen in unterschiedlicher Weise zu gelten.

Dabei war unsere Gesellschaft auf gutem Weg, die Beschränktheiten einer rein bürgerlich-biologischen Familiendefinition zu überwinden. Auch in der Kirche hat diese größere Weite Einzug gehalten: Die Familien-Vorlagen der westfälischen Landeskirche und der Evangelischen Kirche in Deutschland haben klare Worte dafür gefunden, dass die Qualität von Beziehungen sich nicht am Verwandtschaftsgrad, Trauschein oder sexueller Ausrichtung messen lässt.

Leider sind die Kontaktverbote der Corona-Zeit jedoch ein Indiz dafür, dass das traditionelle Familienbild immer noch eine beherrschende Rolle spielt. Welche gesellschaftlichen Auswirkungen das haben wird, ist, wie so vieles, noch nicht absehbar. Für alle, die eine Vielfalt der Lebensformen für eine Bereicherung halten, heißt das: Wachsam bleiben – und protestieren, wenn sich die Benachteiligung alternativer Beziehungsentwürfe durch die Hintertür wieder einschleichen sollte.

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