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Grafik: TSEW

Glück trotz schwerer Zeiten

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 16 / 2021

Karin Ilgenfritz | 19. April 2021

„Wenn Corona endlich mal vorbei ist, dann sind wir glücklich.“ Echt – dann erst? Klar, wir freuen uns auf so manches, was vorher selbstverständlich war. Aber auch jetzt ist Glück möglich.

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Kürzlich tauchte ein Video auf, wie es so typisch ist für die sozialen Netzwerke. Es handelt davon, wie glücklich wir alle nach Corona sein werden. Dann können wir endlich wieder ohne Bedenken mit anderen ins Restaurant gehen, Sport treiben oder im Chor singen. Da dürfte jeder und jedem von uns so allerhand einfallen, worauf wir uns freuen.

Wenn wir uns so viel Glück versprechen von den einfachen Dingen – wie war es denn vor Corona? Vieles, worauf wir uns jetzt freuen, war selbstverständlich. Uns war nicht klar, was es für ein Glück sein kann, die Freundin zur Begrüßung in den Arm zu nehmen, in den Gottesdienst zu gehen, eine Tanzveranstaltung oder einen Volkshochschulkurs zu besuchen. Aus heutiger Sicht hätten wir jedenfalls allen Grund gehabt, glücklich zu sein.

Und noch weiter gefragt: Sind wir denn jetzt seit über einem Jahr unglücklich? Gibt es denn nicht doch trotz Corona das ein oder andere Glück zu erleben?

Völlig klar: Wer unter gesundheitlichen Einschränkungen durch Corona leidet oder gar einen lieben Menschen verloren hat, hat wenig Grund zur Freude. Ebenso die Menschen, deren wirtschaftliche Existenz massiv bedroht ist. Das ist schwer. Gerade an diesen Beispielen wird deutlich, was der Wissenschaftler Tobias Esch über das Glück sagt: Wer sich ohnmächtig fühlt, den Eindruck hat, ausgeliefert zu sein, kann kein Glück erleben. Ein gewisses Maß an Selbstwirksamkeit ist die Voraussetzung, um sich glücklich fühlen zu können.

Außerdem ein wesentlicher Glücksfaktor: sich mit anderen Menschen verbunden fühlen. Im so genannten „Glücksatlas“ vom November 2020 haben 83 Prozent der Befragten gesagt, die Corona-Pandemie habe ihnen gezeigt, wie wichtig Familie und Freunde sind. Gleichzeitig verschafft es uns Zufriedenheit, wenn wir etwas für andere Menschen tun können. Kurz gesagt: Lieben und geliebt werden sind eindeutige Glücksfaktoren.

Auch der Glaube spielt eine wichtige Rolle beim Glück. Wie Mediziner Tobias Esch herausgefunden hat, trägt der Glaube zur Lebenszufriedenheit bei. Vorausgesetzt es ist kein von Angst und Druck geprägter Glaube. Wer an die Liebe Gottes glaubt, die Kraft der Vergebung und sich mit anderen Christinnen und Christen verbunden fühlt, hat gute Chancen auf eine tiefe Lebenszufriedenheit.

Wichtig bei all diesen Überlegungen: Das, was uns glücklich macht, wandelt sich im Laufe des Lebens. Wer die Fähigkeit hat, sich auch über vermeintliche Kleinigkeiten im Alltag zu freuen, tut sich leichter mit dem Glück.

Dennoch: Glücklich sein oder tiefe Lebenszufriedenheit zu erleben heißt nicht, dass wir nicht das beim Namen nennen sollen, was uns schmerzt oder ärgert. Im Gegenteil. Nur wer annehmen kann, was ist – und dazu gehört es, auch mal zu schimpfen und zu klagen –, kann danach auch wieder glücklich sein.

Gerade erleben wir, dass Glück auch in schweren Zeiten möglich ist. Trotzdem gibt es natürlich ganz vieles, auf das wir uns freuen können, wenn die Corona-Krise halbwegs überstanden ist. Gerade auch viele frühere Selbstverständlichkeiten. Hoffentlich bleiben wir uns dessen dann auch lange bewusst und lassen unser Leben von so einer Freude bestimmen.

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