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Queen Elizabeth hat sich während des Kriegs in einer Frauenabteilung des britischen Heeres zur Lastwagenfahrerin und -mechanikerin ausbilden lassen. Der Gedenktag für die Veteranen des Krieges, an die jedes Jahr am 11. November erinnert wird, liegt ihr besonders am Herzen. (Foto: ddp images / i-Images / eyevine)

Ein langes Leben

Menschen

Aus der Printausgabe - UK 16 / 2021

Urs Mundt | 21. April 2021

Fast 70 Jahre ist sie im Amt – und damit länger als ihre Ururgroßmutter Victoria. Am 21. April wird die Queen 95 Jahre alt.

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Queen Elizabeth hat sich während des Kriegs in einer Frauenabteilung des britischen Heeres zur Lastwagenfahrerin und -mechanikerin ausbilden lassen. Der Gedenktag für die Veteranen des Krieges, an die jedes Jahr am 11. November erinnert wird, liegt ihr besonders am Herzen. (Foto: ddp images / i-Images / eyevine)

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Elizabeth II. ist die am längsten regierende Monarchin in der Geschichte Großbritanniens. Trotz immer neuer Skandale im Königshaus ist ihre Popularität ungebrochen. Am 21. April wird die Queen 95 Jahre alt.

„Danke, Herr Premierminister von Kanada, dass Sie mir das Gefühl geben, so alt zu sein“, sagte die Queen 2015 zu Justin Trudeau, als dieser sich öffentlich an ein Treffen mit ihr erinnerte, als er zehn Jahre alt war. Für diesen Humor lieben die Briten ihre Königin. Kaum einer kann sich noch an eine Zeit ohne sie erinnern.

Sie steht für Kontinuität in einem Land, das seit ihrer Thronbesteigung 1952 vieles verkraften musste, darunter den konfliktreichen Zerfall des Empires und zuletzt den Brexit und die Corona-Pandemie. Am 21. April wird Elizabeth II. 95 Jahre alt.

„Die Königin regiert, aber sie herrscht nicht“, so lautet ihre Rollenbeschreibung. Die Queen hat keine politische Macht. Auch das macht ihre Glaubwürdigkeit aus. Dennoch musste sie sich ihre moralische Autorität immer wieder erarbeiten. Viele empfinden sie als unterkühlt. Die Ehekrisen ihrer Kinder Andrew, Anne und Charles haben dem Haus Windsor seit Anfang der 90er Jahre immer neue Negativschlagzeilen beschert. Kritiker warfen ihr vor, ihre Mutterrolle zu vernachlässigen. Einen neuen Tiefpunkt erreichte ihre Popularität, als sie nach dem Tod von Prinzessin Diana 1997 zunächst schwieg.

Auch 2021 ist für die Queen kein leichtes Jahr. Wenige Tage vor ihrem Geburtstag verstarb am 9. April ihr Ehemann Prinz Philip im Alter von 99 Jahren. Nach mehr als 73 gemeinsamen Ehejahren hat sie mit ihm ihren „Felsen“ verloren, wie sie ihren Mann 1997 in einer Rede zum 50. Hochzeitstag nannte. „Er war ganz einfach meine Stärke und mein Halt in all diesen Jahren“, sagte sie damals.

Die Königin hat ihren „Felsen“ verloren

Das drängt zwei andere Probleme aber allenfalls in den Hintergrund. Aus Sicht der ARD-Königshausexpertin Leontine von Schmettow könnte ihr Sohn Prinz Andrew tiefer in den Missbrauchsskandal um den amerikanischen Investmentbanker Jeffrey Epstein verstrickt sein als bislang bekannt. Dieser hatte 2019 im Gefängnis Selbstmord begangen. Die einstige Epstein-Vertraute Ghislaine Maxwell, mit der auch Andrew befreundet war, könnte ihn aus der amerikanischen U-Haft heraus schwer belasten. „Das schwebt wie ein Damoklesschwert über der britischen Monarchie“, sagt von Schmettow.

Die meisten Briten stehen hinter der Queen

Zuletzt brachte ein Interview von Enkel Harry und seiner Ehefrau Meghan den Palast in die Defensive. Im US-Fernsehen warf das Paar dem Königshaus vor, dass ein Familienmitglied Bedenken über die Hautfarbe ihres zu diesem Zeitpunkt noch ungeborenen Sohnes geäußert habe. Namen nannten sie zwar nicht. Meghan stellte aber klar, dass die Queen „immer wundervoll“ zu ihr gewesen sei. Auch Harry spricht nur gut über seine Großmutter. Auch die meisten Briten stehen weiterhin hinter ihrer Königin.

Ihre Zurückhaltung wird ihr heute eher als Professionalität ausgelegt. Zu ihrem 50. Thronjubiläum 2002 würdigte die Presse die Monarchin als Pflichtmenschen, der über ein halbes Jahrhundert lang stoisch seine Rolle ausfülle und jährlich bis zu 450 Termine absolviere. „Egal, ob es Skandale in der Familie sind, oder schwierige Begegnungen wie etwa 2018 mit dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump: Sie lässt sich nie etwas anmerken und bewahrt immer Haltung“, sagt von Schmettow.

Jens-Christian Wagner, der ehemalige Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen bei Celle, sieht das ähnlich. Während des fünften Deutschlandsbesuchs der Queen 2015 führte Wagner sie und Prinz Philip über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Sie habe mit großem Ernst zugehört und genau nachgefragt, erinnert sich Wagner.

Bis 1936 rechnete niemand damit, dass Elizabeth einmal Königin werden könnte. Erst als ihr Onkel König Edward VIII. in diesem Jahr nach nur elf Monaten abdankte und ihrem Vater die Krone überließ, rückte sie mit zehn Jahren an die erste Stelle der Thronfolge. In ihrer ersten Rundfunkansprache 1940 sprach sie zusammen mit ihrer vier Jahre jüngeren Schwester Margaret kriegsevakuierten Kindern Mut zu. In ihrer Weihnachtsansprache im Dezember 2020 dankte sie allen, die an der Bewältigung der Pandemie mitarbeiten, und fand tröstende Worte für die Trauernden und die Einsamen. „Die Lehren Jesu waren immer mein inneres Licht“, sagte die Königin, die auch das weltliche Oberhaupt der englischen Staatskirche ist.

Tröstende Worte für Trauernde und Einsame

Angesichts solcher Ansprachen blickt mancher Deutsche neidisch auf die Insel. Der ARD-Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert erklärt sich die Popularität der Queen in Deutschland mit ihrer Kontinuität. „Es gibt einfach so wenig, was noch verlässlich ist im Hinblick auf Gesichter, die einem bis zum Rest des Lebens erhalten bleiben“, sagte der Journalist anlässlich des 60. Thronjubiläums 2012. Ein Land wie Deutschland sei in diesem Punkt recht armselig dran und borge sich daher immer etwas vom Glanz der europäischen Monarchien, vor allem der britischen.

Den Rekord ihrer Ururgroßmutter Queen Victoria von 63 Regierungsjahren hat Elizabeth II. längst gebrochen. Die vorzeitige Abdankung kommt nicht infrage, ist von Schmettow überzeugt. „Das widerspräche ihrem Pflichtgefühl.“ Die jährlich stattfindende Geburtstagsparade in London „Trooping the Colour“ wird wegen der Pandemie ausfallen. Die Regierung plant aber schon eine Megaparty für das 70. Thronjubiläum 2022 – ein Trost für alle, denen die offizielle Geburtstagsfeier im Juni fehlen wird.

Die Queen und die Kirche

Als geborenes Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche bekommt der Monarch – oder die Monarchin – mit der Krone auch ein religiöses Amt. Die Königin ist somit das weltliche Oberhaupt der Church of England. Die 108 Bischöfe sind Teil ihres offiziellen Lebens, schreibt ihre Biographin Sarah Bradford. Sie ernennt auf Vorschlag des Premierministers die Erzbischöfe und Bischöfe, die ihr dann die Treue schwören und nach der Weihe huldigen. Die eigentliche Wahl nimmt ein Komitee der Church of England vor, dann werden zwei Vorschläge an den Premierminister geleitet, der sie wiederum der Queen zur Kenntnis bringt. Faktisch muss sie dann zustimmen. Sollte sie abweichender Meinung sein, was nach Informationen von Bradford schon vorgekommen sein soll, bleibt ihr die Möglichkeit, nach weiteren Informationen zu fragen. Die Queen hat wissen lassen, dass der Premierminister dann weiß, was gemeint ist. Sollte er bei seinen Vorschlägen bleiben, stimmt die Queen zu, denn sie würde es nicht zu einem offenen Konflikt kommen lassen. In Schottland ist sie Mitglied der presbyterianischen Church of Scotland, hat dort aber keine offizielle Funktion. Nur eine Konfession ist dem britischen Staatsoberhaupt verboten: die katholische. Das hat Elizabeth II. nicht davon abgehalten, der katholischen Kirche beträchtliche Anerkennung entgegenzubringen. KNA

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