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Detlev Jacobs mit einem Porträt seiner verstorbenen Mutter (Foto: epd)

Corona-Hinterbliebener: «Das sind keine Zahlen, das sind Menschen»

epd-Gespräch

Corinna Buschow (epd) | 18. April 2021

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Detlev Jacobs mit einem Porträt seiner verstorbenen Mutter (Foto: epd)

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Berlin/Koblenz (epd). Detlev Jacobs hat seine Mutter in der Corona-Pandemie verloren. Im Herbst vergangenen Jahres starb sie an einer Infektion in einem Koblenzer Pflegeheim. Der 53-jährige Lehrerausbilder wird am Sonntag als einer von fünf Hinterblieben bei der zentralen Gedenkfeier sprechen, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für die Verstorbenen der Pandemie ausrichtet. Im Gespräch
mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) berichtet Jacobs von der schwierigen Zeit der Isolation im Pflegeheim, dem ausgebliebenen Abschied von der Mutter und was der staatliche Akt am Sonntag für ihn persönlich bedeutet.

epd: Herr Jacobs, Ihre Mutter ist im vergangenen Herbst vier Tage vor dem 80. Geburtstag mit einer Corona-Infektion gestorben. Davor lag bereits eine lange Zeit mit Einschränkungen und Besuchsverboten in Pflegeheimen. Können Sie schildern, wie Sie die Zeit erlebt haben?

Detlev Jacobs: Es war schon schlimm. Gerade die erste Corona-Welle war schwierig. Ab März gab es ein Besuchsverbot in den Pflegeheimen, und das kam für uns alle plötzlich. Meine Mutter war demenzkrank. Sie hat deswegen im Prinzip nicht verstanden, warum ihre Angehörigen sie nicht mehr besuchen kommen. Sie war ein sehr sozialer Mensch, der Kontakte um sich herum brauchte. Und dann waren für drei Monate keine Besuche möglich. Das war auch für uns einfach schlimm.

epd: Wie sind Sie in Kontakt geblieben?

Jacobs: Wir hatten kaum eine Möglichkeit, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Durch die Demenzerkrankung waren Telefongespräche nicht möglich, und auch das Winken vor dem Balkon hat nichts gebracht. Meine Mutter konnte das nicht ertragen so auf Distanz. So konnten wir uns nur bei Betreuern und Pflegern darüber informieren, wie es ihr geht. Und wegen der Demenzerkrankung hatten wir schon Angst davor, dass sie uns nach diesen drei Monaten gar nicht mehr erkennt.

epd: Das war aber nicht so?

Jacobs: Zum Glück nicht, mich hat sie dann doch erkannt. Als ich das erste Mal nach diesen drei Monaten zu ihr ging und den Mundschutz lupfte, sah sie, wer da vor ihr steht. Das war ein sehr rührender Moment, und wir haben dann beide eine Runde geweint. Ich glaube, sie hat sich vorher wirklich vergessen gefühlt. Ab Juni waren ich oder meine Schwester dann wieder so einmal die Woche bei ihr. Die Situation hat sich dann wieder normaler angefühlt.

epd: Im September hat sich Ihre Mutter dann mit Corona infiziert. Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?

Jacobs: Wir haben von ihrem Hausarzt davon erfahren. Es hieß zunächst, sie sei zwar erkrankt, aber stabil. Meine Mutter wurde gemeinsam mit anderen infizierten Frauen auf der Isolierstation des Heims untergebracht, wo es sogar einen großen Gemeinschaftsraum gab. Wir waren erst einmal beruhigt, wir konnten aber nicht mehr hin.

epd: Zu dieser Zeit wusste man längst um die Risiken in Pflegeheimen. Gab es bei Ihnen Wut darüber, dass die Infektion nicht verhindert wurde?

Jacobs: Nein. Die Betreuer und die Leitung im Pflegeheim haben alles Mögliche probiert, um Corona fernzuhalten. Im Eingangsbereich wurde Fieber gemessen, Besucher wie ich haben sich in Schutzkleidung eingepackt. Aber einen 100 prozentigen Schutz gibt es nicht, deswegen mache ich da niemandem einen Vorwurf. Die Alternative wäre ein ständiger harter Lockdown gewesen, und da bin ich zwiegespalten. Aufgrund der Demenzerkrankung und der Angst, dass meine Mutter uns ganz vergessen könnte, war es mir lieber, ich schütze mich - und damit meine Mutter - so gut wie möglich, kann sie aber besuchen.

epd: Der Zustand Ihrer Mutter hat sich nach der Covid-19-Erkrankung dann doch sehr verschlechtert. Konnten Sie noch Abschied nehmen?

Jacobs: Leider nein. Nach ungefähr einer Woche, in der der Zustand als stabil galt, bekamen wir den Anruf, bei dem uns gesagt wurde, wir sollten vorbeikommen, um Abschied zu nehmen. Ich kam dann ins Zimmer meiner Mutter, die Schwester führte mich ans Bett und sagte mir, dass meine Mutter kurz vorher verstorben ist. Ich war vielleicht 10 bis 15 Minuten zu spät da. Das war traurig und schon auch schockierend für mich. Tröstlich war dann die Trauerfeier. Meine Mutter hatte sich eine Beisetzung im Friedwald gewünscht. Dort war im Freien ein etwas größerer Gottesdienst möglich.

epd: Am Sonntag gibt es nun ein staatliches Gedenken an die Verstorbenen in der Pandemie. Bundespräsident Steinmeier lädt dazu ein, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vertreter der anderen Verfassungsorgane werden teilnehmen - neben Ihnen und anderen Hinterbliebenen. Was bedeutet Ihnen das persönlich?

Jacobs: Es führt bei mir momentan dazu, dass ich mich mit dem Tod meiner Mutter noch einmal intensiv auseinandersetze. Es ist eine Form der Trauerbewältigung. Darüber zu sprechen hilft, damit abzuschließen. Und toll finde ich es, dass versucht wird, den Corona-Toten ein Gesicht zu geben. Das sind keine Zahlen, das sind Menschen. Sie wurden aus dem Leben gerissen - viele in noch viel drastischerer Form als bei meiner Mutter.

epd: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie die Debatten um die Corona-Politik verfolgen - oder wenn Sie die Bilder der teils aggressiven Demonstrationen gegen die Schutzmaßnahmen sehen?

Jacobs: Ich finde, als Mitglieder dieser Gesellschaft haben wir die Verpflichtung, die Schwächeren zu schützen. Es ist einfach nicht so, dass mir die Maske die Freiheit nimmt. Ich sehe es so, dass wir die Maske eben brauchen, um unsere Freiheit wiederzubekommen und gleichzeitig Menschen zu schützen. Die Demonstrationen kann ich daher nur schwer nachvollziehen.

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