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Mit mehr, weniger oder anderen Kliniken in die nächste Pandemie?

Gesundheit

Dirk Baas (epd) | 15. April 2021

Über den Bedarf an Krankenhäuser wird wieder gestritten - auch wegen Corona

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Frankfurt a.M. (epd). Es ist ein lokaler Aufreger, mehr wohl nicht: Die Caritas Trägergesellschaft Saarbrücken (cts) schließt ihre Klinik St. Josef in Dudweiler 2025 und bündelt ihre Angebote künftig am Standort St. Theresia in Saarbrücken-Rastpfuhl - in einem Neubau für rund 600 Betten. «Erforderliche hohe Investitionen in Infrastruktur und Bausubstanz sind wirtschaftlich nicht vertretbar», heißt es zur Begründung. Bürgerinnen und Bürger der Region mögen entgeistert sein, aber der Gesundheitsmarkt kennt keine Gnade mit kriselnden Krankenhäusern.

   Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gab es 2019 1.914 Kliniken mit knapp 495.000 Betten. 1991 waren es noch rund 2.400 mit 665.000 Betten. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass immer neue Einrichtungen öffnen - oft jedoch Spezialkliniken in privater Trägerschaft.

   Viele Gesundheitsökonomen fordern einen Bettenabbau, um eine qualitativ bessere Versorgung zu sichern. In einem Richtungspapier zu Lehren aus der ersten Welle der Corona-Krise, in Auftrag gegeben unter anderem vom Barmer Institut für Gesundheitssystemforschung (bifg), werden spezialisierte Klinikstrukturen gefordert: «Für gute Behandlungsergebnisse ist nicht die Nähe, sondern die Ausstattung der
Krankenhausstandorte ausschlaggebend.»

   Nach Einschätzung von Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), werden viele Krankenhäuser vor allem aus einem Grund am Leben erhalten: weil sich die Bevölkerung daran gewöhnt hat, dass es sie gibt.

   Bernadette Rümmelin, Geschäftsführerin des Katholischen Krankenhausverbandes Deutschlands, sagt dagegen: «Angesichts der Erfahrung aus der Corona-Pandemie ist die Zeit für Debatten über einen Kahlschlag in der Krankenlandschaft wirklich überholt.» In einer Pandemie sei auch künftig ein dichtes Netz an gut erreichbaren
Kliniken wichtig und der regionale Versorgungsbedarf zu beachten. Das sieht auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) so: «Die immer wieder vorgetragene Behauptung, dass COVID-Versorgung nur in einigen wenigen Kliniken der Maximalversorgung stattgefunden hat, wird durch das tatsächliche Versorgungsgeschehen eindeutig widerlegt.»

   Viele Kliniken geraten in Schieflage, weil für die Digitalisierung, den Brand- und Infektionsschutz sowie für die bauliche Modernisierung oft das (eigene) Geld fehlt. Die DKG hat eine jährliche Finanzierungslücke bei den Klinikinvestitionen der Länder
von rund 3,7 Milliarden Euro errechnet: «Eine wirtschaftliche Finanzierung der Betriebskosten ist vor diesem Hintergrund nicht zu erreichen.»

   Zur schwierigen Gemengelage der Finanzierung gehört die unendliche Debatte über die Fallpauschalen (DRG), die 2004 eingeführt wurden, um die Kliniken auf Effizienz zu trimmen. Kritiker einer Ökonomisierung der Krankenhäuser, wie Dierk Hirschel, Chefökonom der Gewerkschaft ver.di, sagen: «Die Einführung von Budgets und Pauschalen machte aus Krankenhäusern Wirtschaftsbetriebe. Im System der Fallpauschalen folgt das Geld der erbrachten Leistung. Deswegen werden nicht
rentable Leistungen wie die Pflege abgebaut und profitable Leistungen ausgeweitet.»

   Für Christoph Radbruch, Chef des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbandes (DEKV), ist jedoch nicht das das DRG-System problematisch, denn es finanziere transparent die Leistungen durch die Krankenkassen. Er rügt eine nicht ausreichende Investitionsfinanzierung seitens der Länder. Das führe zu der Fehlentwicklung, dass Krankenhäuser Gewinne zur Finanzierung von Investitionen erwirtschaften müssten.

   Bernadette Rümmelin schlägt vor, sich vom starren DRG-System zu lösen. Sie plädiert dafür, Vorhaltekosten etwa für die Röntgentechnik, den Laborbetrieb oder die Anschaffung eines Computertomographen außerhalb des Systems der Fallpauschalen zu erstatten - aus Steuergeldern und Versichertenbeiträgen.

   Doch ob es dazu kommt, ist fraglich. Denn viele Experten plädieren ganz unabhängig von Corona dafür, dass nicht mehr alle Krankenhäuser alle Patienten behandeln. Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin, sagt: «Dass wir so viele Intensivbetten haben, ist in diesen Zeiten beruhigend, aber ansonsten gibt es zu viele Betten in zu vielen Krankenhäusern.»

   Carl Waßmuth, aktiv im Bündnis Klinikrettung und Vorstand von Gemeingut in BürgerInnenhand (GiB), hält dagegen: «Auch zum heutigen Tag, wo noch niemand weiß, wie sich die Pandemie entwickelt und was danach auf unser Gesundheitswesen zukommt, ist eine Kahlschlagpolitik der falsche Weg.»

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