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Allein vorm Bildschirm mit einem Stück Brot und einem Schluck Wein – ein vollgültiges Abendmahl? Was in vielen Gemeinden inzwischen in digitaler Gemeinschaft ganz einfach praktiziert wird, sorgt in den theologischen Wissenschaften für Diskussionen. (Foto: Jens Schulze/epd)

(K)eine Frage der Leibhaftigkeit

Abendmahl

Aus der Printausgabe - UK 13 / 2021

Tilman Baier | 1. April 2021

Die Corona-Pandemie und die Frage nach der Wirksamkeit virtueller Abendmahlsfeiern

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Allein vorm Bildschirm mit einem Stück Brot und einem Schluck Wein – ein vollgültiges Abendmahl? Was in vielen Gemeinden inzwischen in digitaler Gemeinschaft ganz einfach praktiziert wird, sorgt in den theologischen Wissenschaften für Diskussionen. (Foto: Jens Schulze/epd)
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Einzelkelche – eine Lösung des Hygiene-Problems? In einigen freikirchlichen Gemeinden, wie hier bei den Siebenten-Tags-Adventisten, oder auch in den lutherischen Kirchen Skandinaviens ist ihr Gebrauch bereits üblich. (Foto: Friedrich Stark/epd)

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Der Gottesdienst am Gründonnerstag ist ganz vom Abendmahl geprägt. Erinnert wird daran, dass Jesus am letzten Abend vor seinem Tod am Kreuz mit seinen Jüngern noch einmal zu Tisch lag und ihnen auftrug, dieses Gemeinschaftsmahl zu seinem Gedächtnis und zu ihrer Stärkung zu pflegen. Und es wird mit dem Teilen von Brot und Wein gefeiert, dass Gott im auferstandenen Christus inmitten dieser Gemeinschaft anwesend ist.

Keine physische Nähe in diesem Jahr

Doch mit dieser Nähe, mit dem Essen von einem Brot und dem Trinken aus einem Kelch, ist es seit einem Jahr erst einmal vorbei. Das Corona-Virus hat auch das Sakrament des Abendmahls, also die heils- und gemeinschaftsstiftende Gabe Gottes in Brot und Wein, weitgehend aus den eh schon stark reduzierten Gottesdiensten verbannt. Doch bei der hohen Bedeutung, die das Abendmahl im Verlauf der letzten Jahrzehnte auch in den protestantischen Landeskirchen wieder gewonnen hat, ist es kein Wunder, dass findige Gemeinden nach Alternativen Ausschau hielten.

So wird in meiner Heimatgemeinde auch während der Pandemie an besonderen Festtagen das Abendmahl unter Abstandswahrung als Wandelabendmahl oder sitzend in den Bankreihen gefeiert. Die Oblaten werden von behandschuhten Händen auf Patenen einzeln dargeboten. Den Wein gibt es in separaten, vor dem Gottesdienst gefüllten Schnapsgläsern. Schnell vergessen dabei war, dass wir noch vor gar nicht langer Zeit die zum Beispiel in den skandinavischen Volkskirchen übliche Praxis der Einzelkelche für jeden Abendmahlsgast als „Eierbecherkultur“ belächelt hatten.

Aber etliche Gemeinden, die bereits im vergangenen März auf virtuelle, im Internet übertragene Gottesdienste gesetzt hatten, wollten auf das Abendmahl in der Karwoche und zum Osterfest nicht gänzlich verzichten. Und so gewann plötzlich die vorher als zu akademisch  oder theologisch-spekulativ abgetane Frage, ob zum Beispiel eine Abendmahlsfeier im Fernsehgottesdienst auch für die zu Hause Mitfeiernden wirklich, also wirksam, sei, neue Fahrt.

Als Anfang April 2020 berichtetet wurde, dass zum Beispiel die evangelische Mainzer Auferstehungsgemeinde nicht nur zu Wort-, sondern auch zu Abendmahlsgottesdiensten nur noch virtuell vor den PC- und Smartphone-Bildschirmen zusammenkam und die Feiernden aufgefordert wurden, bei sich zu Hause dazu „gern eine Kerze, etwas Brot und Wein oder Saft“ bereitzustellen, kam Einspruch von fast „ganz oben“. So erklärte damals Thies Gundlach, einer der drei theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dass er damit Schwierigkeiten hätte: „Denn das Abendmahl lebt ja davon, dass man es gereicht bekommt, dass es gegeben wird und nicht zu sich genommen wird", so sein Argument.

Ähnlich sah das auch der Mainzer evangelische Theologie-Professor Kristian Fechtner, der sonst gegen ein vorübergehendes Setzen auf Online-Gottesdienste, Videoandachten und digitale Kommunikation nichts einzuwenden hat, so lange sie Bezug nehmen auf eine personale Gemeinschaft.

Die Leiblichkeit sei eine Grunddimension des Glaubens, erläuterte der Professor für Praktische Theologie vor einem Jahr. Sakramente wie Taufe und Abendmahl würden leibhaftig zugeeignet. Darum hatte Fechtner geraten, für die Dauer der Corona-Krise lieber bewusst auf das Abendmahl zu verzichten.

Doch andere wie der Internetbeauftragte der rheinischen Landeskirche, Pfarrer Ralf Peter Reimann, hielten aufgrund ihrer Erfahrungen mit Online-Andachten dagegen: „Das ist genauso eine Gemeinschaft.“ Entscheidend sei außerdem die Frage, wer zum Abendmahl einlade: „Wenn es Christus selbst ist, wie können wir diese Einladung nur auf eine bestimmte räumliche Reichweite um den Altar herum beschränken?“

Luther bedachte sogar Ausnahmesituationen

Getaufte Christen hätten als Kirchenmitglieder auch in solchen Ausnahmesituationen ein Recht darauf, das Sakrament zu empfangen, erklärte auch der Theologe Jochen Arnold, Direktor des Evangelischen Zentrums für Gottesdienst und Kirchenmusik der Landeskirche Hannovers in Hildesheim, der ein Standardwerk über die Theologie des Gottesdienstes geschrieben hat: „Die Verantwortlichen sind herausgefordert, alle theologisch verantwortbaren und technisch möglichen Optionen dafür bereit zu halten.“

Zudem rüttelte er an einem zentralen Punkt des heutigen protestantischen Verständnisses vom Abendmahl: Der Gemeinschaftsgedanke spiele dabei, so Arnold, erst seit dem 20. Jahrhundert eine zentrale Rolle.

Da viele ältere Menschen gar nicht in der Lage seien, die technischen Möglichkeiten zu nutzen, sei es umso wichtiger daran zu erinnern, dass in Ausnahmesituationen durchaus in der Familie ein voll gültiges Abendmahl eingesetzt und gefeiert werden könne. Martin Luther habe sogar daran geglaubt, dass Christen sich in einer absoluten Ausnahmesituation sogar selbst die Einsetzungsworte zusprechen könnten.

Realpräsenz Christi virtuell?

Hinter den verschiedenen Antworten, ob eine virtuelle Abendmahlsfeier wirksam und damit sinnvoll sei, werden auch noch einmal die unterschiedlichen Sichtweisen dieses Sakraments deutlich: So verweist nach der klassischen Lehre der reformierten Kirche das Abendmahl wie ein Zeichen auf Christus. Das tut auch ein virtuelles Abendmahl. Bei Luther dagegen ist Christus „in, mit und unter dem Wort“ Gottes in Brot und Wein während des Mahls wirklich und wirksam gegenwärtig. Da ist die Vorstellung, dass diese Präsenz Christi sich auch virtuell übertragen lässt, schon schwerer zu akzeptieren.

Trotzdem hatte der Leitende Bischof der Vereinigten Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, im November 2020 betont, er halte ein digital gefeiertes Abendmahl für möglich, bei dem die Feiernden per Internet zusammengeschaltet sind. „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es auch Situationen gibt, in denen ohne die kohlenstoffliche Anwesenheit von Menschen ein ordnungsgemäßes Abendmahl eingesetzt und verteilt werden kann." Als Beispiel nannte Meister die ökumenischen Beziehungen und Partnerschaften zu den Kirchen in aller Welt. „Wenn dieses Zeichen möglich wäre, dass wir, ohne alle in einem Raum zu sein, mit den Partnerinnen und Partnern in Südafrika, in Russland, in Indien oder in Brasilien gemeinsam Abendmahl feiern können, wäre das ein ganz starkes Zeichen der Gemeinschaft in Jesus Christus.“ Dafür müsse eine Form gefunden werden, die angemessen sei und akzeptiert werde.

Auch in der katholischen Kirche wird um eine angemessene Form von Messfeiern in Pandemiezeiten gerungen. Eigentlich dürfte es da am wenigsten theologische Probleme geben, kann doch ein geweihter Priester auch stellvertretend für andere, Nichtanwesende, das Abendmahl feiern und damit der allsonntäglichen Pflicht zur Teilnahme der Gemeindeglieder an der Eucharestiefeier genügen. Das macht es auch einfacher, die Feier samt Messopfer in den digitalen Raum zu verlagern.

Eine Frage auch für die katholische Theologie

Allerdings tobt unter katholischen Theologen gerade ein Streit: Entsprechen solche stellvertretenden „Geistermessen“ noch dem heutigem Verständnis von Liturgie? Sollten nicht unter Pandemiebedingungen reine Wortgottesdienste gefeiert werden – zumal die auch einfacher zu übertragen seien?

Dieses Ansinnen kritisiert nun der Freiburger katholische Theologe Helmut Hoping auf katholisch.de: „Für eine Kirche, die ihr Lebenszentrum in der Feier der Eucharistie besitzt, ist dies ein zutiefst irritierender Vorschlag, da er an der Identität der katholischen Kirche rührt.“ Allerdings stimme er zu, die Möglichkeiten der „Digital Church“ auszuweiten. Neu sei das Phänomen einer „Digital Church“ aber nicht. Gläubige, die nicht physisch an einem Gottesdienst teilnehmen könnten, dürften schon länger das Internet oder Fernsehgottesdienste als voll gültige Alternative nutzen. „Die Möglichkeiten für eine weltumspannende ,Ecclesia orans‘ sind hier sicherlich noch nicht ausgeschöpft, mag die Feier der Eucharistie – das Sakrament leiblicher Präsenz schlechthin – in der ,Digital Church‘ auch an ihre Grenzen stoßen“, so Hoping. Die Corona-Pandemie verlange unkonventionelle Lösungen.

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 2. April 2021, 8:26 Uhr


Die theologischen Bedenken hören sich irgendwie so richtig "typisch deutsch" an. Allein die Worte "ordnungsgemäßes Abendmahl" reizen mich zum Lachen.

Wir haben in unserer Gemeinde gestern Abend einen Abendmahlsgottesdienst per Zoom gefeiert. Wir waren zwar räumlich getrennt, aber doch zusammen und gemeinsam dabei. Es war eine würdige Handlung und hat allen gut getan nach über einem Jahr Verzicht. Ob Jesus Christus anwesend ist, entscheidet allein der Glaube jedes einzelnen Teilnehmers. Was wäre denn mit Gottes Allmacht, wenn er nicht auch digital zu uns kommen und bei uns sein könnte!
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