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Foto by Akira Hojo on Unsplash

In Zeiten der Rastlosigkeit kann Kirche «Luxus» sein

epd-Gespräch

Christine Süß-Demuth (epd) | 28. März 2021

Luxus-Experte: Nachhaltigkeit und Verzicht werden wichtiger

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Pforzheim (epd). In einer durch Konsum und Rastlosigkeit geprägten Zeit kann auch die Kirche als eine Art «Luxus» betrachtet werden. Das Gebäude sowie die Gemeinschaft darin seien etwas Besonderes und Außergewöhnliches, sagt der Luxus-Experte Fernando Fastoso im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Beim Thema Luxus würden immaterielle Aspekte wie Nachhaltigkeit und Verzicht wichtiger. Fastoso leitet den bundesweit ersten Lehrstuhl «Brand Management für Luxus und High-Value Brands» an der Hochschule Pforzheim.

 

   epd: In Deutschland war es lange verpönt, Luxus öffentlich zu zeigen. «Luxuria» galt als eine der sieben Todsünden. Wie ist das heute?

   Fastoso: Zügellosigkeit und Übermut, wie Luxuria ursprünglich definiert wurde, sind negativ konnotierte Begriffe. Luxus bedeutet heute aber nicht automatisch Luxuria, und man kann auch Nichtluxus zügellos konsumieren. Der meiste Konsum, der uns umgibt, ist kein Luxuskonsum im engeren Sinne.

   Luxus war früher den «glücklichen wenigen» vorbehalten. Heute genießen Luxus die «glücklichen vielen». Luxus war bisher oft auch «laut», also für viele Außenstehende als solcher direkt erkennbar. Heute wünschen sich viele Konsumenten «leisen» Luxus, der nur für «Eingeweihte» erkennbar ist.

 

   epd: Laut Duden ist Luxus ein «kostspieliger, verschwenderischer, nur zum Vergnügen betriebener Aufwand». Hat Luxus nur negative Konnotationen?

   Fastoso: Im Deutschen ausschließlich, wie Ihre Definition zeigt. Luxus ist aber in allen Sprachen insofern negativ konnotiert, als dass es etwas Nichtnotwendiges darstellt. Man kann sich aber überlegen, welche der Konsumgegenstände, die bei uns im Westen «Standard» sind, überhaupt notwendig sind.

 

epd: Wie ist das in anderen Ländern? Im Englischen wird Luxus als etwas «sehr Angenehmes, als Komfort» definiert.

   Fastoso: Im Spanischen, Französischen, Italienischen oder Englischen etwa ist der Begriff nur teilweise negativ konnotiert. Luxus bedeutet auch in anderen Sprachen Opulenz - aber auch Komfort, Leichtigkeit und Genuss. Ein ausgewogenes Verständnis von Luxus kann man in anderen Sprachen klarer erkennen.

 

epd: Luxus wird meist materiell verstanden. Werden immaterielle Aspekte wichtiger?

   Fastoso: Menschen streben nach sozialer Anerkennung. Manche mehr, manche weniger. In westlichen Gesellschaften wachsen aber Bedenken gegen Materialismus, und so wird Besitz zum zweischneidigen Schwert. Manche Menschen entscheiden sich daher bewusst gegen den Konsum von Produkten.

   Luxus ist für solche Menschen, sich manchen Besitz nicht zu leisten, obwohl sie es könnten. Stattdessen investieren sie zum Beispiel mehr in gesunde Ernährung, widmen ihre Freizeit der Erziehung der eigenen Kinder oder arbeiten an ihrer Fitness.

 

epd: Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie?

   Fastoso: Die Zurschaustellung von finanziellen Möglichkeiten wird verpönter. Menschen entscheiden sich für den «Luxus für sich» statt dem Luxus, den andere zu sehen bekommen.

 

   epd: Sie leiten den Studiengang «Brand Management für Luxus und High-Value Brands» an der Hochschule Pforzheim. Werden Themen wie Nachhaltigkeit und Ethik für Luxus-Marken wichtiger?

   Fastoso: In der Tat. Da Materialismus als wachsendes Problem wahrgenommen wird, wollen immer mehr Menschen zeigen, dass das Materielle, das man besitzt, gewisse soziale Standards einhält. Daher kommunizieren immer mehr Luxusmarken ihre Bestrebungen, nachhaltiger zu werden.

 

epd: Wenn Sie an die Kirchen denken, gibt es dort etwas, was Sie als Luxus bezeichnen würden?

   Fastoso: Mit Luxus im kirchlichen Kontext habe ich mich noch nicht befasst, die Thematik ist aber sicherlich erforschenswert. Etwas übergreifender stelle ich aber fest, daß viele Konsumenten in der heutigen Zeit sich mehr als zuvor Gedanken um den Sinn des Lebens machen.

   In einer Zeit, die für viele durch den Konsum vermeintlicher materieller Notwendigkeiten und Rastlosigkeit bezeichnet ist, kann man eine Kirche - sowohl das Gebäude als auch die Gemeinschaft darin - als «Luxus» betrachten. Als etwas Besonderes und Außergewöhnliches.

 

epd: Was ist für Sie persönlich Luxus?

Fastoso: Luxus ist kostbar und rar. Zeit zu haben für das, was mir wichtig ist, ist für mich Luxus.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 28. März 2021, 19:31 Uhr


Der Ausdruck "Luxus" ist eine gute Wahl um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Für mich ist Kirche Kultur. Da Corona wie alles Andere auch, die Kultur auf ein Minimum zusammenstreicht, leuchtet Kirche als Luxus ein:-)
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