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Grafik: TSEW

Der Tag des Ablästerns

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 13 / 2021

Bernd Becker | 29. März 2021

Hohn und Spott für die Schwachen - das trifft heute genauso zu wie vor 2000 Jahren. Gedanken zum Karfreitag.

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Grafik: TSEW

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Das Kreuz. Es ist das Symbol der Christenheit. Besonders an Karfreitag steht es im Mittelpunkt kirchlicher Verkündigung. Aber es ist immer wieder auch umstritten, ob innerhalb oder außerhalb der Kirche. In Bayern meinte man vor ziemlich genau drei Jahre sogar, im Eingangsbereich jeder bayerischen Behörde müsse eines aufgehängt werde. Bis heute stößt das auf manchen Widerstand. Am Kreuz scheiden sich die Geister. Auch innerkirchlich.

In evangelisch-reformierten Kirchengemeinden ist es zum Beispiel selten anzutreffen. Grund dafür: das Bilderverbot im zweiten Buch Mose. Andernorts sind vor allem Kinder manchmal irritiert über die Darstellung des Gekreuzigten, die ja tatsächlich martialisch anmuten kann. Das genau ist die Spannung: Einerseits wird mit dem Kreuz eine Foltermethode abgebildet, andererseits ist es immer noch beliebt als Schmuckstück oder Kunstobjekt.

Der Schriftsteller Navid Kermani hat sich vor einigen Jahren ausgesprochen kritisch zu dem Thema geäußert: „Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt. Nicht, dass ich die Menschen, die zum Kreuz beten, weniger respektiere als andere betende Menschen. Es ist kein Vorwurf. Es ist eine Absage. Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab.“ Barbarisch und körperfeindlich empfindet Kermani die Darstellungen Jesu.

Und nüchtern betrachtet ist das verständlich. Dass Christen ausgerechnet die Darstellung einer Hinrichtung als zentrales Symbol ihres Glaubens gewählt haben, kann befremdlich wirken. Es hätte ja auch zum Beispiel ein Herz sein können, das für die Liebe steht.

Der Gekreuzigte ist aber so gar nicht gefällig. Seine Abbildung zeigt größtmögliche Schwäche. Diese Schwäche ist schwer auszuhalten und fordert manchmal sogar zum Spott heraus. Im Neuen Testament wird es eindrücklich beschrieben, wie sich die Anwesenden noch über den sterbenden Jesus lustig machen: die Soldaten, die Passanten, die Schriftgelehrten und sogar die mitgehängten Mörder neben ihm. Sie alle verspotten und verhöhnen Jesus.

Der Heidelberger Theologe Manfred Oeming nannte daher Karfreitag einmal "den Tag des großen Ablästerns". Soll Gott ihm doch helfen. Wo sind jetzt seine Jünger? Alle weggelaufen. Selbst schuld. So die Rufe der Zaungäste der Kreuzigung. Sprüche, wie sie auch heute immer wieder zu hören oder zu lesen sind. Die Schwachen und Leidenden werden noch verhöhnt: Arme und Obdachlose, Flüchtlinge, Kranke und Behinderte. Genau für diese hat sich Jesus zeitlebens eingesetzt. Und sogar noch am qualvollen Ende seines Lebens begegnet er den Menschen mit Liebe, nicht mit Hass. Diese Haltung kann etwas bewirken. So spotten die Soldaten am Ende nicht mehr, sondern erkennen: "Wahrhaftig, er war Gottes Sohn". Das Kreuz verändert also, ob es an der Wand hängt oder nicht.

Es bleibt der Wunsch, dass auch an diesem Karfreitag wieder Menschen von Spöttern zu Liebenden werden. Das braucht diese Welt. Und solange das geschieht, ist Jesus mit seiner Botschaft am Kreuz nicht gescheitert!

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