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Das Studium der Bibel kann herausfordernd sein, aber auch faszinierend. (Foto: epd-bild / Gustavo Alabiso)

Aufgabe für ein ganzes Leben

Theologie

Aus der Printausgabe - UK 12 / 2021

Bernd Becker | 24. März 2021

Wie kann Theologie verständlich gelehrt und erklärt werden? Thorsten Dietz hat Ideen dazu

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Das Studium der Bibel kann herausfordernd sein, aber auch faszinierend. (Foto: epd-bild / Gustavo Alabiso)
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Thorsten Dietz (Foto: Evangelische Hochschule Tabor)

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Sie versuchen, durch Ihre Lehrtätigkeit und Ihre Vorträge, wissenschaftliche Theologie verständlich zu vermitteln. Sehen Sie da ein Defizit in der Verkündigung?
Thorsten Dietz: Ich nehme tatsächlich eine riesige Kluft wahr zwischen dem, was in der Theologie diskutiert wird und dem, was bei den Menschen davon wirklich ankommt. Ich meine, da müsste man noch mehr Brücken bauen. Ich lehre ja an einer pietistischen Fachhochschule, da ist das meine tägliche Herausforderung. Die Studierenden wollen meine Vorlesungen verstehen, deshalb muss ich Theologie verständlich rüberbringen. Ich versuche auch, Ängste davor zu nehmen. Mein Motto: Lasst uns gucken, was wir dabei positiv für unseren Glauben gewinnen können.

 

Erleben Sie es öfter, dass die Menschen Berührungsängste mit der Theologie haben?
Das ist weniger geworden. Ich bewege mich ja viel im innerkirchlichen Pietismus. Meine Studierenden sind nicht fundamentalistisch oder anti-modern. Natürlich gibt es manchmal Widerstände gegen manche Thesen der wissenschaftlichen Bibelauslegung. Wir haben an der Hochschule allerdings ein vertrauensvolles Klima und tasten uns dann gemeinsam an schwierige Fragen ran.

 

Haben Sie ein Rezept dafür?
Ich möchte vor allem viel Mut machen. Menschen sollen erst einmal versuchen zu verstehen, was in den Bibeltexten wirklich steht. Da ist man nicht nach zweimal Lesen gleich mit durch. Was heißt das zum Beispiel: „Jesus Christus, Gottes Sohn, für uns gestorben“? Solche Verse sind ja keine Aussagen zum Abnicken und Abhaken. Das sind Verstehensaufgaben für ein ganzes Leben. Ich finde das ungeheuer herausfordernd, aber auch faszinierend. Natürlich kann es verunsichern, wenn man merkt: Manches, was ich als Kind oder junger Mensch einmal dachte, war vielleicht etwas einseitig. Für manche ist es verwirrend zu sehen, wie unterschiedlich die Evangelisten Lukas oder Markus die Jesusgeschichte erzählen. Das gehört aber dazu, wenn man die Bibel verstehen will. Man muss dann manchmal auch eine Weile mit offenen Fragen leben können.

 

Manche Menschen haben Angst, dass ihnen durch die Theologie ihr Glaube genommen wird.
Na ja, ich bin selbst ja auch skeptisch gegenüber Skeptikern. Nehmen wir mal den Marburger Theologen Rudolf Bultmann aus dem letzten Jahrhundert – und vor allem manche seiner Schüler. Ich finde ihn in seiner Radikalität der Wunderkritik manchmal sehr ähnlich zu fundamentalistischen Bibelauslegungen. Er hat ein scheinbar glasklares System entwickelt, was möglich ist und was nicht. Dagegen würde ich sagen: Wir brauchen Mut, manches Geheimnis des Glaubens auch einmal auszuhalten. Gott wirkt meiner Meinung nach in dieser Welt in viel mehr Weisen, als wir fassen oder nachvollziehen können. Das gilt umgekehrt natürlich genauso, wenn etwa jemand sagt: Als Christ musst du alle Erzähltexte der Bibel für geschichtlich halten, auch dass die Welt erst 6000 Jahre alt ist und an sechs Tagen erschaffen wurde. Diese Extreme sind sich manchmal in ihrer vermeintlichen Klarheit ähnlich. Aus meiner Sicht brauchen wir eher ein wenig Demut. Dass wir nämlich nicht alles durchschauen und nicht alles in den Griff kriegen können. Es gilt, ehrfürchtig das Geheimnis nachbuchstabieren zu wollen, dass Gott uns in Jesus Christus nahe kommt – und für das eigene Leben etwas zu finden, auf das ich vertraue.

 

In Ihren Vorträgen beziehen Sie sich immer wieder auf moderne Musik, Filme und Serien. Hilft das zur Vermittlung?
Das ist genau meine Erfahrung. Vor zwanzig Jahren, frisch von der Uni landete ich in der Kirchengemeinde Ickern in Castrop-Rauxel. Dort, mitten im Ruhrgebiet, kam ich nicht weit mit meiner wissenschaftlichen Theologie. Zu der Zeit boomte Tolkiens „Herr der Ringe“, randvoll mit religiösen Motiven. Ich habe diese Themen dann in Jugendgottesdiensten und Andachten aufgegriffen. Später ähnlich mit Harry Potter. Dass das ankam, war für mich eine eindrückliche Erfahrung. Seitdem greife ich immer wieder auf solche Geschichten zurück, die uns in der Welt interessieren. Und ich bringe sie in Zusammenhang mit Glaubensfragen. Das gelingt übrigens mit meinen Kindern genauso.

 

Haben Sie selbst denn ein Faible für die sogenannte Pop-Kultur?
Ich bin tatsächlich Vielleser, war oft im Kino und schaue gern Serien. Dabei kann ich mich entspannen, aber ich gönne es mir gleichzeitig, mir theologische Gedanken dazu zu machen. Aktuelle Filme und Serien sind oft wie Zeitansagen und der Versuch, in Bildern und Geschichten zu deuten, was in der Welt los ist. Das ist doch auch das Geheimrezept in der Bibel, die Geschichte Gottes mit den Themen der damaligen Zeit zusammenzubringen. Diese Parallele fasziniert mich und treibt mich an.

 

Welche Themen sind das zum Beispiel?
Es ist im Kern eine Sehnsucht nach „mehr“. Der Traum von der großen Geschichte, auf dem Weg meiner Selbstwerdung so ein Held zu sein, dass ich das Leben bestehen kann. Held zu sein, das Leben zu bestehen, Selbstwerdung. Das Alte und Neue Testament erzählen davon, dass Menschen „von oben“ berührt wurden, dass Gott sich uns in der Geschichte Israels und in Jesus Christus offenbart hat. Damit hat er unsere Wege zu seinen Wegen gemacht und sich selbst eingespielt in unsere Geschichten. So verstehe ich auch Verkündigung: die Geschichte von Gott erzählen und unsere eigenen Geschichten damit in Berührung und in Kontakt bringen.

 

Dabei betonen Sie immer wieder, dass verschiedene Zugänge möglich sind.
Ja, nehmen wir einmal das Bild vom strafenden Gott. Natürlich gibt es dazu in der Bibel schwierige Geschichten, aber ich sage nicht: Wegwischen, alles Blödsinn! Wir sollten die Vielfalt der biblischen Stimmen hören, auch diejenigen, die vom Leiden, ja von der Erfahrung sprechen, wie fremd einem Gott werden kann. Es gibt ja die Geschichten vom fernen und fremden Gott, zum Beispiel im Buch Hiob. Das gehört dazu, wenn wir das Geheimnis unseres Lebens verstehen wollen. Und zuletzt vertraue ich darauf, dass dieser Gott unser Erlöser ist und dass es am Ende ein heilvolles Geheimnis ist.

 

Sie selbst haben ja eine sehr wechselvolle Glaubensbiographie.
Mein Weg ist sehr speziell. Als Jugendlicher war ich dogmatischer Atheist, Existenzialist und Marxist. Ich habe dann zum christlichen Glauben gefunden und gleichzeitig Theologie und Philosophie studiert. Seitdem übe ich mich ständig darin, mich in ganz unterschiedliche Perspektiven hineinzuversetzen. Das ist für mich ein bisschen leichter als für andere, weil ich eben schon sehr unterschiedlich auf die Welt geguckt habe. Ich sehe leider zu viele Menschen, die in ihrer eigenen Blase feststecken und da gar nicht mehr rauskommen. Das ist doch schade. Insofern versuche ich weiter, meinen bunten Weg als meine eigene „Superkraft“ – in der Sprache moderner Serien – anzunehmen und zu kultivieren.

 

Oft wird gesagt, auf den Kanzeln würde zu wenig Theologie an die Gemeinde vermittelt. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ich bin mir da nicht so sicher. Manche Debatte in der Theologie versteht ja auch kaum noch ein Mensch. Das ist ein echtes Problem. Und wie soll man im Pfarrdienst ständig die neuesten Erkenntnisse aus der Theologie aufnehmen? Dazu kommen Kausalien, Verwaltung und Alltagsstress. Ich meine allerdings, theologische Ausbildung und kirchliche Praxis müssten noch mehr zueinander kommen. Theologie sollte stärker auf Fragen aus der Praxis eingehen. Und der Gemeindealltag sollte stets Spuren von Theologie enthalten. Entscheidend ist jedoch, dass wir uns und anderen das Wort von Gott sagen, dass keiner von uns sich selbst sagen kann. Natürlich können wir uns selbst sagen, dass etwa Dankbarkeit und Gelassenheit gute Haltungen im Leben sind. Das ist dann so eine Alltags-Spiritualität. Allgemeine Gnade. Das ist gut, aber eben nicht die Botschaft, die es vielleicht darüber hinaus noch gibt. Nämlich die ganz große Geschichte von Gott und den Menschen. Wenn es die nicht zu hören gäbe, könnte man die Kirchen auch zumachen.

 

Wie sehen Sie überhaupt die Zukunft der Kirche?
Man muss sich um die Kirche in der westlichen Welt schon Sorgen machen. Sie wirkt auf mich wie ein Magnet, der den Magnetismus verliert. Peter Sloterdijk sagte einmal, der kirchliche Protestantismus liege längst im Abklingbecken der Geschichte, er lebe noch von der Restwärme früherer Zeiten. Daneben gibt es weltweit eine heißblütige, leidenschaftliche Frömmigkeit bei Pfingst- und evangelikalen Kirchen, mit einem Feuerwerk auf der Bühne, aber manchmal auch mit einer Anfälligkeit für Nationalismus und Fundamentalismus. Das haben wir in den USA gesehen und erleben es teilweise auch bei uns. Ausgrenzung von allen, die man als fremd empfindet, und Abwertung von Frauen gibt es in manchen Kreisen noch viel zu häufig. Das halte ich für eine furchtbare Alternative. Meiner Ansicht nach wird Folgendes passieren: Manche Formen des traditionellen kirchlichen Christentums werden verschwinden, dafür gibt es an anderen Stellen Neuanfänge. Damit gilt es klarzukommen: Neue Taufen, frische Aufbrüche, aber auch viele Beerdigungen. Wir müssen Abschied nehmen von Formen, die mal gut waren und ihre Zeit hatten. Dazu braucht es eine gewisse Gelassenheit, aber auch den Willen, loszulassen und neu anzufangen. Ich denke, die Landeskirchen benötigen noch mehr innere Bereitschaft, diese Umformungsphase als wirkliche Krise anzunehmen. Es ist ja auch eine Chance zum Experimentieren. Denn was das Neue einmal sein wird, kann man nicht auf einer Synode beschließen. Ich persönliche wünsche mir durchaus mehr evangelikales Feuer, allerdings ohne Scheuklappen und Ausgrenzungen. Und ich wünsche mir, dass die Kirche weiter mit Glaubensgeschichten arbeitet, die Menschen begeistern. Ich sehe eine Sehnsucht danach und entdecke schon manche solcher Aufbrüche. Und so kann man weiterleben.

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