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Im Zwiegespräch mit Jesus: Fernandel als Pfarrer Don Camillo, der sein politisches Engagement im Kampf gegen seinen kommunistischen Widersacher, den Bürgermeister Peppone, immer vor dem Hergott zu rechtfertigen versucht. (Foto: picture alliance/United Archives/IFTN)

„Pferdegesicht“ mit Soutane

Film

Aus der Printausgabe - UK 09 / 2021

Silke Uertz | 26. Februar 2021

Vor 50 Jahren starb der Schauspieler Fernandel. Er spielte in 125 Filmen, am bekanntesten wurde er als „Don Camillo“

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Im Zwiegespräch mit Jesus: Fernandel als Pfarrer Don Camillo, der sein politisches Engagement im Kampf gegen seinen kommunistischen Widersacher, den Bürgermeister Peppone, immer vor dem Hergott zu rechtfertigen versucht. (Foto: picture alliance/United Archives/IFTN)
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Don Camillo macht ihn berühmt, doch Fernandel war auch in vielen anderen Kassenschlagern zu sehen – hier mit Filmpartnerin Zsa Zsa Gabor. (Foto: picture alliance/Everett Collection)

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Ob im Zwiegespräch mit Jesus oder im Streit mit seinem Widersacher Peppone – ohne sein ausgeprägtes Mienenspiel ist Don Camillo nicht vorstellbar. Die komische Filmfigur begeisterte die Massen der 1950er und 1960er und sorgte für volle Kassen in den Kinos. Der Darsteller, der französische Schauspieler und Sänger Fernand Joseph Desire Contandin, genannt Fernandel, war mit einem lustigen „Pferdegesicht“ ausgestattet, wie er es selbst beschrieb. Er starb am 26. Februar 1971 in Paris.

Bereits als Kind auf der Bühne

Geboren wurde der Mann, dessen Künstlername auf seine Schwiegermutter zurückgeht, am 8. Mai 1903 in der Hafenmetropole Marseille. Geprägt durch seine Eltern, die in tanz- und gesangbetonten Vaudeville-Theatern auftraten, stand er bereits als Kind auf der Bühne. Er absolvierte auf Wunsch des Vaters eine Lehre als Bankkaufmann und arbeitete parallel weiter an seiner Künstlerkarriere. Um sie voranzutreiben, zog er mit Ehefrau Henriette Felicie Manse und dem ersten seiner insgesamt drei Kinder 1928 nach Paris und spielte in Revuen und Operetten. Zwei Jahre später drehte er seinen ersten Film – von insgesamt 125.

Fernandels Bekanntheit stieg mit den Jahren, vor allem in Frankreich. Mit dem Ruhm wuchsen auch seine finanziellen Möglichkeiten: 1939 baute er westlich von Marseille auf den Klippen eine Villa. Im gleichen Jahr, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, traf Fernandel in Berlin den kunstfreudigen NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Kein Einzelfall: Fernandels opponierte zu Zeiten des Vichy-Regimes in Frankreich, das mit Nazi-Deutschland zusammenarbeitete, nicht, sondern zählte zu den Kollaborateuren. So konnte er weiter als Künstler arbeiten.

1952 ging es los mit den Don-Camillo-und-Peppone-Filmen nach den Büchern von Giovanni Guareschi. Sie erzählen Geschichten in einer fiktiven italienischen Stadt in der Nachkriegszeit rund um die Streithälse Don Camillo – einem meinungsfreudigen Pfarrer – und dem Bürgermeister Peppone (Gino Cervi), einem fanatischen Kommunisten. Don Camillo mischt sich ständig in die Politik ein und greift dabei zu ganz eigenen Mitteln: Er lässt bei einer Rede Peppones die Glocken läuten, um ihn zu übertönen. Genauso, wie es heute Pfarrerinnen und Pfarrer bei Kundgebungen von AfD, Pegida oder Querdenkern handhaben. Immer wieder sucht der schlitzohrige Priester mit der wallenden schwarzen Soutane Rat im Zwiegespräch mit Jesus, etwa in „Don Camillos Rückkehr“ (1953), „Die große Schlacht des Don Camillo“ (1955), „Hochwürden Don Camillo“ (1961) und „Genosse Don Camillo“ (1965). Von ihm aufgeregt angesprochen, übermittelt ihm das Kruzifix über dem Altar der Kirche besänftigende Antworten. Nicht nur deswegen hegen viele Geistliche Sympathie für die Reihe: Unter anderen haben sich der emeritierte Papst Benedikt XVI. wie auch sein Nachfolger Franziskus als Fans geoutet.

Zeitlebens blieb Fernandel, der sich auch als Sänger humorvoller Chansons verdingte, frei von privaten Skandalen. Er war mit dem Schauspielerkollegen Jean Gabin befreundet und unterhielt mit ihm die Produktionsfirma „Gafer“. Fernandel drehte mit Stars wie Louis de Funes, Buster Keaton, Frank Sinatra und Heinz Rühmann. Fernandels Popularität war so groß, dass Charles de Gaulle über ihn sagte, er sei der einzige Franzose, der berühmter als er selbst sei.

Leben mit gutem Essen, Pastis und Zigaretten

Aber der Südfranzose war nicht nur beliebt, sondern auch ein Lebemann. Er liebte gutes Essen, Pastis und Zigaretten. Bei den Dreharbeiten zum sechsten Don-Camillo-und-Peppone-Film starb er in seinem Pariser Appartement an Lungenkrebs. Bestattet wurde er auf dem Friedhof Passy im 16. Arrondissement, wo auch der Komponist Claude Debussy und der Maler Edouard Manet ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Ganz still ist es aber um Fernandel und um seine Rolle als Don Camillo nie geworden. Regelmäßig werden die Filme im Fernsehen wiederholt. Im italienischen Brescello, dem etwa 20 Kilometer nordwestlich von Parma gelegenen Drehort, informiert ein Museum über die Kultstreifen.

Vor der Kirche erinnert ein Denkmal an den streitbaren Pfaffen, dessen Darsteller es bis in den Himmel geschafft hat: Zwischen den Umlaufbahnen von Mars und Jupiter umkreist Fernandel die Sonne – als Asteroid.

Der Glaube des Don Camillo – zwischen Predigt und Prügeln

„Halte dich fest, Jesus!“ Hoch schwingt Don Camillo das schwere Kruzifix, bereit, zuzuschlagen – als die Kommunisten, die ihm den Weg versperren, im letzten Augenblick zurückweichen und sogar ihre Hüte ziehen. Ja, es wäre dem streitbaren Priester Don Camillo zuzutrauen, dass er sich mit dem Kruzifix als Waffe seinen Weg freiprügelt. Und auf der anderen Seite ist er ein herzensguter Mensch, der mit seiner fast kindlichen Frömmigkeit und seiner ganz engen persönlichen Beziehung zu Gott ein anrührendes Beispiel für praktische Frömmigkeit sein kann.

In allen Lebenslagen bespricht er sich mit seinem Gott, symbolisiert durch den am Kreuz hängenden Jesus. Und der hört sich alles geduldig an, die großen wie die kleinen Sorgen, den Zorn und die Rachegedanken gegen Don Camillos Gegenspieler und Seelenverwandten, den kommunistischen Bürgermeister Peppone. Dabei lässt er sich auf manche Diskussion mit seinem Diener ein: „Jesus, ich zermalme ihn!“ – „Das kommt nicht in Frage. Deine Hände sind zum Segnen da, nicht zum Prügeln.“ – „Du hast nur von meinen Händen gesprochen – aber die Füße ...“

Wie ein kleines Kind versucht der Priester manchmal, seine Prügel-Pläne vor Jesus zu verbergen und versteckt den Knüppel hinter seinem Rücken, während er sich am Hochaltar vorbeischleicht. Aber Jesus sieht alles und mahnt ihn mit sanfter Stimme: „Don Camillo, wirf das weg. Es ist sehr hässlich“. Allmächtig ist Jesus allerdings nicht; er ist darauf angewiesen, dass Don Camillo auf seine Worte hört und selbst den Weg des Friedens und der Nächstenliebe geht – was nicht immer gelingt.
In den meisten Fällen beugt sich der jähzornige Priester jedoch Jesu Rat, wenn auch auf kreative Weise. Mal übertönt er bei der Parteiversammlung auf dem Kirchenvorplatz die politischen Parolen mit Glockengeläut. Dann wieder sorgt er auf nicht ganz legale Weise für Frieden, indem er ein geheimes Waffenlager der Kommunisten in die Luft sprengt.

Manchmal aber hilft alle Sanftmut nicht weiter. Dann schlägt der fromme Priester zu – auch wenn er das Kruzifix aus Rücksicht vor Jesu Gefühlen vorher zur Wand dreht.
Dafür muss er Buße tun. Eine Zeitlang scheint es sogar so, als habe Jesus Don Camillo alleingelassen in dem kargen Bergdorf, in das er strafversetzt wurde – der Priester leidet mehr unter Jesu Schweigen als unter der Unfreundlichkeit der Gemeindeglieder. Aber er weiß auch hier Rat: In einer Nacht- und Nebelaktion holt er sich sein Kruzifix aus der alten Kirche, entschuldigt sich bei Jesus und schleppt ihn durch einen Schneesturm den Berg hinauf – und ist überglücklich, als er Jesu Stimme wieder hört: „Ach Herr, du bist es. Du sprichst zu mir!“ – „Ich habe nicht aufgehört, zu dir zu sprechen“, lautet Jesu Antwort. „Aber du hast mich nicht gehört. Weil du deine Ohren verstopft hast mit Stolz und mit Hochmut. Aber ich habe den Eindruck, dass du sie inzwischen gewaschen hast.“

Der Gott des Don Camillo ist ein nahbarer Gott, der mit Nachsicht und Humor die Irrungen seiner Menschen begleitet und ihnen dabei ins Herz sieht – dem Priester ebenso wie dem offiziell atheistischen Peppone. Dass beide letztlich für die gleiche gute Sache kämpfen, erkennt Gott vorbehaltlos an. „Die Menschen sind nun einmal Menschen“, lautet sein Urteil – und das erträgt er in Liebe und mit einem Augenzwinkern. leg

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