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Grafik: TSEW

Der gute Blick zurück

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 09 / 2021

Karin Ilgenfritz | 1. März 2021

Die Bibel sagt: Wer zurückblickt, ist nicht geschickt zum Reiche Gottes. Warum es manchmal trotzdem gut ist, erst in die Vergangenheit zu schauen, um sich dann der Gegenwart zu stellen.

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Blättern in alten Fotoalben. Erinnerungen steigen auf. An Familienereignisse und -feste, an den ein oder anderen Urlaub, an Erfolge und an liebe Weggefährten. Aber auch an Zeiten und Momente, die nicht so gut waren.

Erinnerungen gehören zum Menschsein. Ohne Erinnerungen fehlen uns die Wurzeln und die Orientierung für das Leben. Gute Erinnerungen sind eine Kraftquelle. Sie können in schweren Lebensphasen eine wichtige Ressource sein. Wenn ich realisiere, was ich schon alles geschafft habe. Wieviel positive und schöne Erlebnisse ich hatte. Welche Menschen für mich da waren, wie sehr mich Eltern, Großeltern oder andere Personen geliebt haben. Und auf wen ich auch heute zählen kann.

In schweren Zeiten hilft es, sich daran zu erinnern, was mir in früheren Krisen geholfen hat. Oft lassen sich daraus für die aktuelle Situation Lösungsmöglichkeiten ableiten.

Schlechte und schwere Erinnerungen ziehen nach unten. Zumindest dann, wenn wir uns ihnen nicht stellen wollen. Eine jüdische Weisheit sagt: „Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

Es gibt schreckliche oder gar traumatische Erinnerungen, mit denen man allein nicht fertig wird.Seien es schlimme Erlebnisse in der Kindheit und Jugend. Misshandlungen oder Missbrauch. Schwierige Beziehungen zu Partner oder Partnerin. Oder auch, wenn man selbst Mist gebaut hat, schuldig geworden ist.
Um mit solchen Erinnerungen gut leben zu können, sie integrieren zu können, braucht es die Hilfe von Expertinnen und Experten. Da können etwa seelsorgerliche Gespräche helfen oder aber eine Therapie.

Auch der Glaube kann eine Ressource sein. Der Sonntag Reminiszere geht auf Psalm 25, 6 zurück: Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit. Traditionell wird an diesem Fastensonntag der verfolgten Christen gedacht. Das Wort „reminiszere“ oder „reminiscere“ kommt aus dem Lateinischen und kann übersetzt werden mit: gedenken, sich erinnern.

Wie der Psalmbeter können wir Gott bitten, dass er an uns denkt. Dass er uns beisteht – so wie er es bei unzähligen Menschen bereits getan hat. Die Bibel erzählt viele Geschichten darüber: Gott fordert Menschen wie Jona, Elia, Jeremia, Maria, Johannes oder Petrus. Aber er hilft ihnen auch. Daran können wir Gott erinnern und ihn bitten, auch uns zu helfen. Oder auch daran, wie er uns in der Vergangenheit schon beigestanden hat – nach dem Prinzip: „Du hast mir damals so wunderbar geholfen, stehe mir auch diesmal bei.“

Der Blick zurück dient auch dazu, um zuversichtlich nach vorn zu schauen. Erinnerungen können Kraft, Selbstvertrauen und Gottvertrauen stärken. Selbst Krisen können zu positiven Erinnerungen werden, wenn wir sie gut überstanden und gemeistert haben. Dann können wir uns – manchmal mit Schaudern – an schwere Lebensphasen erinnern und uns sagen:  „Was haben wir schon alles geschafft. Wir meistern auch zukünftige Krisen.“

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