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Eine Anzeige mit der Aufschrift "Der nächste Karneval kommt. Köln haelt durch. Gemeinsam" steht in der Innenstadt von Köln. (Foto: epd)

Zuversicht und kreatives Narrentum

epd-Gespräch

Silja Thoms | 16. Februar 2021

Karnevalsforscher sieht Brauchtum durch Corona nicht gefährdet.

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Eine Anzeige mit der Aufschrift "Der nächste Karneval kommt. Köln haelt durch. Gemeinsam" steht in der Innenstadt von Köln. (Foto: epd)

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Köln (epd). Rote Pappnase auf und Wohnung schmücken: Karnevalsforscher Wolfgang Oelsner lässt das närrische Brauchtum am Rosenmontag nicht ganz ausfallen. Dass der Straßenkarneval wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr abgesagt wurde, sei tragisch für Künstler und andere Menschen, die davon leben, sagt der Kölner Jugendpsychotherapeut im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dem Karnevalstreiben an sich werde die Pandemie aber keinen
Abbruch tun.

epd: Wie wichtig ist eigentlich der Karneval?

   Wolfgang Oelsner: Karneval hat die Fähigkeit, die Welt zu vereinfachen und mal anders zu sehen als sonst. Es ist ein entlastendes und ein den Menschen bereicherndes Moment und einfach ein schönes Erlebnis, das vielleicht etwas mit dem Urlaub als leichter Seite des Lebens gemein hat, in dem man sich anders kleidet und mit anderen Menschen zusammen ist als sonst im Alltag. Es ist eine Art Erholung vom Alltag. Karneval ist also eine ritualisierte Form des Perspektivwechsels. Dass man damit als Erwachsener noch einmal spielerisch umgehen kann, ist eine wichtige Daseins-Dimension.

epd: Was macht es in der aktuellen Situation mit den Menschen, dass in diesem Jahr auch noch der Straßenkarneval ausfällt?

   Oelsner: Es gibt zum einen die Menschen, die in dieser Brauchkultur zuhause sind, in Zünften oder Gesellschaften aktiv sind. Und dann gibt es die, die es einfach so im Kalender stehen haben, mitmachen, wenn die Angebote da sind, und es aus der Konsumentensicht heraus erleben. In diesem Jahr gibt es aber keine Veranstaltungen, und das ist vielleicht so, als würde man einen Urlaub absagen: Es ist schade, aber nicht schlimm. Damit können Menschen umgehen. Es sind Frustrationen, die zu unserem Leben dazugehören. Die große Lebenskunst ist, damit umzugehen, sie zu verkraften und zu verarbeiten. Es ist aber keine Katastrophe und auch keine Traumatisierung. Genau wie das nächste Weihnachten wieder kommen
wird, kommt auch das nächste Karnevalsfest wieder. Natürlich ist die Absage aber auch eine Tragödie für diejenigen, die davon leben, also die Bands oder die Künstler auf den Bühnen, weil das Hauptjahresgeschäft kaputt ist.

epd: Sie sprechen von Brauchkultur. Was ist das Besondere daran?

   Oelsner: Eine Brauchkultur ist kein Event, das stattfindet oder eben nicht, sondern sie hat eine Kontinuität und kann es verkraften, einmal auszufallen. Wenn sie eine Substanz hat, kommt sie aber wieder und geht nicht kaputt. Innerhalb einer Brauchkultur gibt es automatisch eine Perspektive auf morgen. Durch diese Kontinuität hat sie eine tröstliche Funktion. Diese Kontinuität wird in diesem Jahr
gepflegt, indem man einen Platzhalter bietet für eine Zeit, die kommen wird, zum Beispiel einen alternativen Rosenmontagszug oder Dekoration.

epd: Wie gehen die Jecken mit dieser Situation um?

   Oelsner: Die Gruppe, die ohnehin eine hohe Affinität zum Karneval hat, ist in diesem Jahr sehr kreativ. Das erreicht nie die Stimmung, die man sonst hat, aber es ist nicht nichts. Es ist rührend zu sehen, wie die Menschen trotz Distanz eine Nähe aufrechterhalten. In Köln zum Beispiel werden «karnevalistische Care-Pakete» verschickt, in denen rote Schaumstoffnasen, Konfetti oder Luftschlangen drin sind, bei manchen ist ein kleines Piccolöchen drin, bei anderen eine Winzer Wurst aus der Pfalz, Liederhefte oder auch ein Orden. Manche Präsidenten der Gesellschaften bringen die Päckchen zu ihren Leuten von Tür zu Tür oder in karitative Einrichtungen, die man sonst mit einer lustigen Veranstaltung bespielt hat. Wir können jetzt nicht die üblichen Brauchformen leben, aber das nimmt unserem Zusammengehörigkeitsgefühl und vor allem der Hoffnung und der Zuversicht, dass es wieder andere Jahre geben wird, nichts. Die Jecken bedauern das auf der einen Seite, aber sie verfallen nicht in die Dumpfheit, es irgendjemandem in die Schuhe zu schieben, sondern man betrauert es.

epd: Was könnten denn eingefleischte Jecken in diesen Tagen tun, um nicht Trübsal zu blasen?

   Oelsner: Man könnte eine Zoom-Konferenz mit witzigen Veranstaltungen machen. Es gibt Streamingdienste, bei denen man sich die Büttenreden online herunterladen kann. Auch die Wohnungen können geschmückt werden. Einige Musikgruppen spielen nun statt der Stimmungskracher eher die anrührenden, melancholischen Melodien. Ich bin mir sicher, dass man auf den Straßen ganz viele Menschen erleben
wird, die etwas Buntes und hier in Köln den Mottoschal tragen werden, vielleicht mit einer Pappnase oder einem Hütchen rausgehen oder ein Clowns-Kostüm tragen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen mit Kostüm in die Geschäfte gehen. Es wird also unter Wahrung der Corona-Regeln etwas passieren.

epd: Was könnten Familien mit Kindern an Karneval machen?

   Oelsner: Man könnte die Wohnung mit Luftschlangen schmücken, mit den typischen Fastnachts-Gebäcken feiern oder zuhause «Kamelle-Werfen» spielen, eine schöne Narrenkappe aufsetzen und ein Video laufen lassen. Es gibt auch Kinder, die einen kleinen Umzug aus Legosteinen gebaut haben. Für Kinder im Vorschulalter ist nämlich nicht nur dieses Verkleiden wichtig, sondern auch dass sie in eine Brauchkultur hineinwachsen, bei der sie merken, dass die Wohnung an manchen Tagen anders aussieht und sich die Familienangehörigen vielleicht auch anders verhalten.

epd: Wird man Karneval in Zukunft anders wahrnehmen?

   Oelsner: Karneval kommt medial immer als das extrovertierte, laute, ausgelassene Fest rüber, das die Gefahr birgt, über die Stränge zu schlagen. Aber wie bei jeder Brauchkultur gibt es auch eine introvertierte Seite. Der Karneval hat seit eh und je diese melancholischen, heimatverbundenen, auch heimwehbetonenden Seiten. Zum Teil ist es doch reine Nostalgie, denn dort ist man zuhause. Karneval hat immer auch diese tröstende Botschaft aus dem introvertierten Bereich, und die kann sich in diesem Jahr mal ein bisschen breiter machen, sich bemerkbarer machen mit dem Wissen, dass es nächstes Jahr wieder anders sein wird.

epd: Köln hat eine alternative Lösung für den Rosenmontagszug gefunden, hilft sowas?

   Oelsner: Köln hat eine städtische Puppenbühne, und man musste erst einmal auf die Idee kommen, dass die den Rosenmontagszug nachspielt. Das ist genau das Kreative, das ich so bewundere. Puppen können sich nicht anstecken und das ist eine tolle Idee, etwas, das unserer Gesellschaft oft so fehlt, die platt immer alles direkt haben muss. Das ist eine Symbolik: Der Mensch kann es momentan nicht feiern, die Puppen können es, und für uns kommt auch wieder die Zeit. Das tut der
Seele, auch der närrischen Seele, einfach gut.

epd: Was machen Sie denn am Rosenmontag?

   Oelsner: Ich schmücke meine Wohnung und werde mit einer roten Nase meine Dinge machen in Köln. Ich werde meine Praxis am Rosenmontag auch nicht aufmachen.

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Leser-Kommentare öffnen

Matthäus53, 17. Februar 2021, 19:31 Uhr


Wenn ich derzeit das viele Leid der Flüchtlinge und der Kriegsopfer in Afrika und Arabien oder die Leiden der Demonstranten im Fernsehen mit ansehen muß, ist mir eigentlich jeder unnütze Witz oder Belustigungsmusik aus dem Sinn entschwunden, obwohl ich auch kein Mensch von Traurigkeit bin und auch gerne zum Scherzen aufgelegt bin. Ich glaube auch nicht , daß unbedingt die Faschingsfreuden verloren gehen, aber vielleicht setzt später wenigstens bei einigen Büttennarren auch ein Umdenken, mehr zum ehrlichen Witz , anstatt den , für unter die Gürtellinie ein ?
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